Die Stadt der Schande

Seit 1997 sind in Rotherham 1400 Kinder von Männer-Gangs geködert, misshandelt und vergewaltigt worden. Wie war so etwas möglich?

Vom Glanz der einstigen Industrieblüte ist in Rotherham nicht viel übrig geblieben. Foto: Christopher Furlong (Getty Images)

Vom Glanz der einstigen Industrieblüte ist in Rotherham nicht viel übrig geblieben. Foto: Christopher Furlong (Getty Images)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Zur «City of Shame», zur Stadt der Scham und Schande, haben britische Boulevardblätter die nordenglische Stadt Rotherham in den letzten Tagen erklärt. Überraschend kommt das nicht.

Einem schockierenden Bericht zufolge sind in Rotherham im Laufe der letzten sechzehn Jahre über 1400 Kinder und Teenager von kriminellen Gangs geködert, bedroht, misshandelt, vergewaltigt und an Pädophile in anderen Städten weitergereicht worden. Weder die Stadtväter noch die Sozialbehörden hat das sonderlich gekümmert. Die örtliche Polizei hat sich geweigert, einzelnen Verbrechen nachzugehen. Sie hat Hilferufe wieder und wieder ignoriert.

«City of Shame»: Das Etikett schmerzt natürlich. Die ehedem stolze Stahlstadt droben in Yorkshire will nicht das schwarze Schaf sein. «Bestimmt gibt es das alles auch woanders», wehrt ein älteres Paar ab, das sich auf Rotherhams Zentralplatz in ein kurzes Gespräch einlässt. Immerhin sind auch aus anderen Städten – aus Rochdale, aus Oxford, aus Peterborough, aus Derby – jüngst Vorgänge dieser Art gemeldet worden.

Selbstverständlich könne niemand verteidigen, was in Rotherham geschehen sei, meint das Rentnerpaar: «Die Sache ist absolut scheusslich. Daran gibt es nichts zu rütteln.» Erfahren hat man vom Ausmass der Affäre durch Alexis Jay, eine unabhängige Kinderschutz­expertin. Die Professorin der Strathclyde-Universität in Glasgow war «der Sache» auf den Grund gegangen. Sie hatte ausgeleuchtet, was lange vermutet, aber bis dahin nie bestätigt worden war.

Die Wut auf Labour

Die Gutachterin studierte Dokumente und sprach mit vielen der betroffenen Mädchen. Typisch waren die Auskünfte einer jungen Frau, die sich im Alter von 11 Jahren mit drei Männern «anfreundete», die sie vorm Schultor kennen gelernt hatte. Das Kind, aus zerrütteten Familienverhältnissen, war glücklich darüber, dass die Männer es mit zu Partys nahmen, «und dass ich plötzlich irgendwo hingehörte». Für Alkohol und Haschpäckchen, die sie der kleinen Sarah spendierten, erwarteten die Männer allerdings Gegenleistungen – in Autos, in Parkanlagen, in Häusern irgendwo in der Stadt. Später sei sie auch in Nachbarstädte verfrachtet worden, um dort Wildfremden sexuell «zu Diensten» zu sein, sagte sie.

Ein anderes Mädchen war im Alter von 12 von einer Gruppe junger Männer in einer Einkaufsarkade der Stadt «aufgelesen» worden. Sie habe, berichtete die Betreffende, diese Männer als ihre Freunde betrachtet – bis sie ein Jahr später von einem in Anwesenheit der anderen brutal vergewaltigt worden sei. «Von da an», sagte sie, «wurde ich jede Woche einmal vergewaltigt.»

Eine dritte Zeugin war mit 15 «einem älteren Mann» in die Hände gefallen, «von dem ich glaubte, dass er mich liebte». Der Mann hatte in Wirklichkeit schon eine ganze Gruppe Minderjähriger von sich abhängig gemacht und betrieb einen lebhaften Mädchenhandel. Jays Bericht zufolge suchte sich das Mädchen in seiner Verzweiflung mit einer Überdosis Pillen zu töten. Seine Familie zerfiel, es selbst landete im Heim – und ist heute, als junge Frau, noch immer auf Hilfe angewiesen.

