Die geteilte Schandtat

Journalist Vester Lee Flanagan bewarb seinen Doppelmord in grässlich-effektiver Manier.

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Vester Lee Flanagans Doppelmord vom Mittwoch wird in die Mediengeschichte eingehen. Nicht, weil es sich um einen Mord unter Journalisten handelte – der entlassene Nachrichtenredaktor Flanagan, der sich vor der Kamera Bryce Williams nannte, erschoss im US-Staat Virginia mit Alison Parker und Adam Ward zwei ehemalige Kollegen eines lokalen TV-Senders. Sondern weil der 41-jährige Medienprofi seine Schandtat grässlich effektiv im Internet bewarb, ihre Wirkung so potenzierte und sich ein digitales Denkmal setzte.

Flanagan bediente sich erst der traditionellen Medien, indem er kurz vor der Tat ein Manifest verschickte und die Morde vor laufender Livekamera beging. Eine neue Eskalationsstufe war erreicht: Das Schulmassaker von Columbine 1999 etwa war noch zufällig von Überwachungskameras dokumentiert worden. Als Flanagan zum Mörder wurde, hielt er in der einen Hand die Pistole, in der andern das filmende Smartphone.

Danach lancierte der Medienprofi eine wirkungsvolle Social-Media-Kampagne, wie man sie bisher nur von Jihadisten gekannt hatte. Unmittelbar nach der Tat loggte er sich auf Twitter ein und schrieb: «Ich filmte die Schiesserei. Schaut auf Facebook nach.»

Maschinen, die nicht zu stoppen sind

Das grosse Motto der Social-Media-Welt heisst «Sharing», Teilen also. Facebook-Chef Mark Zuckerberg erklärte, dass seine User durch das Teilen das Bewusstsein für die Bedeutung von Organspenden erhöhen könnten. Twitter und Facebook bemühen sich permanent, ihren Usern das Teilen von Nachrichten, Bildern und Videos noch leichter und schmackhafter zu machen. Auf Facebook werden beliebte, also attraktive Einträge besonders prominent aufgeführt, damit sie mehr Shares und Likes erzielen. Und Twitter führte jüngst das automatische Abspielen von Videos ein. Die Logik ist simpel: Je mehr und je schneller auf einer Plattform geteilt wird, desto wichtiger wird sie. Doch die derart perfektionierten Sharing-Maschinen machen keinen Unterschied zwischen Meldungen zur Bedeutung von Organspenden und Tötungsvideos aus Virginia. Letztere wurden schon kurz nach der Tat auf den Geräten automatisch abgespielt.

Zwar reagierten Twitter und Facebook rasch und sperrten Flanagans Konten. Doch längst waren Kopien von Kopien von Kopien im Umlauf. Wie früher von Videos des IS wurden die Social-Media-Riesen von der viralen Wucht überwältigt. Dass sie nun im Nachgang die Mordvideos aus ihren Kanälen herauszukämmen versuchen, ist zu begrüssen – ist es letztlich doch blosse Sensationslust, die zur Betrachtung motiviert. Dass das Teilen und Hochladen nach der grossen Aufregung rasch verebbt, wird ihnen die Übersicht erleichtern und Flanagans Machwerk alsbald aus den Timelines herausspülen. Wer sein Video danach dennoch sehen will, der soll in dunkleren Winkeln des Webs suchen müssen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.08.2015, 08:16 Uhr

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