Der Fall Lenzlinger: Teil 2

Er liebte Frauen, Tiere und Geld

Bevor Hans Ulrich Lenzlinger zum Menschenschmuggler wurde, betrieb er mit seiner Frau im Haus in Zürich-Höngg eine Chinchillazucht und ein gut gehendes Bordell.

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Die Stasi war minutiös über das Umfeld von Hans Ulrich Lenzlinger in Zürich-Höngg informiert. Dies über Aussagen seines verhafteten engen Mitarbeiters Rainer Schubert und aus Berichten von Spitzeln, sogenannten Inoffiziellen Mitarbeitern (IM). So ist beispielsweise in einem IM-Bericht unter dem Titel «Aufklärungsergebnisse Zürich» eine fotokopierte VBZ-Streckenkarte zu finden, in der mit einem roten Punkt Lenzlingers Wohnort angegeben ist. Der IM schreibt, dass die Trams ohne Schaffner führen und dass der Flughafen «wegen seiner Buntheit und Emsigkeit» beeindruckend sei. Lob gibt es auch für Zürichs Reiseleiter, «die recht ordentliche, tiefgründige und gute Auskunft geben würden». Die Verständigungsmöglichkeiten seien gut, man bekomme die Antwort in einem durchaus zu verstehenden Deutsch.

Für die Stasi interessanter waren die Aussagen des verhafteten Mitarbeiters Rainer Schubert. Der 29-Jährige erzählte der Stasi detailliert, wie die Schleusungen durchgeführt wurden, beschrieb die Wohnung an der Ackersteinstrasse 116 in Einzelheiten, nannte Lenzlingers Mitarbeiter, charakterisierte seinen Chef und äusserte sich über sein Privatleben. Er zeichnete einen genauen Grundriss von Lenzlingers Liegenschaft mit Haus, Garten und Garage. Offensichtliche Sicherung am Objekt, also Alarmanlagen, habe er nicht feststellen können. Im weiteren sagte Schubert gegenüber der Stasi aus, dass Lenzlinger eine reichhaltige Waffensammlung besitze. Sein Chef sei immer mit einem Revolver Marke «Smith and Wesson», Kaliber 38, ausgerüstet, wenn er das Haus verlasse. Auch in seiner Schreibtischschublade liege eine Pistole griffbereit. Lenzlinger habe zwei Splitterhandgranaten, Plastiksprengstoff und 15 bis 20 Gewehre, Pistolen, Revolver und Maschinenpistolen. Er listete auch Lenzlingers Autopark mit insgesamt neun Wagen auf.

Mit Chinchillazucht begonnen

Lenzlinger war ein typischer Selfmademan. Schon 1960, damals 31-jährig, betrieb er an der Ackersteinstrasse 116 in Höngg eine Chinchillazucht. Die Firma ging zwei Jahre später in Konkurs. Damit soll er seine erste Million verdient haben, sagte der 29-jährige Schubert im Verhör mit der Stasi: Lenzlinger habe minderwertige Tiere zu überhöhten Preisen verkauft. Daneben habe er Autos illegal nach Spanien verkauft und sich so ein Grundkapital «ergaunert».

1966 gründete Lenzlinger die Africraft AG an der Torgasse beim Bellevue, in der er afrikanisches Kunsthandwerk und Felle verkaufte. Auch diese Firma war einige Jahre später bankrott. Ein Zeitgenosse kann sich gut erinnern, dass im Schaufenster menschliche Schrumpfköpfe zum Verkauf hingen. Lenzlinger soll in Afrika als Grosswildjäger gearbeitet haben, ist verschiedentlich in den Akten zu lesen. Sein Patenkind, damals im Teenageralter, erinnert sich noch heute daran, dass auch in seiner Wohnung überall Trophäen hingen: ein Zebrafell, Antilopenhörner, ein Wasserbüffel- und ein Löwenkopf.

