Enkeltrick-Pate Hoss zum dritten Mal erwischt

Der Roma-Clan aus Polen, der auch in der Schweiz aktiv ist, hat laut Polizei Rentner um bis zu einer Milliarde Euro betrogen.

Er gilt als Erfinder des Enkeltricks: Foto von Arkadiusz L. in einem polnischen TV-Bericht. Screenshot: www.tvp.info

Er gilt als Erfinder des Enkeltricks: Foto von Arkadiusz L. in einem polnischen TV-Bericht. Screenshot: www.tvp.info

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Fahnder in halb Europa sind seit Jahren auf der Spur der berühmt-berüchtigten Enkeltrick-Mafia. Zuoberst auf der Fahndungsliste steht Arkadiusz L., der Chef der Roma-Bande, die mit der dreisten Betrugsmasche Senioren um ihre Ersparnisse bringt. Arkadiusz L. ist nun in Warschau festgenommen worden – wieder einmal. Der 49-jährige Clanchef, der den Übernamen Hoss trägt, war bereits zweimal von der polnischen Polizei erwischt worden. Beide Male kam er allerdings gegen eine hohe Kaution frei, wegen angeblicher Haftunfähigkeit. Und beide Male tauchte er unter.

Zuletzt entwischte Arkadiusz L. den Strafverfolgern im vergangenen Februar. Fahnder und Staatsanwälte sprachen von einem Justizskandal, nachdem der notorische Betrüger unter Auflagen aus der Haft entlassen worden war. Wegen Verstosses gegen die Haftauflage n wurde Arkadiusz L. am letzten Donnerstag in Warschau verhaftet. Österreich hatte einen europäischem Haftbefehl gegen ihn erwirkt. Ein polnisches Gericht wird nun über die Auslieferung des Enkeltrick-Paten entscheiden. Für die Kriminalisten steht fest, dass Hoss die Nummer eins im Geschäft war.

Bericht von Spiegel-TV nach der Haftentlassung von Arkadiusz L. im Februar 2017. Video: Youtube/Spiegel-TV

Gemäss Polizeischätzungen hat die von Polen aus operierende Enkeltrick-Mafia um ihren Paten Arkadiusz L. allein in Deutschland, Österreich und der Schweiz in den vergangenen 18 Jahren insgesamt «bis zu eine Milliarde Euro» von gutgläubigen, hilfsbereiten Senioren erbeutet. In den drei Ländern sollen nach Angaben der Nachrichtenagentur AFP Tausende Klagen wegen Betrugs eingereicht worden sein.

Ein Drahtzieher der Enkeltrick-Mafia in der Schweiz war Marcin K. alias Lolli, wie die «SonntagsZeitung» (SOZ) in ihrer letzten Ausgabe berichtete. Der 30-jährige Lolli ist ein Sohn von Enkeltrick-Pate Hoss. Lolli steht derzeit in Hamburg vor Gericht: Es geht um 16 betrogene Rentner und eine Betrugssumme von 290'000 Euro – das ist nur ein kleiner Teil aller Delikte. Ob Lolli nach diesem Prozess an die Schweiz ausgeliefert werden kann, ist laut SOZ offen. Auch die Ehefrau von Hoss sowie der Bruder von Lolli sitzen hinter Gittern.

Ein Leben in Saus und Braus

Der Legende nach hat Arkadiusz L. alias Hoss den Enkeltrick Ende der 1990er-Jahre gemeinsam mit seinen beiden Brüdern mit den Spitznamen Joe und Adam sowie einem Schwager in Hamburg erfunden. Wegen ihrer Spitznamen wurden die Betrüger als «Bonanza»-Familie bekannt. Nach Angaben von Ermittlern handelt es sich um polnischstämmige Roma, die perfekt Deutsch beherrschen.

Der Enkeltrick machte Hoss, der nur zwei Jahre Schulbildung genossen haben soll, rasch zu einem sehr reichen Mann. Wie seine Komplizen führte Arkadiusz L. ein Leben in Saus und Braus. Das dokumentieren im Internet veröffentlichte Videos und Fotos von opulenten Familienfeiern, protzigen Autos, teuren Kleidern und anderem Luxus. Dagegen verloren zahlreiche Opfer der Enkeltrick-Betrüger alle Ersparnisse.

Die Enkeltrick-Mafia um Arkadiusz L. besteht aus mehreren Roma-Familien, die mehr oder weniger enge verwandtschaftliche Verbindungen zueinander haben. Der Clan hat firmenähnliche Strukturen entwickelt und geht sehr professionell seinen Verbrechen nach. Seine Mitglieder beherrschen verschiedenste Sprachen auf muttersprachlichem Niveau, auch weil sie in unterschiedlichen Teilen Europas zu Hause sind.

Ein Bericht von Spiegel-TV erklärt, wie der Enkeltrick funktioniert. Video: Youtube/Spiegel-TV

Arkadiusz L. war 2001 nach Polen geflüchtet. Über ein Jahrzehnt konnte er unbehelligt von den Strafverfolgungsbehörden seinen kriminellen Geschäften nachgehen. Erst 2014 konnte er erstmals festgenommen werden. Gegen eine Kaution von 120'000 Euro kam er aber wieder frei und tauchte unter. Vor einem Jahr führte die polnische Polizei landesweit Razzien durch: In Warschau, Danzig, Breslau, Krakau und anderen Städten verhaftete sie Dutzende Mitglieder des Roma-Clans. Schwierig sind die Ermittlungen, weil die Clanmitglieder, dem Schweigegebot folgend, einanander nicht belasten.

Enkeltrick-Betrüger im Kanton Thurgau

Trotz Erfolgen der Fahnder ist die Enkeltrick-Mafia weiterhin sehr aktiv. Und sie findet immer wieder Opfer. Erst gestern Dienstag ist es Enkeltrick-Betrügern gelungen, einer 66-jährigen Frau aus Singen (D) 75'000 Euro abzunehmen. Die Übergabe des Geldes fand in Kreuzlingen TG statt. Mit der gleichen Masche wurde ebenfalls am Dienstag eine 83-jährige Frau aus Bürglen TG um 8000 Franken betrogen. Die Thurgauer Polizei warnt in einer Mitteilung zur Vorsicht, wenn ein angeblicher Verwandter sich am Telefon nicht sofort zu erkennen gebe und seinen Namen erraten lasse.

Mittlerweile ist die Betrugsmasche ein Exportartikel: Nach Deutschland, Österreich und Schweiz gibt es bereits Fälle in Italien, Schweden, Kanada oder den USA. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.03.2017, 14:55 Uhr

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