1400 solcher Fälle binnen sechzehn Jahren: Das, meint die Professorin, sei eine «vorsichtige Schätzung». Vor Schultoren, vor Kinderheimen und in den Einkaufszentren der Stadt wurden Mädchen, die fast ausnahmslos zur Unterschicht gehörten, «eingesammelt». Auch im Busbahnhof der Stadt versuchten die Rotherham-Gangs, Minderjährige abzufangen – und machten dort reiche Beute. Sie seien stets «nervös» gewesen, wenn sie den Busbahnhof benutzen mussten, erfuhr Gutachterin Jay

Noch gefährlicher war es, in Rotherham in ein Taxi einzusteigen. In dem nun enthüllten Missbrauchsskandal spielen Taxifahrer eine zentrale Rolle. Ihre Aufgabe war es, die Mädchen an Schultoren oder Kinderheimen in Empfang zu nehmen und zu den «Rendezvous» zu chauffieren.

Schreitet man am Ausgang des Busbahnhofs die lange Reihe wartender Taxis ab, schaut man in eine ebenso lange Reihe feindseliger Gesichter. Das Taxi­gewerbe ist, wie vielerorts in Nordengland, fest in pakistanischer Hand. Weil einzelne Fahrer am Missbrauchskomplott beteiligt waren, steht nun die ganze Branche unter Verdacht.

Er halte es «für völlig unfair, dass jetzt alle Taxifahrer hier und überhaupt alle Muslime für diese hässliche Geschichte verantwortlich gemacht werden», sagt ein bärtiger Fahrer. Tatsächlich hat die Nachricht, dass hinter dem Missbrauch von Minderjährigen in Rotherham fast ausschliesslich Männer «asiatischer» Herkunft steckten, scharfe Reaktionen in der Stadt ausgelöst. Dabei weiss man von den Gangs, die den Missbrauch organisierten, bisher noch wenig. Es handelte sich offenbar meist um kleine Cliquen, überwiegend aus pakistanischen Familien.

Viel zu lange habe die Labour Party, die dominierende örtliche Partei, über «die Pakis» geschwiegen, bloss weil sie nicht rassistischer Instinkte habe bezichtigt werden wollen, sagen die Kritiker von rechts. Mit Labours «multikulturellem Unsinn» müsse jetzt Schluss sein.

Die Rechtsextremisten der Britischen Nationalpartei (BNP) und der Englischen Verteidigungsliga (EDL) haben antiislamische Aufmärsche in Rotherham angekündigt. Ein EDL-Grüppchen hat sich zum Protest vors Riverside House, das vor zwei Jahren eröffnete moderne Kreisverwaltungsgebäude, gesetzt.

«Der Labour-Stadtrat», skandieren die Demonstranten, «hat 1400 unserer Kinder im Stich gelassen. Die Labour Party ist an allem schuld.» Wie anderswo auch regt sich in diesem alten, vielfach vernachlässigten und zu 90 Prozent weissen Working-Class-Gebiet Süd-Yorkshires ein zorniger Geist gegen die «Zugewanderten» und deren angebliche Beschützer.

«White Trash»

Die kriminelle Praxis der pakistanischen Gangs potenziert den Unmut in der weis­sen Bevölkerung. Dabei gibt es von diesem Unmut ohnehin jede Menge. Nichts und niemand hat die Lücke zu füllen vermocht, die der Kollaps der Industrie in Rotherhams Selbstwertgefühl hinterlassen hat.

Nicht nur die Kohlebergwerke werden seit den 80er-Jahren sukzessive stillgelegt. Auch die Gusseisen- und Stahlfirmen der Stadt haben ihre Tore geschlossen. Der Münsterplatz oder die «Imperial Buildings» vermitteln zwar noch eine Ahnung von der grossen Epoche ­industrieller Fabrikation und zivilen Stolzes. Aber der Ruhm ist verblichen – und das Geld ist abgezogen. Die alten Theater sind zu Nachtclubs verkommen. Drunten im Ort drängen sich Tür an Tür Billigstläden, karitative Filialen, Geschäfte mit permanentem Schlussverkauf. Und überall stehen Läden leer. Die Armut, die sozialen Probleme sind mit Händen zu greifen.