Raubtieranlage im Garten

Trotz der Jagdleidenschaft war Lenzlinger ein grosser Tierfreund. Im Garten seines Hauses hielt er verschiedene Raubtiere. Vor seinem Tod waren es zwei junge Löwen, ein Leopard, ein Puma und zwei Servals (afrikanische Wildkatzen). Laut dem verhafteten Mitarbeiter hatte Lenzlinger für die Raubtieranlage rund 200'000 Franken bezahlt. Sogar der damalige Zürcher Zoodirektor, den Lenzlinger offenbar persönlich kannte, habe die Unterbringung der Tiere als in jeder Hinsicht vorbildlich bezeichnet. Ein Mitarbeiter sorgte hauptsächlich für die Tiere. Ein ehemaliger Höngger Schüler weiss noch, wie Lenzlinger mit einem zahmen Gepard an der Leine auf dem Schulhauspausenplatz spazierte. Mit dem Gepard posierte er auch gerne in den Medien. Weiter besass er drei Deutsche Doggen, zwei Papageien und eine Vogelspinne.

Den ersten grossen Coup landete Lenzlinger 1970 mit seinem am Wohnort an der Ackersteinstrasse eröffneten Massagesalon. Er führte ihn zusammen mit seiner 22-jährigen Frau Bernadette unter dem Namen Salon Procot. Auch darüber war die Stasi informiert: Die Zürcher Staatsanwaltschaft würde Lenzlinger vorwerfen, dass dort an männlichen Kunden Feinmassagen appliziert würden. Nach einem halben Jahr schloss die Polizei das Bordell.

«Ein Magazin voll Blei in den Magen pumpen»

Lenzlinger wurde zuerst vom Bezirksgericht Zürich, 1972 vom Obergericht wegen Kuppelei zu einer bedingten Strafe von acht Monaten verurteilt. Seine Ehefrau kam mit vier Monaten davon. Laut Stasi muss der Salon gut gelaufen sein. Pro Tag hätten ihn 50 bis 60 Kunden besucht. Der Gewinn soll sich monatlich auf 40'000 Franken belaufen haben. Die fünf Masseusen waren namentlich aufgelistet. Versehen mit einem grossem roten Ausrufezeichen und dem Satz: «Lenzlinger hatte zu allen Masseusen intime Beziehungen!» Dass Lenzlinger ein Weiberheld gewesen war, betonte auch Rainer Schubert. Sein Chef sei bei jedem Gespräch beim Thema Sex und Frauen gelandet. Lenzlinger habe eine Vorliebe für sehr junge Mädchen, die ihn bewundern würden.

Dies war offensichtlich auch bei seiner Ehefrau Bernadette der Fall. Der fast doppelt so alte Lenzlinger hatte die 18-Jährige durch eine Heiratsanzeige 1967 kennen gelernt. Die hübsche Frau soll an einer Miss-Schweiz-Wahl teilgenommen haben, meldete der verhaftete Mitarbeiter. Drei Jahre später heiratete das Paar. Nach 18 Monaten liess sich Bernadette von Lenzlinger scheiden. Trotz Scheidung lebte sie noch einige Jahre weiter an der Ackersteinstrasse, und das Paar heiratete nochmals.

Zur Scheidung gibt es zwei Versionen: In den Stasiakten steht, dass sich die Ehefrau von ihm trennte, weil sie einen anderen hatte. Da habe Lenzlinger seinem Nebenbuhler gedroht, «ihm ein Magazin voll Blei in den Magen zu pumpen, sodass der Mann auf die Liebe und das Blei verzichtete». Eine andere Version erzählte die Ehefrau der «Schweizer Illustrierten» nach Lenzlingers Tod. Sie habe genug von seinen vielen Weibergeschichten gehabt.

Er liebte die Mutter abgöttisch

Nach dem Flop mit dem Bordell konzentrierte sich Lenzlinger auf die Fluchthilfen. Zuerst lief das Geschäft unter seiner Treuhandfirma Caropa AG, ab Ende 1971 unter der neu gegründeten Aramco AG. Laut Handelsregister eine Treuhandfirma für kommerzielle Transaktionen aller Art. Offenbar rentierte das Geschäft. Wie Rainer Schubert der Stasi sagte, betrug Lenzlingers Vermögen 1973 zwischen 11 und 15 Millionen Franken – erwirtschaftet durch Autohandel, Chinchillazucht, Massagesalon und Fluchthilfe. Das grosse Haus an der Ackersteinstrasse gehörte ihm. Zu Lenzlingers Vermögen hegte seine letzte Freundin Doris, eine heute 57-jährige Frau, aber grosse Zweifel. Wohlhabend sei er gewesen, aber kein x-facher Millionär, sagt sie dem TA.

