Fall Kachelmann: Wie unabhängig ist der Richter?

In einem Bericht der «SonntagsZeitung» wir die Neutralität des Richters in Frage gestellt. Opferfamilie und Gerichtspräsident hätten gemeinsame Bekannte und Hobbies.

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Recherchen der «SonntagsZeitung» hätten ergeben, dass sich Richter Michael Seidling und die Familie des Opfers gut kennen. Der Jurist komme nicht nur aus der gleichen Ortschaft wie sie, er fröne auch dem gleichen Hobby wie der Opfervater: Einen Turnverein leiten.

Seidling sei Vizepräsident des TSV Oftersheim, der Opfervater leitete jahrelang den TV Schwetzingen und sei Ehrenmitglied. Zwar seien das zwei unterschiedliche Clubs. Doch die Kooperation der Vereine sei so eng, wie die Dörfer verbandelt sind: Die Handballabteilungen seien fusioniert; die Leichtathleten, bei welchen früher auch das Opfer mitmachte, kooperierten umfassend.

Neun Minuten entfernt

Mannheim, wo Richter Seidling am Landgericht die 5. Strafkammer präsidiert, ist mit 1,25 Millionen Einwohnern die achtgrösste Agglomeration Deutschlands. Doch ausgerechnet im voraussichtlich grössten Strafprozess des Jahres soll mit Seidling ein Richter richten, der nur neun Minuten von der Opferfamilie entfernt lebe.

Zweifel an der Neutralität des Richters nähre auch ein Communiqué des Gerichts zum Fall Kachelmann. Auf die Frage, ob er Richter Seidling kenne, legte der Vater des Opfers den Telefonhörer auf. Richter Seidling sagt gegenüber der «SonntagsZeitung»: «Ich kenne weder den Vater noch das Opfer. Es gibt keine Nähe zwischen uns.»

Faires Verfahren ist schwierig

Dennoch: Die Konstellation sei heikel, denn im Zentrum der Gerichtsverhandlungen wird voraussichtlich die Frage nach der Glaubwürdigkeit von Kachelmann und Opfer stehen. Das Opfer geniesse klaren Heimvorteil, meint die «SonntagsZeitung». Der Freiburger Strafrechtsprofessor Christof Riedo sagt zur Konstellation um Richter Seidling: «Ein faires Verfahren für Kachelmann ist schwierig zu verwirklichen.»

Erstellt: 18.07.2010, 07:02 Uhr

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