Mitarbeiter sollen Täter Waffe entrissen haben

Ein Amokläufer tötete gestern in der Holzfirma Kronospan in Menznau LU zwei Personen – eines der Opfer ist Kranzschwinger Benno Studer. Gemäss einem Radiobericht ist inzwischen eine weitere Person gestorben.

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Wenn es noch so etwas wie eine heile Welt hinter den sieben Bergen gibt, dann gehört Menznau dazu. Das 2868 Einwohner zählende Dorf liegt zwischen Wolhusen und Willisau im Luzerner Hinterland. Die zerklüftete Landschaft ist dünn besiedelt und von bewaldeten Hügeln geprägt – Luzern und seine städtischen Probleme sind 25 Kilometer entfernt. Doch gestern hat ein Amoklauf die Gemeinde ins Bewusstsein der Öffentlichkeit katapultiert: Kurz nach 9 Uhr morgens gab es auf dem Firmengelände des Holzverarbeiters Kronospan eine Schiesserei. Ein Mitarbeiter tauchte an seinem freien Tag in der Betriebskantine auf und schoss mit einer Faustfeuerwaffe gezielt auf seine Arbeitskollegen.

Die Polizei fand beim Eintreffen drei Tote vor, darunter den Täter. Sieben Personen wurden verletzt, sechs davon schwer. Nach unbestätigten Angaben ist einer der verletzten Personen inzwischen seinen Verletzungen erlegen, wie Radio Pilatus heute Morgen berichtet. Das Firmengelände wurde von der Polizei grossräumig abgesperrt, und zur Spurensicherung wurden das forensische Institut Zürich und die Zürcher Rechtsmedizin beigezogen.

Von Mitarbeitern überwältigt?

Um 14 Uhr informierten die Luzerner Polizei und Firmenvertreter im Menznauer Pfarreisaal. Medienleute aus der ganzen Schweiz und auch aus Deutschland kamen in zwei Dutzend Autos und Fernsehübertragungsfahrzeugen angereist. Der riesige Informationshunger konnte aber nicht annähernd gestillt werden. Gemäss Daniel Bussmann, Chef der Luzerner Kriminalpolizei, handle es sich bei den drei Toten um Schweizer. Der Täter sei ein 42 Jahre alter, langjähriger Mitarbeiter der Kronospan. Zum Motiv und zur Herkunft der Pistole konnte Bussmann keine Angaben machen. Mauro Capozzo, CEO der Kronospan-Muttergesellschaft Kronoswiss, beschrieb den Amokläufer als «einen ruhigen Mann, der nie negativ aufgefallen ist und auch gut im Team integriert war».

Gegenüber der «Neuen Luzerner Zeitung» erklärte gestern ein Kronospan-Angestellter, dass der Täter ein ehemaliger Kickboxer sei und seit längerem psychische Probleme habe. «Im letzten Jahr hat er sich verändert. Er hat öfter Selbstgespräche geführt und ist seltsam aufgefallen», so der Mitarbeiter. Wie eine zuverlässige Quelle gegenüber dem TA sagte, handle es sich beim Täter um einen eingebürgerten Kosovo-Albaner, der in der Umgebung wohnte. Die Polizei wollte dies aber nicht bestätigen.

Merkwürdigerweise machte die Polizei auch keine genauen Angaben zur Todesursache des Amokläufers. Wie die gleiche Quelle meinte, sei nicht auszuschliessen, dass sich der Täter weder selbst richtete noch von der Polizei erschossen wurde, sondern im Laufe der Auseinandersetzung von den Mitarbeitern überwältigt und getötet wurde.

Ein Freund eines Mitarbeiters erzählt gegenüber Keystone (siehe Video), dass dieser ihm kurz nach der Tat eine SMS geschickt habe. «Er schrieb darin, dass er auf der Toilette war, als der Täter in der Kantine das Feuer eröffnete», erzählt er. Als er zurückgekommen sei, sei er nach vorne geprescht und haben dem Amokläufer die Waffe entrissen.

Gestern Abend wurde bekannt, dass eines der Opfer der Entlebucher Kranzschwinger Benno Studer ist. Der 26-Jährige gewann 2011 das Innerschweizer Schwingerfest. Beim zweiten Opfer handelt es sich gemäss «20 Minuten online» um eine zweifache Mutter, die bei Kronospan als Hauswartin angestellt war und zudem im gleichen Haus wie der Täter wohnte.

Grösster Arbeitgeber der Region

Kronospan ist mit Abstand der grösste Arbeitgeber der Region. Der Holzbetrieb beschäftigt in Menznau rund 400 Mitarbeiter und ist auf die Herstellung und Veredelung von Holzwerkstoffen spezialisiert. Vor wenigen Tagen gab das Luzerner Grossunternehmen bekannt, die Produktion trotz guter Auftragslage drosseln zu müssen. Begründet wurde dies mit dem Mangel an Rundholz, da aufgrund der besonderen Wetterverhältnisse weniger Holz geschlagen werden konnte.

Auffallend ist, dass in Menznau die Erträge aus der Unternehmensgewinnsteuer in den vergangenen Jahren eingebrochen sind. Das spricht gegen eine gute Rentabilität und deutet auf steigenden Kostendruck bei der Kronospan hin. Ein anderer Aspekt, der zumindest indirekt eine Rolle gespielt haben könnte, ist der Umstand, dass bei Kronospan rund um die Uhr gearbeitet wird. Die Firma verlange ihren Mitarbeitern einiges ab, sagte Giuseppe Reo, Sekretär der Gewerkschaft Unia, gegenüber dem Regionaljournal Zentralschweiz.

Die Produktion der Kronospan wurde für zwei Tage stillgelegt. Heute findet in Willisau ein Trauergottesdienst statt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.02.2013, 06:38 Uhr

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Benno Studer – Opfer des Amoklaufs in Menznau

Benno Studer – Opfer des Amoklaufs in Menznau Der Kranzschwinger Benno Studer fiel der Bluttat in Menznau zum Opfer.

Attentat in Menznau: Angehörige von Mitarbeitern erzählen. (Video: Keystone )

«Wir haben eine Schusswaffe am Tatort sichergestellt»: Der Chef der Kriminalpolizei Luzern, Daniel Bussmann, zum Stand der Ermittlungen. (Video: Keystone)

Der Menznauer Gemeindepräsident Adrian Duss nimmt Stellung zur Tat. (Video: Keystone)

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Internationale Medien berichten über Menznau

Internationale Medien berichten über Menznau Der Amoklauf in der Holzfirma Kronospan in Menznau LU beschäftigt auch die Zeitungen im Ausland.

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