Italienisch-deutscher Kolumnenstreit eskaliert

Eine Kolumne im «Spiegel» über den italienischen Nationalcharakter hat zu einem erbitterten Medienstreit geführt. Mit einem Auschwitz-Vergleich hat ein italienischer Chefredaktor die Debatte nun noch weiter vergiftet.

Kampf der Klischees: Titelseite von «Il Giornale» am 27. Januar 2012. (Bild: ilgiornale.it)

Kampf der Klischees: Titelseite von «Il Giornale» am 27. Januar 2012. (Bild: ilgiornale.it)

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Der italienisch-deutsche Medienstreit zieht weitere Kreise, nachdem der Chefredaktor des Mailänder «Il Giornale», Alessandro Sallusti, zum medialen Vorschlaghammer gegriffen hatte. «Wir haben Schettino, Ihr habt Auschwitz», titelte die Zeitung am letzten Freitag. Ausgelöst hatte den Streit Spiegel-Kolumnist Jan Fleischhauer, der vor einer Woche unter dem Titel «Italienische Fahrerflucht» einen journalistischen Ausflug in die Untiefen der Nationalcharaktere gewagt hatte.

Dabei argumentierte er, das Verhalten von Kapitän Francesco Schettino bei der Havarie der Costa Concordia sei irgendwie typisch italienisch. Man sollte diesen kein «schweres Gerät» anvertrauen – auch den Euro nicht. «Ein Besuch in Neapel oder auf dem Peloponnes hätte eigentlich gereicht», um zu sehen, dass es nicht gut gehen würde, «sehr verschiedene Kulturen des Wirtschaftens in die Zwangsjacke einer gemeinsamen Währung zu sperren», schrieb Fleischhauer.

Auschwitz-Keule

Italienische Medien antworteten umgehend auf diesen Tiefschlag (baz.ch/Newsnet berichtete). Bereits «La Repubblica» spielte dabei auf die Weltkriegsvergangenheit Deutschlands an. Mit dem plakativen Ausschwitz-Vergleich ging «Il Giornale» aber auch vielen Italienern zu weit, wie zahlreiche Leser-Kommentare zeigen. Dabei störten sich viele, dass die Geschmacklosigkeit ausgerechnet am Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz begangen wurde.

Giornale-Chef Sallusti rechtfertigte sich in einer Video-Botschaft: Den «Anschuldigungen Deutschlands gegen Italien, ein Volk von Feiglingen zu sein», liege ein Rassenargument zugrunde.

Journalismus hart an der Grenze

Sallusti machte dabei aus einer Kolumne eine «Anschuldigung Deutschlands». Er hatte aber bereits zuvor kräftig zugespitzt. So habe Spiegel-Kolumnist Fleischhauer zum Ausdruck gebracht, die Italiener seien alle zu meiden, die Deutschen seien viel besser: «Uns können gewisse Dinge nicht passieren, weil wir im Unterschied zu den Italienern eine Rasse sind», zitiert Sallusti.

Fleischhauer wehrt sich gegenüber «La Stampa»: «Nein, dieser Satz stammt nicht von mir. Ich schreibe nicht solchen Blödsinn.» Und tatsächlich, ein solcher oder ähnlicher Satz findet sich in der Kolumne nicht. Für Chefredaktor Sallusti bringt der Artikel eine deutsche Überheblichkeit zum Ausdruck. Zudem hat er dem Spiegel-Kolumnist vermutlich einen etwas ungelenken Hinweis auf den möglichen Rassismusvorwurf im Mund umgedreht.

Rassenspalterei

Fleischhauer war sich bewusst, dass kulturelle Stereotypen zumindest als unkorrekt oder aber als rassistisch angesehen werden – «auch wenn nicht ganz klar ist, inwieweit das Italienische an sich schon eine eigene Rasse begründet». Sallusti wirft Fleischhauer offenbar vor, die Italiener nicht als Rasse anzuerkennen und bezichtigt ihn des Rassismus.

Fleischhauer macht hingegen geltend, er habe explizit geschrieben, er fände es absurd, den Begriff «Rasse» im Zusammenhang mit Völkern zu verwenden. Er habe im ersten Teil des Artikels versucht, möglicher Kritik vorzubeugen. Dieses Vorhaben hat deutlich Schiffbruch erlitten. (rub)

Erstellt: 30.01.2012, 12:34 Uhr

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