Schärfer als im wohlhabenden englischen Süden hat die Zentralregierung hier städtische Ressourcen gekürzt. Ein glattes Drittel seiner finanziellen Basis droht Rotherham zwischen 2010 und 2016 verloren zu gehen. Reiche Gebiete in Südengland büssen nicht einmal fünf Prozent ein. Der Kinderschutz ist dabei einer der Dienste, der schon drastische Einschnitte verzeichnet hat. Gerade in den Gebieten, in denen es solche Dienstleistungen am dringendsten brauche, gebe es sie nur noch «in Skelettform», klagen Experten. «Es ist», meint die frühere Heimbetreuerin und heutige «Guardian»-Kolumnistin Suzanne Moore, «als seien sich alle einig darin, wer wertlos ist im Lande und wer nicht.»

Nach Moores Ansicht würden die Polizei, die Kommunalverwaltungen und die Regierung in London zumindest in einem Punkt mit Kriminellen-Gangs à la Rotherham übereinstimmen: dass die Mädchen der englischen Unterschicht «White Trash» seien, «weisser Müll».

Der Unterschied bestehe darin, dass die Gangs diesen «Menschen-Müll» ausbeuteten, während die Behörden ihn am liebsten ignorierten, fügt Moore hinzu. Der Vorwurf gilt namentlich der Polizei von Rotherham. Ein Inspektionsbericht legt dar, dass die örtlichen Polizisten den Aussagen der missbrauchten Minderjährigen oft keinen Glauben schenkten. Dass sie Vergewaltigungen nicht als Verbrechen einstuften. Dass sie Klagen zu widerlegen versuchten, statt ihnen nachzugehen.

Die Täter konnten sich, wie viele Kinder der Gutachterin bestätigten, «sicher fühlen». Häufig ging die Polizei davon aus, dass Minderjährige «Sex aus freien Stücken» hätten. Manchmal wurden die Opfer selbst, wegen Trunkenheit und Drogengebrauchs, verhaftet, während man ihre Vergewaltiger laufen liess.

Erste, kleine Schritte

Schwere Vorwürfe werden auch gegen Kommunalpolitiker und Sozialbehörden erhoben. Wie sich herausgestellt hat, sind die Berichte besorgter Sozialarbeiter in Rotherham unterdrückt worden. Unbequeme Daten wurden gelöscht, neugierige Mitarbeiter versetzt und Fragen zum Thema unterdrückt.

Ausgerechnet die beiden mächtigsten «Burgen» Rotherhams, das Kreisverwaltungsgebäude und das Polizeihauptquartier, stehen sich im Neubaugebiet der Stadt wie zwei Zinnen einer Zitadelle gegenüber. Was beide Institutionen über die Strasse hinüber verband, war offenbar politische Arroganz und eine tief verwurzelte Machokultur.

Von «enormen Unterlassungen» spricht der Bericht von Alexis Jay. Den Kindern sei «mit unglaublicher Verachtung» begegnet worden. Muslimische Verbände in Rotherham sehen mittlerweile ein, dass sie «einiges an Arbeit» in den eigenen Reihen zu leisten haben. Männerrollen und Frauenbilder in pakistanischen Einwandererfamilien sind – für viele erstmals – zum Gegenstand öffentlicher Debatte geworden. Wer sich schuldig gemacht habe, müsse unerbittlich verfolgt werden, meint Muhbeen Hussain, der Gründer einer muslimischen Jugendgruppe in Rotherham: «Schliesslich treiben sich diese Leute immer noch frei auf den Strassen herum. Und absolut nichts in unserer Kultur rechtfertigt solche Untaten.»

Die Polizei tut sich schwer, ihrem Auftrag endlich nachzukommen. Zurzeit laufen in Rotherham 32 Ermittlungsverfahren. Letztes Jahr waren mit über 170 Fällen in ganz Süd-Yorkshire nicht mehr als drei Beamte befasst. Von einem «himmelschreienden kollektiven Versagen» der Verantwortlichen hat Gutachterin Jay gesprochen.

Diesem Vorwurf soll nun eine unabhängige Untersuchung nachgehen. Am Dienstag dieser Woche wurden von der Labour-Fraktion auch erstmals mehrere Stadträte suspendiert. Ein Rotherham-Polizist muss sich wegen Nötigung vor Gericht verantworten. Es sind erste, kleine Schritte.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.09.2014, 06:46 Uhr

Kommentare

Die Welt in Bildern

Bis die letzte Strähne sitzt: Eine Assistentin toupiert die Haare Donald Trumps in Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett in Berlin. (17. Oktober 2017)
(Bild: Fabrizio Bensch) Mehr...