Ehemalige Heimkinder fühlen sich verraten

Jahrelang litten zahlreiche Heimkinder unter Misshandlungen und Demütigungen. Der Runde Tisch Heimerziehung hat nun über das Schicksal dieser Menschen beraten – über die Ergebnisse sind die Betroffenen enttäuscht.

Die Betroffenen sollen finanzielle Hilfe aus einem 120-Millionen-Euro-Fonds bekommen: Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer fungierte als Leiterin des Runden Tisches.

Die Betroffenen sollen finanzielle Hilfe aus einem 120-Millionen-Euro-Fonds bekommen: Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer fungierte als Leiterin des Runden Tisches. Bild: Keystone

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Die ehemaligen Heimkinder fühlen sich verraten und allein gelassen. So wie damals, als sie in der Obhut von Staat und Kirche geschlagen und gedemütigt wurden. Als Erzieher und Nonnen sie zum Arbeiten zwangen, misshandelten – und niemand hinschaute. Der Runde Tisch Heimerziehung hat zwei Jahre lang über das Schicksal dieser Menschen beraten. Nun sind die Ergebnisse da – und die Betroffenen sind ausser sich vor Wut und Enttäuschung.

Die Stimme von Monika Tschapek-Güntner bricht noch heute, wenn sie über ihre Kindheit spricht. Kurz nach ihrer Geburt kam sie in ein katholisches Kinderheim in Lippstadt. Als uneheliches Kind wollte sie niemand haben. 17 Jahre ihres Lebens verbrachte sie dort. Schon als Kleinkind musste das Mädchen in dem Heim «Arbeitsdienste» übernehmen – putzen, in der Mangelstube aushelfen, sich um die noch kleineren Kinder kümmern. Schlimmer noch seien aber die Launen der Nonnen gewesen, erzählt die 54-Jährige. Jeden Abend mussten sich die Knirpse im Heim aufreihen, «und dann wurde kollektiv geprügelt». Mit Stöcken droschen die Nonnen auf sie ein. Das kleine Mädchen hatte damals keine Ahnung, wofür sie bestraft wurde. Aber die Angst, die hängt ihr bis heute nach.

Prügeln, bis die Nase blutet

700'000 bis 800'000 Kinder und Jugendliche lebten zwischen 1949 und 1975 in Heimen der Bundesrepublik. In vielen Einrichtungen kam es zu Gewalt und Erniedrigungen. Die Kinder wurden beschimpft, beleidigt und geprügelt, bis die Nase blutete oder das Ohr taub war. Betroffene berichten von Schlaf- und Essenentzug, von Arrest und Isolation. Andere wurden zum Essen gezwungen – und wenn ihnen schlecht wurde, mussten sie das Erbrochene wieder herunterschlucken. Als «Disziplinierungsmassnahme».

«Arbeitsdienste» waren in vielen Heimen die Regel. Die Jugendlichen schufteten dort zum Teil jahrelang, ohne bezahlt zu werden geschweige denn Rentenansprüche zu sammeln. Die Missstände blieben lange im Verborgenen. Erst vor knapp zwei Jahren nahm ein Runder Tisch seine Arbeit auf, um das Unrecht aufzuklären und über Hilfen zu diskutieren – beschränkt auf die 50er und 60er Jahre.

Das Gremium hat seine Beratungen nun beendet. Das Resultat: Die Betroffenen sollen finanzielle Hilfe aus einem 120-Millionen-Euro-Fonds bekommen. Ein Teil des Geldes soll verlorene Rentenansprüche ausgleichen, der andere Teil in Therapien oder Traumabehandlungen fliessen oder Opfern schlicht helfen, im Alltag über die Runden zu kommen. Ausgleich von «Folgeschäden» durch den Heimaufenthalt, heisst das schnöde im Abschlussbericht. Wer solche Beeinträchtigungen nachweist, kann Hilfe beantragen. Bund, Länder und Kirchen sollen den Fonds gemeinsam finanzieren. Die Parlamente müssen dem noch zustimmen.

Leid der Kinder wird anerkannt

Die Leiterin des Runden Tisches, die frühere Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer, sitzt am Montag in der Bundespressekonferenz vor Journalisten und versichert, das Leid aller Opfer werde anerkannt. In den Kinderheimen sei vielfach Unrecht geschehen und es habe klare «Regel- und Rechtsverstösse» gegeben. Pauschale Entschädigungen – wie sie die Opfer so vehement fordern – soll es trotzdem nicht geben. Dies wäre «nicht gerechtfertigt», wiegelt Vollmer ab.

Diejenigen, die damals im Heim aufwuchsen, sehen das anders. Einige von ihnen haben sich im Foyer der Bundespressekonferenz versammelt. Sie tragen schwarze T-Shirts mit orangener Aufschrift. «Ehemalige Heimkinder» steht darauf. Einer grauhaarigen Dame mit Krückstock stehen die Tränen in den Augen. «Erbärmlich» sei das Ergebnis des Runden Tisches, klagt sie, «wir werden zu Bittstellern gemacht.»

Viele Opfer noch nicht zu Wort gekommen

Auch Tschapek-Güntner ist dort. Sie ist die Vorsitzende des Vereins ehemaliger Heimkinder und hat ein paar Meter weiter mit ihren Mitstreitern zur «Gegenpressekonferenz» geladen. «Erschrocken» sei sie über die Arbeit des Gremiums, schimpft Tschapek-Güntner. Aus dem 120-Millionen-Topf blieben für den Einzelnen gerade mal 2000 bis 4000 Euro an Hilfe. «Das ist wirklich beschämend», sagt sie, «hier versucht man, mit einer minimalen Entschädigung das Thema vom Tisch zu bekommen.»

Auch andere Betroffene erzählen bei der Gegenveranstaltung ihre eigene Geschichte, sprechen von «Folter», «Missbrauch» und «Sklaverei». Die Opfer seien beim Runden Tisch kaum zu Wort gekommen, klagen sie. Das Schicksal von DDR-Heimen und Kindern in Behindertenheimen sei zudem völlig ausgeklammert worden, die Geschehnisse in den 70er Jahren ebenso. Von Einzelfällen könne keine Rede sein. Die Heimerziehung damals sei ein ausgeklügeltes «Unrechtssystem» gewesen, ein regelrechtes «Kartell».

Die ehemaligen Heimkinder wollen keine Ruhe geben. Sie fordern eine monatliche Rente von 300 Euro für jeden Geschädigten – oder eine Einmalzahlung von 54'000 Euro. Tschapek-Güntner will dafür durch alle Gerichtsinstanzen ziehen «und bis zum Europäischen Gerichtshof, wenn es nötig ist». Eine Sammelklage wird es nicht geben. Vor Gericht müsse jeder für sich streiten, sagt sie. Die früheren Heimkinder schrecken davor nicht zurück. «Der Kampf ist noch nicht zu Ende», sagt einer, «wir machen weiter.» (ske/dapd)

Erstellt: 13.12.2010, 15:34 Uhr

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