Miss Fussball-Reporterin

Sie stechen ihre männlichen Kollegen bei der Fussball-WM aus. Nicht wenige TV-Stationen haben ihre hübschesten Frauen nach Südafrika geschickt. Emanzipation oder doch Kalkül?

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Wir haben Matthias Hüppi, Spanien hat Sara Carbonero. Alle Welt wird am Sonntag auf die spanische Sportreporterin von «Telecinco» schauen, wenn sie live vom WM-Final in Südafrika berichtet. Nicht, weil sie viel fachkundiger wäre als Hüppi und Co., sondern eher, weil sie erstens ausschaut wie Miss Spanien und zweitens, weil sie die Freundin von Spanien-Goalie Iker Casillas ist.

Jeder kennt sie, spätestens seit die spanischen Zeitungen hitzig debattierten, ob sie Schuld an der Niederlage der Spanier gegen die Schweizer sei. Als Feldreporterin habe sie ihren Freund zu sehr abgelenkt. Seitdem dieser jedoch wieder gewinnt, lieben die Spanier ihre Sara wieder.

Frauen dürfen sich keine Fehler erlauben

Das Profil eines guten Fussballreporters: Er ist fachkundig, unterhaltsam und kennt jeden Spieler in- und auch auswendig. Er muss Spielszenen richtig einschätzen und auch das sehen, was der Schiedsrichter verpasst hat. Und: Er sollte keine Fehler machen. Diese Toleranzgrenze ist bei Fussballzuschauern besonders niedrig. Für Reporterinnen gilt dasselbe Profil. Bloss: Bei ihnen ist die Fehlertoleranzgrenze nicht niedrig, sondern eher Null. Wenn ihnen ein Faux-pas unterläuft, haftet er ein Leben lang an ihnen.

So erging es der deutschen Sportmoderatorin Carmen Thomas. Sie war in den 70er-Jahren die erste Frau überhaupt, die eine Sportsendung im deutschen Fernsehen moderieren durfte. Dummerweise ging ihr eines Tages folgender Satz über die Lippen: «FC Schalke 05 gegen – jetzt hab ichs vergessen – Standard Lüttich.» Die «Bild»-Zeitung und viele erboste Zuschauer forderten daraufhin Thomas' Rücktritt. Das Experiment Frauen im Sportfernsehen schien nach dem Schalke-05-Versprecher ein für alle mal missglückt.

Italien liebt seine Moderatorinnen

Und nun ist da die WM 2010 und Sara Carbonero. Sie ist als aktuelle Aushängeschild der Fussballreporterinnen, der Frauen in der Höhle der Männer. Sie hat alles, was Hüppi, Salzgeber und Thurnheer auch haben. Bloss ist da noch dieses kleine Extra: Carbonero ist überdurchschnittlich schön. Das scheint sie zum Prototyp einer erfolgreichen Sportreporterin zu machen. Wo Schönheit bei männlichen Reportern völlig nebensächlich ist, insbesondere bei Kommentatoren, die höchstens für kurze Einblender im Bild sind, scheint sie bei Frauen ein wichtiges Kriterium zu sein.

Das Vorzeigebeispiel für Sportreporterinnen ist Italien, das Frauen fürs Fussball-Fernsehen schon vor Jahren entdeckt hat. Zu den beliebtesten gehören Simona Ventura und Ilaria D’Amico, die für «Sky» von der WM in Südafrika berichtet. Auch Deutschland hat das Experiment «Frau als Sportmoderatorin» nach dem Schalke-05-Flop nicht aufgegeben. Mit Monica Lierhaus durfte eine Frau live von der Fussball-WM 2006 berichten, genau wie von der EM 2008, und in Südafrika ist Katrin Müller-Hohenstein als Studio-Moderatorin im Einsatz fürs ZDF.

