Der Fall Lenzlinger: Teil 5

Hat ihn die Stasi erschossen?

Bis heute ist es ein Rätsel, wer Hans Ulrich Lenzlinger umgebracht hat. Ein schriftlicher Mordbefehl ist in den Stasi-Akten nicht zu finden. Die DDR-Geheimpolizei hat aber versucht, die Tat anderen anzuhängen.

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Am 5. April 1984 unterschrieb Generalleutnant Gerhard Neiber, stellvertretender Minister für Staatssicherheit, den Beschluss, den Zentralen Operativ-Vorgang «Leopard» einzustellen und die Akten zu archivieren. Alle kriminellen Menschenhändlerbanden seien zerschlagen und nicht mehr in der Lage, «Aktivitäten gegen die DDR» durchzuführen, heisst es im Bericht. Damit war die jahrelange Bespitzelungs- und Überwachungsarbeit des Höngger Fluchthelfers Hans Ulrich Lenzlinger und von dessen Nachfolgeorganisation durch die Stasi abgeschlossen.

Sie konnte zufrieden sein: Sie hatte bis 1980 insgesamt 29 Menschenhändler verhaftet, davon elf aus dem Umfeld Lenzlingers. Unter den 29 Verhafteten waren auch drei Schweizer. Von den 113 erfassten Personen im Rahmen der Aktion Leopard befanden sich elf in Haft, zwei in einem Ermittlungsverfahren, drei wurden angeworben, also zu Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) gemacht, bei 26 wurden vorbeugende, erzieherische oder operative Massnahmen ergriffen. Zehn Personen hatten sich nur Geringfügigkeiten zuschulden kommen lassen, bei 36 fand man keine Möglichkeit der Weiterbearbeitung, bei 24 Personen erhärtete sich der Verdacht des Menschenhandels nicht – und eine Person war tot: Hans Ulrich Lenzlinger.

Durch fünf Kugeln hingerichtet

Lenzlinger war am Morgen des 5. Februar 1979 von seinem Geschäftsführer tot in seiner Wohnung aufgefunden worden: hingerichtet durch fünf Kugeln. Die Polizei fand keine Einbruchsspuren und keine Hinweise auf einen Kampf. Die Tat war offenbar gut vorbereitet und kaltblütig durchgeführt worden. «Lenzlinger musste den Mörder gekannt haben, sonst hätte er ihn nicht einfach ins Haus gelassen», sagt Doris, seine damalige Freundin. Die heute 57-Jährige ist sicher, dass der oder die Täter an diesem Tag das Haus überwacht hatten.

Sie selber hatte das Doggenpaar und die sechs Welpen wie jeden Morgen in den Lieferwagen gebracht und die Hunde zum Auslauf nach Weiningen ins Limmattal gefahren. Die beiden Mitarbeiter von Lenzlinger waren nicht im Haus. Der Geschäftsführer aus dem Kanton Aargau kam immer erst gegen 9 Uhr, er hatte zuvor mit Lenzlinger ein Telefonat über eine missglückte Schleusung geführt. Der zweite Angestellte, der damals im Haus wohnte, war an diesem Tag beruflich unterwegs.

Lenzlinger habe sich beobachtet gefühlt und Angst gehabt, sagt seine Ex-Freundin Doris. «In den letzten zwei, drei Wochen vor seinem Tod hatte er immer eine Pistole auf dem Nachttisch neben seinem Bett.» Sie erinnert sich noch gut, wie er einmal zu ihr gesagt hatte: «Du wirst eine junge lustige Witwe.» Sie habe diese Worte nicht ernst genommen, weil sie von seiner Vorgeschichte kaum etwas wusste.

«Glasklar», die Stasi wars

Über die Täterschaft wird seit Jahren gerätselt. Trotz intensiver Ermittlungen kam die Polizei dem Mörder bis heute nicht auf die Spur. Die Medien und auch Lenzlingers Geschäftsführer und Nachfolger vermuteten sofort die ostdeutsche Geheimpolizei hinter der Tat. Dass die Stasi beim Mord an Lenzlinger die Finger im Spiel hatte, ist für Wolfgang Welsch «glasklar». Der heute 67-jährige Publizist und ehemalige Fluchthelfer kannte Lenzlinger persönlich. Welsch weiss, wovon er spricht: Gegen ihn hatte die Stasi zwischen 1979 und 1981 drei versuchte Mordanschläge – Bombe, Schuss, Gift – verübt, die er alle knapp überlebte. Dabei setzte die Stasi einen IM namens Alfons auf Welsch an.

