Der ungeklärte Mord an Hulda Hotz

Vor 50 Jahren wurde die Prostituierte Hulda Hotz in Bern ermordet. Trotz intensiven Nachforschungen konnte kein Täter gefunden werden. Mats Staub begibt sich auf Spurensuche.

Die Einzimmerwohnung  von Hulda Hotz war voller Blumen. Die Polizei stellte «eine mustergültige Ordnung» fest.

Die Einzimmerwohnung von Hulda Hotz war voller Blumen. Die Polizei stellte «eine mustergültige Ordnung» fest. Bild: Stadtarchiv Bern

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Vom nie aufgeklärten Mord an Hulda Hotz hörte ich erstmals beim Kaffee im Hinterzimmer des Geschäfts für technische und antike Spielwaren an der Rathausgasse 45. Ruedi Zemp, der Besitzer, erzählte mir von der Zeit, als die Rathausgasse noch Metzgergasse hiess und landesweit als Rotlichtbezirk bekannt war. Abends sei «unter jedem Laubenbogen eine Dame» gestanden. Diese Damen hätten zur Gasse gehört, man habe sich gekannt und gut miteinander gelebt. «Die freundlichste von allen war Frau Hotz, aber die ist umgebracht worden, und den Mörder hat man nie gefunden.» – «Ja, die Hulda», seufzte Frau Uhlmann, die mit am Kaffeetisch sass.

Die langjährige Betreiberin des Lädelis an der Metzgergasse 32 berichtete, dass die Damen jeweils auch Besorgungen für die alleinstehenden «Mandlis» gemacht hätten, wenn diese krank gewesen seien. Frau Hotz habe sich beim Einkaufen bloss beklagt, dass sie am Morgen nicht länger schlafen könne, weil die Kinder zu viel Lärm machten. «Stimmt, wir waren laute Gofen», lachte Ruedi Zemp und begann von den vielen Italienern zu erzählen, die damals in der Gasse lebten.

Hulda Hotz’ Handgelenke

Die Geschichte wäre unter all den Geschichten beinahe in Vergessenheit geraten. Für die Audio-Besichtigung «Metzgergasse 2011» sammelte ich in diesem Frühjahr Lebensgeschichten von vierzig Menschen, die heute in der Rathausgasse wohnen und arbeiten (vergleiche Box). Erst in einem der letzten Gespräche stiess ich wieder auf den Mordfall. Ich hatte nicht danach gefragt, aber Henriette Siegrist, die im Wohnzimmer ihres Elternhauses an der Metzgergasse 41 geboren wurde, erzählte mir, dass Frau Hotz im Haus gegenüber gewohnt und ihr Schokolade geschenkt habe. «Sie hatte so dicke Handgelenke, das sehe ich heute noch vor mir. Und eines Tages war sie plötzlich tot.» Frau Hotz habe ihr einmal ihre Geschichte anvertraut, sie hätte darunter gelitten, dass sie von niemandem geachtet worden sei. «Sie wurde als Verdingkind missbraucht. Beide Handgelenke sind ihr gebrochen worden, deshalb konnte sie keine schweren Arbeiten mehr verrichten.»

Das Morddossier 100

Nun wollte ich es genauer wissen und fragte im Stadtarchiv nach. Mit Mario Marti hatte ich bereits erfolglos nach Fotos gesucht, die die Prostituierten unter den Laubenbögen zeigen. Diesmal kehrte der wissenschaftliche Mitarbeiter des Stadtarchivs mit einem kleinen Rollwagen in den Lesesaal zurück und fragte: «Haben Sie gute Nerven?» Auf dem Rollwagen standen fünf prall gefüllte Bundesordner und eine Kartonmappe, alle mit der Aufschrift «Morddossier 100 ? 4.9.1961 – Hotz, Hulda 99».

Die Fotos vom Tatort brauchen tatsächlich Nerven, richtiggehend elektrisiert war ich aber von den Ermittlungsakten. Ein Bericht zum Lebenslauf (Hulda Hotz wurde 1899 geboren, als Fünfjährige zu Landwirtsleuten verdingt und mit 16 Jahren wegen «schlechten Benehmens im allgemeinen» interniert; sie war drei Mal verheiratet und hatte einen unehelichen Sohn); ein Plan vom Mordhaus (die meisten Einzimmerwohnungen sind von italienischen Paaren bewohnt); Listen mit sichergestellten Materialien (u.a. «ein sauberer und ein staubiger Schnitzer») und mit allen Besitzern der in Notizbüchleins aufgefundenen Telefonnummern; Protokolle von abgehörten Telefongesprächen und von Einvernahmen mit Handlangern, Dachdeckern, Hilfsköchen, Buffettöchtern und PTT-Beamten. Die fünf Bundesordner bieten eine unglaubliche Vielzahl an Einblicken in Lebensläufe und Milieus. Zudem geben sie ein detailliertes Bild von der Arbeitsweise der Polizei aus dem Zeitalter der Schreibmaschine.