Studie zeigt: Kompetenz wichtiger als Aussehen

Diese scheinbare Emanzipation und der Vormarsch der Frauen täuschen jedoch. International liegt die Frauenquote im Sportjournalismus bei 6,9 Prozent, Tendenz: nicht steigend. Das stellt das Buch «Traumberuf Sportjournalismus» von Michael Schaffrath fest. Schaffrath ist stellvertretender Leiter des Lehrstuhls fu?r Sport, Medien und Kommunikation der Technischen Universität Mu?nchen. 2007 hat sein Lehrstuhl eine Fallstudie durchgeführt, die die Akzeptanz von Frauen als Sportreporterinnen untersucht hat.

Das Ergebnis: Aussehen und Alter von Sportjournalistinnen wurden als weit weniger wichtig eingestuft als Fachkompetenz. Es sei zwar hilfreich, jung und schön zu sein, jedoch längst nicht ausschlaggebend, so die Mehrheit der Befragten. Fachliche Kompetenz (94 Prozent), Sprachgewandtheit (93 Prozent) und eine angenehme Stimme (90 Prozent) wurden als wichtigste Kriterien für eine Sportmoderatorin angegeben.

«Sie ist vielleicht einen Tick zu dünn»

Eine kurze Recherche im Internet zeigt ein anderes Bild. Schnell stösst man auf Foren, in denen sich die User fast ausschliesslich mit dem Aussehen der Sportjournalistinnen beschäftigen. «Die von Sat1 gefällt mir optisch ganz gut», schreibt ein User. Ein anderer findet Kathrin Müller-Hohenstein toll, ausser, dass sie «vielleicht einen Tick zu dünn» ist. Ein Dritter erwärmt sich für Jessy Wellmer, Sportmoderatorin beim ZDF. Wenn in solchen Foren über die sportliche Kompetenz der Frauen diskutiert wird, dann meist nur, wenn es ihnen daran mangelt.

Besagte Kompetenz mag das Hauptkriterium sein, dass Sportmoderatorinnen in der Männerdomäne Fussball mittlerweile akzeptiert sind. Es ist jedoch auffällig, dass die erfolgreichen Sportjournalistinnen durchwegs überdurchschnittlich schön sind. Auch Italien hat sich seine weiblichen TV-Aushängeschilder bestimmt nicht nur wegen ihres Fachwissens geholt. Sowohl Ventura als auch D'Amico fallen auch durch ihre üppigen Kurven auf und die Männer schauen doppelt gerne zu, wenn die zwei Schönen über Fussball reden.

Keine einzige Kommentatorin

Die Kompetenz als Muss, die Schönheit für die Quote. Dieser Verdacht schleicht sich auch deshalb ein, weil es weltweit praktisch keine Frau gibt, die für einen TV-Sender Fussballmatches kommentiert. Wenn rein das Fachwissen zählen würde, müsste der Frauenanteil bei den Kommentatorinnen gleich hoch sein wie bei den Reporterinnen vor der Kamera. Das ist sie jedoch bei weitem nicht. «Wir haben Bundeskanzlerinnen, Chefärztinnen, Bundesverfassungsrichterinnen, die einen genauso guten Job machen, wir ihre männlichen Kollegen. Aber noch nie hat eine Frau am deutschen Fernsehen ein Live-Fussball-Spiel kommentieren dürfen», so Michael Schaffrath. Das sei erschütternd.

Das Problem liege nicht darin, dass Frauen von Publikum, Trainern oder Spielern nicht akzeptiert würden. Die Studie der Technischen Uni München zeigt, dass sich 3,1 Prozent der Befragten eher eine Frau als Fussballkommentatorin wünschen. Für 61 Prozent muss es klar ein Mann sein, dem Rest ist es egal. Das Problem liege zweifellos in den Redaktionsstuben, so Schaffrath. «Derjenige Sportchef, der zum ersten Mal eine Frau ein Live-Fussballspiel kommentieren lässt, kann sich ein Denkmal setzen. Das hat sich bislang noch keiner getraut.»

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.07.2010, 08:34 Uhr

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