Der Auftrag zu den Mordanschlägen wurde von der gleichen Stasi-Abteilung erteilt, die auch in der Aktion «Leopard» federführend war. Der verantwortliche Abteilungsleiter, ein Offizier im Generalmajorsrang, wurde nach der Wende wegen dieser Mordversuche in Untersuchungshaft genommen, wo er sich nach zwei Wochen im Gefängnis Ende 1993 erhängte. IM Alfons wurde wegen versuchten Mordes 1994 zu sechseinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.

«Lenzlinger hatte in den letzten Wochen vor seinem Tod eine Pistole auf dem Nachttisch», sagt seine letzte Freundin Doris.

Wie Lenzlingers damalige Freundin Doris hatte auch Welsch bei einem Treffen in Zürich einige Monate vor Lenzlingers Ermordung bemerkt, dass dieser sich bedroht fühlte. Lenzlinger habe alle 15 Minuten das Lokal am Limmatquai verlassen, «als müsse er sich bei einem vor dem Restaurant befindlichen Mitarbeiter melden». Das sei eine Sicherheitsmassnahme gewesen, vermutet Wolfgang Welsch. Er ist überzeugt, den Namen von Lenzlingers Mörder zu kennen. Auch für Rainer Schubert, ehemals enger Mitarbeiter von Lenzlinger, ist es durchaus möglich, dass Lenzlinger ein Opfer der Stasi wurde, wie der heute 64-Jährige sagt. Die Stasi habe nicht immer schriftlich Mordaufträge dokumentiert. Es habe auch ganz konkrete Pläne zur «Liquidierung» von Staatsfeinden gegeben, zum Beispiel im Fall eines Deserteurs.

Fakt ist: In den Stasi-Akten ist kein konkreter Hinweis oder Befehl für den Mord an Lenzlinger zu finden. Dies müsse auch nicht sein, sagt Christian Booss, Projektkoordinator beim Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen. Es habe sowohl schriftliche als auch mündliche Anweisungen zur Tötung von Staatsfeinden gegeben. In den Akten sei auch des Öfteren doppeldeutig von «Liquidieren» die Rede. Dies könne einerseits Unschädlichmachen bedeuten, aber eben auch mehr. Die Zürcher Polizei und auch die Untersuchungsbehörden dagegen vermuteten eher einen Racheakt früherer Geschäftspartner oder ein Beziehungsdelikt hinter der Tat. Lenzlinger war eine schillernde Person und hatte viele Feinde. Und ebenso viele Frauengeschichten. Ein Indiz, dass nicht die Stasi hinter dem Mord steckte, war die Tatsache, dass der Mörder das Büro nicht durchsuchte und keine Dokumente mitnahm, was bei geheimdienstlichen Stellen wahrscheinlich gewesen wäre. Ein weiteres Indiz gegen die Stasi-Mord-theorie ist der Zeitpunkt: 1979 war Lenzlinger kaum noch als Fluchthelfer aktiv.

150 Personen überprüft

Der damalige Bezirksanwalt Enrico Rusconi ist auch heute noch der festen Überzeugung: «Es war ein Beziehungsdelikt.» Man habe intensiv ermittelt, über 150 Personen näher überprüft, die Protokolle hätten Dutzende von Ordnern gefüllt. Man habe keine konkreten Hinweise gefunden. Der einzige «Osthinweis» sei eine DDR-Münze gewesen, die Lenzlinger einige Tage vor dem Mord vor seiner Garage gefunden habe. Auch die Spur eines im September 2003 verhafteten «Killers», der für die Stasi angeblich 25 Morde verübt haben soll, löste sich in Luft auf. Der Mann stritt die Morde in der Untersuchungshaft ab; er habe nur imponieren wollen.

Am 6. Februar 1979, einen Tag nach Lenzlingers Ermordung, verfasste die Stasi eine «Aufstellung von Personen, die als Gegner von Lenzlinger eingeschätzt werden». Es betrifft dies vor allem ehemalige Mitarbeiter von Lenzlinger in Westberlin. Die erste aufgelistete Person war ein Deutscher, der bei einer missglückten Schleusung in der DDR verhaftet worden war. Als Lenzlinger ermordet wurde, war dieser Deutsche aber bereits wieder aus dem Gefängnis entlassen worden und befand sich im Westen. Die Stasi versuchte nun, diesen Ex-Mitarbeiter als möglichen Mörder zu verdächtigen. Grund: Der Mann habe sich an Lenzlinger rächen wollen.