Was in der Mordnacht geschah

Die Geschichte hört sich, kurz zusammengefasst, so an. Am Montagmorgen, 4. September 1961, wird Hulda Hotz ermordet in ihrer Einzimmerwohnung an der Metzgergasse 38 gefunden. Sie liegt fast vollständig bekleidet, mit aufgeschlitzter Kehle auf dem Bettsofa – dort, wo sie in den letzten vierzehn Jahren sowohl geschlafen als auch ihr Geld verdient hat. «Frau Hotz betätigte sich zeitweise als Serviertochter, Haushälterin und Damenschneiderin», heisst es im Untersuchungsbericht, «seit Jahren lebte sie aber zur Hauptsache aus dem Erlös der Unzucht.» In der Wohnung «herrscht eine praktisch mustergültige Ordnung». Geraubt wurde offenbar nichts. Spuren gibt es einige, aber von keiner lässt sich eindeutig sagen, dass sie von der Täterschaft stammt. Und es fehlen klare Hinweise auf ein Motiv.

Polizei tappt im Dunkeln

Hulda Hotz war bereits 61-jährig. «Fast allen Anwohnern war die mittelgrosse, füllige Erscheinung mit dem ergrauten Haar im Strassenbild vertraut», heisst es in der Berner Tagwacht, die mehrfach über den Mordfall berichtet. «Übereinstimmend wird Hulda Hotz als gepflegte, gut gekleidete, stets freundliche Frau geschildert, deren Freude elegante Kleider, Reisen und Blumen waren.» In der Nacht vom 3. auf den 4.September haben Zeugen vier oder fünf Mal beobachtet, wie sie mit einem Mann in ihre Wohnung ging. Insgesamt melden sich 160Personen bei der Polizei. Diese hat in den Medien um sachdienliche Hinweise zu folgenden Fragen gebeten: «War Frau Hotz zur Zeit der Tat oder früher mit bestimmten Personen verfeindet? Kannte Frau Hotz bestimmte Geheimnisse anderer Personen? Fühlte sich Frau Hotz bedroht?»

Jedem Hinweis wird nachgegangen. Jede Befragung wird mit Schreibmaschine auf Durchschlagpapier protokolliert. In den ersten vier Wochen treffen sich die Ermittler täglich zu einerBesprechung, danach wöchentlich. Nach acht Monaten haben sie 268 Alibis überprüft. Bei 37 besonders verdächtigen Personen haben sie eingehendere Nachforschungen angestellt. Doch der Täter oder die Täterin konnte nicht ermittelt werden.

Das ist, kurz skizziert, die ganze Geschichte. Aber es wird um die Einzelheiten gehen. Davon bald mehr. (Berner Zeitung)

Erstellt: 20.08.2011, 13:38 Uhr

Die Prostituierte Hulda Hotz. Bei ihrem gewaltsamen Tod war die Frau 61-jährig. (Bild: zvg/Stadtarchiv Bern)

Ausstellung bildete den Ausgangspunkt

Der Künstler Mats Staub aus Bern stiess im Rahmen seines Projekts «Metzgergasse 2011» in der Berner Rathausgasse auf den unaufgeklärt gebliebenen Mordfall Hotz. Er erforscht und erzählt die Tatumstände in den kommenden Wochen exklusiv für die Berner Zeitung. Die verwendeten Namen sind meist verfremdet. Hinweise und Kommentare sind unter mordfallhotz@bernerzeitung.ch willkommen.

Vor 40 Jahren wurde die als Rotlichtbezirk berüchtigte Metzgergasse in Rathausgasse umgetauft. Mats Staub näherte sich in monatelangen Recherchen an die dort lebenden Leute und deren Geschichte an und machte die Gasse zur Ausstellung. Das Publikum begibt sich dazu mit einem iPod auf Entdeckungsreise durch die ehemalige Metzgergasse. Nach dem erfolgreichen Start am Festival «Wem gehört die Stadt?» des Theaters Schlachthaus können die iPods nun ab dem 25. August in den Geschäften «Bücher Eule», «DVD Mediathek
Dr.Strangelove» und «Peep Store» ausgeliehen werden. (ms)

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