Flucht nach Brasilien

Ab Februar 1976 war Lenzlinger auf der Flucht. Er hätte sich vor dem Zürcher Obergericht wegen Urkundenfälschung – es ging um in Deutschland gestohlene Pässe – und ungetreuer Geschäftsführung im Fall der Chinchillazucht verantworten müssen. Ihm drohte eine Strafe von 15 Monaten, denn auch bedingt ausgesprochene Vorstrafen (Freiheitsberaubung eines ehemaligen Mitarbeiters und Kuppelei im Zusammenhang mit dem Massagesalon) waren fällig geworden. Lenzlinger floh nach Brasilien.

Schon einige Monate später war er wieder in Frankreich, angeblich um in der Nähe seiner schwer kranken Mutter zu sein. «Er liebte sie abgöttisch», wie sein Patenkind sagte. So innig, dass Lenzlingers betagte Mutter mit der jungen Ehefrau auf die Hochzeitsreise ging, während er wegen «dringender Geschäfte» in Zürich blieb – und sich dabei mit einer anderen Frau vergnügte. Diese Anekdote erzählte seine Ex-Frau der «Schweizer Illustrierten»-Journalistin Gisela Blau nach Lenzlingers Tod.

Im Juni 1976 verhaftete ihn die französische Polizei aufgrund einer Interpol-Fahndung und lieferte ihn der Schweiz aus. Während des nun folgenden Gefängnisaufenthaltes bis Januar 1978 führte seine Ex-Frau mit dem Geschäftsführer das Fluchthilfeunternehmen. Nicht mehr so erfolgreich wie Lenzlinger. Im Mai 1978 schreibt die Stasi, dass die Firma seit einem Jahr keine geschäftlichen Aktivitäten aufweise, und dass sich die Ehefrau nach der zweiten Scheidung aus der Firma verabschiedet habe. Das Geschäft lief nur noch auf kleiner Flamme. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.12.2011, 11:03 Uhr

15 Jahre Haft für Lenzlingers Stellvertreter

Am 8. Januar 1975 gelang der Stasi ein besonderer Fang: Sie konnte Rainer Schubert, Lenzlingers Stellvertreter in Westberlin, bei einer versuchten Schleusung verhaften. Der damals 29-jährige Student führte seit 1973 für Lenzlinger in Berlin Fluchten durch: anfänglich im Auftrag von Lenzlinger als «Chief Agent in Germany», ab 1974 als Leiter seiner eigenen Firma Berlin-Vertrieb. Der Verhaftete legte in der DDR-Untersuchungshaft ein umfangreiches Geständnis ab. Das bewahrte ihn vor der Höchststrafe «lebenslänglich» wegen staatsfeindlichen Menschenhandels, Terror und Spionage. Dies hatte der DDR-Staatsanwalt gefordert. Er warf ihm vor, «96 Personen aus der DDR und eine Person aus der CSSR im Kofferraum von Autos ausgeschleust zu haben».


Weil ein Grossteil der Fluchtwilligen aus dem medizinischen Sektor kam, sei dem DDR-Gesundheitswesen ein enormer Schaden zugefügt worden. Die Fluchthelfer agierten dabei meist als Journalisten und benutzten Schilder für Pressemitarbeiter an den Autos. Schubert soll auch Informationen von einem deutschen Angestellten des deutschen Konsulats in Zürich erhalten haben. Das Gericht verurteilte ihn zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren. Schuberts Aussagen hätten zur Aufdeckung und Verhinderung der verbrecherischen Tätigkeiten von Lenzlingers Aramco AG geführt, heisst es im Urteil. Er wurde nach neun Jahren von der BRD freigekauft. Rainer Schubert sagte in der Einvernahme, dass er die Fluchten vor allem aus politisch motivierten Gründen durchgeführt habe. Er gestand aber, rund 1,2 Millionen DM daran verdient zu haben. Die andere Hälfte sei an Lenzlinger gegangen. Die Totalsumme belief sich auf 2,5 Millionen DM. Von seinem Verdienst, so der Verhaftete, habe er rund 750'000 Franken an seine 15 Mitarbeiter (Schleuser, Kuriere) ausbezahlt. Für einen Schleusungsauftrag hätten die Mitarbeiter 5000 DM erhalten. Ihm sei rund eine halbe Million DM geblieben.(hoh)

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