Hinweise zuhanden der Presse

In einer Aktennotiz vom 31. Oktober 1979 verfasste ein Stasi-Offizier folgenden Vorschlag: Man solle in einem anonymen Schreiben an die deutsche Zeitschrift «Quick» darauf hinweisen, dass Lenzlinger den ehemaligen Mitarbeiter offenbar an die Stasi «verraten» habe. Als Grund werden Schulden genannt, die Lenzlinger bei dem Mann hatte und die er durch dessen Gefängnisaufenthalt nicht mehr bezahlen musste. «Quick» wurde gewählt, weil dort über die «Stasi-Mordtheorie» spekuliert wurde.

In einem anderen anonymem Schreiben an «Quick» deutete die Stasi darauf hin, dass auch der Aramco-Geschäftsführer an der Ermordung seines Chefs mitbeteiligt gewesen sein könnte. Ein ähnliches anonymes Schreiben schickte die Stasi auch an das Bundeskriminalamt in Wiesbaden und an den Zürcher Bezirksanwalt Enrico Rusconi, der im Fall Lenzlinger ermittelte.

Der Mord war 2009 nach 30 Jahren verjährt; der Täter kann nicht mehr gerichtlich belangt werden. So kann nur noch Kommissar Zufall den Fall «Leopard» lösen – oder der Täter hat plötzlich Gewissensbisse und stellt sich.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.12.2011, 10:37 Uhr

«IM Alexander war der Mörder»

Wolfgang Welsch, ein ehemaliger DDR-Bürger, sass in Ostdeutschland insgesamt sieben Jahre in Gefängnissen – wegen Fluchtversuch und Hochverrat. Er wurde 1971 von der BRD für 90 000 D-Mark freigekauft.


Wie der heute 67-Jährige gegenüber dem TA sagt, hat er Lenzlinger 1977 in München per Zufall kennen gelernt. Im Gespräch habe Lenzlinger von seinen Schleusungen erzählt. Da auch Welsch in der BRD inzwischen als Fluchthelfer tätig war, habe man eine mögliche Zusammenarbeit vereinbart. Ende 1978 trafen sich Welsch und Lenzlinger in einem Zürcher Restaurant. Mit dabei war noch ein weiterer Deutscher, ein ehemaliger Kommilitone von Welsch. Der Mann gab an, sich für eine angebliche Schleusung von Bekannten aus Ost-Berlin zu interessieren. Welsch stellte ihn deshalb Lenzlinger vor.


Erst nach der Wende stellte Welsch im Jahr 2002 aufgrund von Akten fest, dass der Kommilitone ein DDR-Spitzel gewesen war. Er hatte als Inoffizieller Mitarbeiter unter dem Namen IM Alexander für die Stasi gearbeitet. Der Inoffizielle Mitarbeiter hatte sich noch einige weitere Male allein mit Lenzlinger in dessen Haus in Höngg getroffen, zu einem konkreten Fluchtauftrag sei es aber nie gekommen.


«Eine typische Hinhaltetaktik der Stasi», sagt Welsch. Rückblickend sei klar, dass der Mann keine Schleusung beabsichtigt habe, sondern lediglich Lenzlingers Haus ausspionieren wollte. Welsch ist «hundertprozentig überzeugt», dass IM Alexander entweder den Mord selber begangen oder ihn für die Stasi organisiert hatte. «Ich war für IM Alexander der Schlüssel zu Lenzlingers Haus.»


Zu einer Anklage gegen den namentlich bekannten deutsch-spanischen Doppelbürger ist es trotz einer Anzeige von Welsch nach der Wende nicht gekommen. Im März 2007 hatte Welsch sogar bei der Kantonspolizei Zürich vorgesprochen. Laut Michael Scherrer, dem verantwortlichen Zürcher Staatsanwalt, hat Wolfgang Welsch aber keine konkreten Hinweise liefen können. (hoh)

Serie: Der Fall Lenzlinger

27. 12. Die Akte Leopard

28. 12. Tierfreund und Frauenheld

29. 12. Von der Stasi jahrelang überwacht

30. 12. Hass auf die Schweizer Justiz

Heute: Lenzlingers Ermordung (Schluss)

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