Pipi vom Präsidenten

Der Präsident des europäischen Leichtathletik-Verbandes schlug vor, alle Weltrekorde vor 2005 zu streichen. Er selbst soll jedoch Doping vertuscht haben.

Wollte er mit Doping-Vertuschungen den Imageverlust der Leichtathletik bremsen? European-Athletics-Präsident Svein Arne Hansen.

Wollte er mit Doping-Vertuschungen den Imageverlust der Leichtathletik bremsen? European-Athletics-Präsident Svein Arne Hansen.

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Als Chef eines Leichtathletik-Meetings hat man ja durchaus einiges zu tun. Man hält die Fäden zusammen, verhandelt mit Athleten, bewirbt das Event. Blöd nur, wenn ein Athlet positiv getestet wird – das zersetzt die Glaubwürdigkeit.

Wobei: Mancher Sportfunktionär fand da oft, nun ja, kreative Lösungen. Der Clan um den ehemaligen Leichtathletik-Präsidenten Lamine Diack soll zum Beispiel Doper erpresst haben; wer zahlte, konnte damit rechnen, dass seine Probe verschwand. Oder auch nicht.

Eine weitere, bislang eher unbekann­te Anregung, wird nun in Norwegen wieder debattiert: Der ehemalige Meeting-Direktor der Bislett Games in Oslo prahlte einst, er habe selbst sauberen Urin für verdächtige Athleten bereitgestellt. Das ist der Kern der jüngsten Affäre in der ­affärengetränkten Leichtathletik.

Pinkelte persönlich ins Glas

Der erwähnte Meeting-Chef ist Svein Arne Hansen, mittlerweile Präsident des europäischen Verbandes EAA, Mitglied im Council des Weltverbandes IAAF. Er machte zuletzt den, wie er fand, «revolutionären» Vorschlag, die Welt- und Europarekorde seines Sports zurückzusetzen, darunter manch toxische Marke aus den 1980er-Jahren. Um die ramponierte Glaubwürdigkeit aufzubessern, siehe: Doping, Erpressung, Diack. Allerdings soll auch bei den Bislett Games, die Hansen von 1985 bis 2009 beaufsichtigte, in derselben Epoche Doping verschleiert worden sein.

Die norwegische Zeitung «Verdens Gang» berichtet, dass die Organisatoren Urinproben von Athleten tauschten, die Gefahr liefen, enttarnt zu werden. Und einmal, so habe es Hansen erzählt, pinkelte er persönlich ins Glas. Nur ein Spass, dementierte der Norweger entrüstet. Überhaupt, schreibt der 71-Jährige auf Anfrage, seien alle Vorwürfe völlig «haltlos». Haltlos?

Angestossen hatte die Causa der ehemalige Hochspringer Patrik Sjöberg, der gemäss Hansens Vorschlag seinen Europarekord verlieren könnte. Sjöberg berichtete nun, dass Athleten bei Hansens Meeting sauberen Urin anlieferten, ­offenbar für Vertuschungen. Einer ­dieser Boten war er selbst, bis zu 1000 ­Dollar habe er verdient. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass Hansen davon nichts mitbekommen hat», sagte ­Sjöberg. Hansen drohte mit Klage.

Mittlerweile, schreibt er, habe ­Sjöberg alle Aussagen zurückgenommen. Die Tester durften damals natürlich testen, wie sie wollten. Ein Fahnder war Rune Andersen; er leitet derzeit die IAAF-Taskforce, die die Fortschritte (oder Rückfälle) in Russlands kollektiv gesperrter Leichtathletik überprüft. Andersen bestätigt Hansens Version.

Der Star forderte: Keine Tests

Weitere Kronzeugen zeichnen ein ­etwas anderes Bild – so Anne-Lise ­Hammer. Sie sass einst an den Knotenpunkten des Hochleistungsbetriebs, war Pressechefin der Bislett Games, betreute den britischen Sprinter Linford Christie, der 1999 positiv auf Nandrolon getestet wurde. «Alles war verhandelbar», sagt sie nun, auch in Oslo.

Sie habe erlebt, dass Sportler sich plötzlich abmeldeten, weil sie wussten, dass ihre Bahn für eine Dopingkontrolle ausgewählt worden war. «Das Wichtigste war», sagt Hammer, «dass es möglichst wenige Skandale und volle Tribünen gab.» Ingrid Kristiansen, eine ehemalige Langstreckenläuferin, assistiert: Sie sei fast immer getestet worden, während andere, potente Konkurrentinnen seltsam unbehelligt blieben.

Einer, der einiges dazu vortragen kann, ist der Holländer Henk ­Kraaijenhof, ein von Dopingvorwürfen umwehter Trainer (der stets alles abstritt). Kraaijenhof schilderte im Dezember 2013 auf seinem Blog, Hansen habe ihm und anderen Mithörern einst erzählt, dass er für sein Meeting in Oslo einen Topstar verpflichten wollte. Eine Bedingung: keine Tests. Also, habe ­Hansen erzählt, habe er den Urin selbst zur Verfügung gestellt.

Kraaijenhof hielt zunächst die Daten der Konversation fest: 3. März 1984 10 Uhr im Scandinavium von Stockholm, wo gerade die Hallen-EM stattfand. Mittlerweile sind die Daten gelöscht, die Anek­dote steht aber nach wie vor im Netz. Anne-Lise Hammer, Hansens ehemalige Pressechefin, hatte die Geschichte bereits 1988 in ihrem Buch «Doping ­Express» erwähnt. Hansen drohte damals, sie zu verklagen. Es blieb bei der Drohung. Warum eigentlich?

Alles nur ein dummer Scherz

Hansen schreibt auf Anfrage, dass er sich daran nicht mehr erinnern könne. Kraaijenhof verbreite Lügen, hatte er zuvor gesagt. Seine angebliche Urinprobe war halt ein «unangebrachter» Scherz in einer Bar. Und überhaupt: «Ich habe in meiner gesamten Karriere gegen die Plage des Dopings gekämpft.»

Derzeit arbeite die EAA an einer Plattform, auf der Kronzeugen Regelverstösse anzeigen können. Hansen selbst muss wohl nichts befürchten; Norwegens Verbandschef Ketil Tömmernes rügte ihn für seinen «unvorsichtigen» Scherz, ansonsten habe Hansen ja eine tadellose Reputation. Und die IAAF, mittlerweile gelenkt von Hansens ­Vertrautem Sebastian Coe, der in Oslo Weltrekorde über 800 Meter und die Meile erschuf? Sie äussert sich auf ­Anfrage nicht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.05.2017, 09:47 Uhr

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