Vater der vermissten Mädchen festgenommen

Ein Aargauer Vater, der mutmasslich seine zwei Töchter entführte, wurde an seinem Wohnort verhaftet. Zuvor teilte er mit, wohin er seine Kinder gebracht hatte.

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Das Familiendrama im aargauischen Sisslen hat eine Wende genommen: Wie «20 Minuten» berichtet, hat der Vater heute morgen folgenden Eintrag auf Facebook publiziert (für die Öffentlichkeit nicht einsehbar): «So meine Kinder sind sicher vor der KESB. Habe sie auf die Philippinen gebracht und mit dem Wohnwagen eine falsche Fährte gelegt. Ich stelle mich jetzt der Polizei.» Die Solothurner Justizbehörden bestätigen nun: Der Vater der vierköpfigen Familie wurde an seinem Wohnort im Kanton Aargau von der Kantonspolizei Solothurn festgenommen.

Gegen die Eltern sei nun ein Verfahren wegen Entziehen von Minderjährigen eröffnet worden, sagte Cony Zubler, Mediensprecherin der Solothurner Staatsanwaltschaft, auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda. Die Ermittlungen seien in Gang. In einem schriftlich geführten Interview schildert der Vater zuvor, wie er vorgegangen ist und in welches Flugzeug er die Kinder gesetzt hat: «Am Samstag um 16 Uhr war der Flug mit Qatar Airways, ab Zürich Kloten.»

Dabei habe er bewusst eine falsche Fährte gelegt, in dem er den familieneigenen Wohnwagen umplatzierte. Die Polizei vermutete zunächst, dass die Familie ihn als Fluchtgefährt benutzte. Damit die Fluggesellschaft keinen Verdacht schöpfte, habe er auch Retour-Tickets gelöst. «Die Kinder sind wohlauf auf den Philippinen angelangt», schreibt der Vater via Facebook. Verwandte würden sich um sie kümmern.

Kritik an der Kesb

Die Polizei habe «stümperhaft» agiert, weil sie vergessen habe, ihnen damals die Pässe wegzunehmen. Auch an der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) lässt er kein gutes Haar. Sie sei hochgradig korrupt und auf den eigenen Profit bedacht: «Kinder sind Goldgruben für die hiesige Sozialindustrie.»

Das Drama begann im September letzten Jahres. Ein Mann aus der Aargauer Gemeinde Sisseln alarmierte die Kesb. Er vermutete, dass seine Nachbarn die Kinder vernachlässigen. Oft seien sie unbeaufsichtigt draussen am Spielen gewesen, auch nach Einbruch der Dunkelheit.

Dies soll unter anderem für das Handeln der Kesb ausschlaggebend gewesen sein. Im vergangenen März griff die Behörde ein. Die beiden Kinder, eine Sechs- und eine zweijährige, wurden in Obhut genommen und in einem Heim im solothurnischen Trimbach untergebracht. Der Kanton Aargau bestätigte heute morgen in einer Medienmitteilung: «Das Familiengericht Laufenburg hat den Eltern nach einer Gefährdungsmeldung aufgrund der festgestellten Situation im September 2014 die Obhut über die Kinder entzogen und diese in einem Kinderheim untergebracht.»

Vor der Entführung in den Klettergarten?

Bis vergangenen Samstag blieben die Kinder fremdplatziert. Dann holte der Vater, ein Spengler, seine Töchter für einen Familienausflug ab. Ihr Ziel: ein Klettergarten. «So was ist toll für die Kinder. Hatte viel Spass», schrieb er auf seiner Facebook-Seite. Der Eintrag war bis anhin der letzte Anhaltspunkt über den Verbleib der Familie. Vom Vater, den Töchtern und der 29-jährigen Mutter gab es bis zum jüngsten Facebook-Eintrag kein Lebenszeichen mehr. Die Solothurner Kantonspolizei gab heute morgen bekannt, dass weiterhin jede Spur von der vierköpfigen Familie fehle. Erste Hinweise aus der Bevölkerung würden nun ausgewertet.

Für einzelne Leute aus dem Umfeld der Familie ist nicht nachzuvollziehen, weshalb die Kinder in Obhut der Kesb genommen wurden. So berichtet die Ex-Freundin des Vaters gegenüber dem «Blick», dass er so viel mit den Töchtern unternommen habe. «Er ist ein so lieber Mann.» Eine Nachbarin ist gleicher Meinung: «Es ist eine sehr liebe und herzliche Familie», sagt sie gegenüber dem Fernsehsender Tele M1.

Allein am Rhein am Spielen

Die Frau vermutete schon vor der Mitteilung des Vaters, dass sich die Familie ins Heimatland der Mutter – auf die Philippinen – abgesetzt hat. «Keine Mutter lässt sich die Kinder wegnehmen.» Die Nachbarin bestätigt, dass die Mädchen ab und zu von zu Hause abgehauen seien. Auch sie habe sie schon vom Rhein zurückgebracht, als sie sie dort allein habe spielen sehen. Hinter dem lockeren Umgang mit ihren Kindern vermutet sie kulturelle Gründe: «Die Mutter kommt von den Philippinen, da macht man das offenbar so.»

Sie berichtet weiter, dass sie nun schon mehrfach versucht habe, ihre Nachbarin anzurufen. Ohne Erfolg. Die Nummer sei inzwischen ungültig. Sie selber hätte die Behörden nicht eingeschaltet, berichtet die Nachbarin.

Oft gestritten

Doch die Behörde schien für ihr Einschreiten auch nachvollziehbare Gründe gehabt zu haben. Das Verhältnis der Eltern sei sehr angespannt, berichtet eine Bekannte gegenüber der «Nordwestschweiz»: «Alle paar Tage gab es einen Riesenkrach.» Die Frau hatte offenbar die Absicht, die Familie zu verlassen. Eines Tages sei sie am Flughafen gestanden. In der Hand ein One-Way-Ticket nach Manila. «Die Scheidung ist nur noch Formsache, wenn diese Frau ihre Kinder einfach so im Stich lässt», schrieb der Vater anschliessend auf Facebook. Doch es kam anders: Die Mutter entschied sich offenbar im letzten Moment, nicht ins Flugzeug zu steigen.

Was viele Personen zuvor vermuteten, bestätigt sich nun offenbar: Die Familie setzt sich auf die Philippinen ab, um den Schweizer Behörden zu entkommen. Dass die Eltern ihren Kindern etwas antun könnten, kann sich niemand aus dem Umfeld vorstellen: «Sie haben sie zu fest gern», sagte eine Nachbarin.

(mrs)

Erstellt: 27.07.2015, 09:30 Uhr

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