Zäh wie Leder

Die TV-Moderatorin Michelle Hunziker schaffte in einem Kraftakt den Ausstieg aus einer Esoteriksekte.

Versank tief im Sektensumpf: Michelle Hunziker.

Versank tief im Sektensumpf: Michelle Hunziker. Bild: Keystone

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Sie ist schon oft und genüsslich totgesagt worden. «Italiener schiessen Michelle ab», titelte etwa der «Blick» nach der Schlappe bei «Superstar» auf «Italia 1»; das war vor sieben Jahren. Michelle Hunziker werde bald vom Bildschirm verschwinden, prophezeite ihr der TV-Kollege Beni Thurnheer. Ihre Trümpfe schienen zu vergänglich: ein quotenträchtiges Gesicht und eine tolle Figur. Doch Hunziker, aufgewachsen in Ostermundigen und Zuchwil, hielt sich. In «Wetten dass . . .?» strebt sie ihrem bisherigen Karrierehöhepunkt entgegen.

Meisterleistung fernab des Rampenlichts

Die 34-Jährige ist eben nicht nur schön, sondern auch zäh wie Leder. «Drannebliibe», rief sie jeweils auf TV3. Der Schweizer Sender blieb nicht dran und ging ein, Michelle Hunziker hingegen überlebte. Sie steckte alles weg, selbst ihre Sektenkarriere. Und dies so souverän, dass sie heute darüber sprechen kann, ohne Angst vor den Folgen zu haben. Das war eine Meisterleistung fernab des Rampenlichts und dokumentiert eine andere Seite der Moderatorin. Michelle Hunziker versank damals so tief im Sektensumpf, dass sie unterzugehen drohte. Denn Verstrickung und Abhängigkeit waren total: Der Sohn der italienischen Gurufrau Giulia Berghella (55) wurde auch ihr Manager und Lebenspartner. Marco Sconfienza wich nie von ihrer Seite, er hatte die permanente Kontrolle über seine prominente Beute. Hunziker sagte damals: «Er beschützt mich.»

Krieger des Lichts

Diese Kontrolle über Geist, Finanzen und Körper hätte sie beinahe ruiniert. Sie sah sich als Kriegerin des Lichts und praktizierte esoterische Rituale. Zur virtuellen Welt der Fernsehshows kam eine noch verrücktere Parallelwelt. Konkret: die esoterische Pseudowirklichkeit des Esoterik-Schriftstellers Paulo Coelho. Sein «Handbuch des Kriegers des Lichts» ist ein Leitfaden für mirakulöse Wunder: «Ein Krieger des Lichts glaubt. Weil er an Wunder glaubt, geschehen auch Wunder», schrieb der Autor und elektrisierte breite Kreise der Esoterik-Szene. Im Buch herrscht ein Ton weihevoller Egozentrik: «Wenn man etwas ganz fest will, dann setzt sich das ganze Universum dafür ein, dass man es auch erreicht.»

Michelle Hunziker erwischte es im Jahr 2000. Als ihr Vater starb, fiel sie in ein Loch. Eine klassische Sektenfalle. Die Anhänger der Geistheilerin Giulia Berghella reichten ihr die Hand. «Diese Leute tauchen im Moment der grössten Verletzlichkeit auf», erzählte Hunziker nun ihrer Freundin und Journalistin Simona Ventura, «ich war eine leichte Beute.» Hunziker verlor nicht nur ihren Vater, sondern auch ihre Mutter und ihren Ehemann, den Sänger Eros Ramazzotti. Und beinahe ihre damals dreijährige Tochter Aurora. Denn die Moderatorin wurde nach Sektenmanier von ihrer Umgebung isoliert; die Konflikte mit ihrem Mann eskalierten. Dieser kämpfte um das Sorgerecht für seine Tochter und bewirkte vor Gericht, dass Michelle Hunziker Aurora nicht mehr zur Sekte mitnehmen durfte. Das kleine Mädchen blieb deshalb der letzte enge Kontakt zur Realität. In einem Kraftakt löste sich Hunziker 2006 von der Kultsekte. Mitgeholfen hatte angeblich auch ihr Vater: «Er erschien mir im Traum und sagte, es sei Zeit, aufzuwachen.» So schaffte sie das beinahe Unmögliche. Ihr sei es wie einer Drogenabhängigen ergangen: «Davon loszukommen, ist sehr, sehr schwierig.» Und wirklich: Verglichen mit diesem Kampf erscheint ihre TV-Karriere fast als Spaziergang. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.04.2011, 20:46 Uhr

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Michelle Hunzikers Karriere

Michelle Hunzikers Karriere Vom Berner Model zur Samstagabend-Moderatorin

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