Spiel mir das Lied vom Todesschuss

Ein Londoner Elitepolizist zitierte als Zeuge vor Gericht bekannte Liedzeilen. Der Polizeipräsident zeigte sich «wütend, empört und zutiefst beschämt».

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Mit Musik geht alles besser. Das muss sich auch Alpha Zulu 8 gedacht haben, als er vor kurzem in London in den Zeugenstand trat. Der Scharfschütze aus den Eliterängen Scotland Yards sollte zur Klärung eines Todesfalls beitragen, den er mit anderen Polizisten herbeigeführt hatte. Statt nüchtern Rede und Antwort zu stehen, zitierte er Liedertitel – wohl neugierig darauf, wie viele die Fragesteller erkennen würden.

Alles nur ein Spiel?

Die Umwandlung einer ernsten juristischen Veranstaltung in eine heitere Quizshow droht mittlerweile der Karriere des Beamten ein Ende zu setzen. AZ8, wie der zu Anonymität berechtigte Schütze der Metropolitan Police vor Gericht genannt wurde, muss sich jetzt vor den eigenen Oberen rechtfertigen. «Wütend, empört und zutiefst beschämt» zeigte sich Polizeipräsident Sir Paul Stephenson über den Vorfall. Und für die Familie des Erschossenen hat AZ8 eine schlimme Frage aufgeworfen: ob er auch den Todesschuss nur als Spiel betrachtet habe.

Das Ganze geht zurück auf einen Tag im Mai 2008, als der depressive, drogengeschädigte Anwalt Mark Saunders mit einem Gewehr aus dem Fenster seiner Wohnung fuchtelte. Spezialeinheiten wurden herbeigerufen. Langwierige Verhandlungen konnten Saunders nicht zum Niederlegen seiner Waffe bewegen. Als er Schüsse abgab, schossen die Polizisten gezielt zurück.

Insgesamt sieben Scharfschützen waren an dem Kugelhagel beteiligt. AZ8 trug zu Saunders Tod mit einem Kopfschuss bei. Im September dieses Jahres, als die Sache vor den Untersuchungsrichter für Todesfälle, den Coroner, kam, wurde dem Todeskommando bescheinigt, dass es den Amokläufer «auf gesetzliche Weise getötet» hätte. Was bei den Verhandlungen unbemerkt blieb, war, dass AZ8 sich einen Spass erlaubte: Er hatte Songtitel in seine Antworten eingeflochten.

Von Duran Duran bis Coldplay

Chris de Burghs «Quiet Moments» kamen zum Zug, als AZ8 gefragt wurde, woran er sich erinnere. In «quiet moments», stillen Augenblicken, denke er, alles hätte anders kommen können. Ob er mit seinem Verhalten Kollegen gefährdet habe, war eine andere Frage. Manchmal müsse man sich in die Schusslinie, «in the line of fire», stellen – ein Songtitel der Gruppe Journey. Ob es wirklich absolut nötig gewesen sei, auf Saunders zu feuern? Er habe damals einfach den «point of no return» erreicht, erwiderte der Polizist – Titel eines Songs von Duran Duran.

George Michael, XTC und Coldplay waren andere, aus deren Repertoire der Schütze sich bediente. Auch «Lethal Weapon» (Ice-T), «Drop the Gun» (Kings of the Sun) und «Any Other Way?» (Celine Dion) waren Schnitzeljagdtitel, die er ausstreute. Dennoch schöpfte niemand im Coroner-Gericht Verdacht. Nicht einmal eine Anspielung auf die «Self Preservation Society» aus dem Gangsterfilm «The Italian Job» brachte Reporter, Amtsrichter oder Polizeichefs auf die Spur. «Fuck My Old Boots», fluchte der Schütze an einer Stelle der Befragung – ein Titel der Membranes.

«Mangel an Urteilsvermögen»

Erst der Ausdruck der Zeugenaussage brachte, mit ein paar Wochen Verspätung, die Sache ans Tageslicht. Es sei unglaublich, mit welchem «Mangel an Urteilsvermögen» hier einer seiner Spezialisten ganz Scotland Yard in Verruf gebracht habe, wütete Polizeichef Stephenson. Wer in einer derart ernsten Sache einen Zeugenauftritt zum Jux degradiere, müsse sich doch fragen lassen, ob er auch die Ereignisse an jenem Mai-Tag nur als Spiel betrachtet habe, haderte die Mutter des erschossenen Mark Saunders.

Alpha Zulu 8 ist derweil, für die Dauer des Disziplinarverfahrens, vom Waffendienst «entbunden». Gleichzeitig durchforsten Detektive die Aussagen seiner Kollegen, um sicherzustellen, das sonst keiner sich an dem Spiel beteiligte – und sich in die «line of fire», die öffentliche Schusslinie, stellte. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.11.2010, 09:02 Uhr

«Line of Fire»: Londoner Scharfschützen im Einsatz.

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