Kickboxer Balicha muss 12 Monate hinter Gitter

Der grösste Strafprozess der Baselbieter Justizgeschichte mündet in einen Schuldspruch für den Hauptangeklagten Paulo Balicha.

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Ein Prügel-Überfall unter verkrachten Kampfsportlern von 2014 in Reinach BL hat dem Hauptangeklagten eine teilbedingte Freiheitsstrafe von 33 Monaten eingebracht. Das Baselbieter Strafgericht sprach den Kickboxer am Donnerstag unter anderem der mehrfachen Freiheitsberaubung schuldig.

Schuldsprüche gab es für den heute 41-jährigen Portugiesen überdies wegen Angriffs, einfacher Körperverletzung sowie versuchter schwerer Körperverletzung. Von den insgesamt zwei Jahren und neun Monaten Strafe muss er als Haupttäter zwölf Monate unbedingt absitzen. Den Rest sprach das Dreiergericht bedingt aus, mit einer Probezeit von zwei Jahren.

Bei den übrigen insgesamt 16 Angeklagten gab es sieben Freisprüche zum Prügel-Überfall sowie bedingte Strafen in unterschiedlicher Höhe. Teils wurden auch noch Taten aus ganz anderem Kontext in diesem Prozess mit beurteilt, etwa Betäubungsmittel- und Strassenverkehrsdelikte sowie eine FCB-Fankrawall-Beteiligung.

Vier Angeklagte wurden zu bedingten Freiheitsstrafen von 14 bis 19 Monaten verurteilt und acht erhielten bedingte Geldstrafen – zweien wurde beiderlei aufgebrummt. Die Geldstrafen reichten von 50 Tagessätzen à 60 Franken bis zu 285 à 70 Franken. Schlagstöcke brachten vieren Schuldsprüche wegen Waffengesetz-Verstössen ein.

Brutales Vorgehen

2014 hatte eine vom Haupttäter geführte Gruppe eine Kampfsportschule in Reinach BL angegriffen, die dem damals anwesenden Hauptopfer gehört. Die Angreifer hielten die Anwesenden – darunter Minderjährige – in Schach, damit der Anführer mit seinem verhassten Rivalen einen beinharten Einzelkampf austragen konnte.

Am schlagzeilenträchtigen Überfall waren Dutzende Personen beteiligt; sechs wurden verletzt, und es gab Knochenbrüche. Trotz eines Videos – das die Angreifer erstellten und den Opfern in die Hände fiel – war die Zuordnung und juristische Bewertung der einzelnen Taten schwierig, wie die Gerichtspräsidentin sagte.

Ausser dem Anführer waren alle Angreifer aus Angst vor Rache maskiert. Sieben Angeklagte bestritten, dabei gewesen zu sein. Alibis und Zeugenaussagen seien teils unklar oder widersprüchlich gewesen. So blieb die Beweislage für das Gericht schwierig.

«Drohkulisse»

Jedenfalls sei Gewaltanwendung klar «Teil des Tatplans» und die «Drohkulisse» Absicht gewesen. Bewiesen sei die Präsenz von sieben Schlagwerkzeugen, darunter Baseballstöcken – nicht jedoch psychische Folgen. Wegen des Angriffs als Gruppe seien die Schläge gegen das Hauptopfer allen Angeklagten als einfache Körperverletzung anzulasten.

Schwere Körperverletzung habe einzig der Haupttäter mittels «absolut verbotenen Kampftechniken» in Kauf genommen, sagte die Präsidentin mit Verweis unter anderem auf Ellbogenschläge gegen das am Boden liegende Opfer. Medizinischen Gutachten und Zeugnisse belegten jedoch keine schweren Verletzungen im juristischen Sinn.

Da nur Angegriffene verletzt wurden, aber keine Angreifer, liege kein Raufhandel vor, sondern ein Angriff. Dass mehrere Anwesende den Raum respektive ihre Ecke darin unter Drohungen zehn bis 15 Minuten lang nicht verlassen konnten, gehe klar über Nötigung hinaus; trotz der kurzen Dauer sei das als Freiheitsberaubung zu taxieren.

Monsterprozess

Dem Hauptopfer wurde eine Genugtuung von 5000 Franken sowie eine Parteientschädigung von gut 23'000 Franken zugesprochen. Drei weitere Opfer bekamen insgesamt 6000 Franken Genugtuung sowie gut 11'000 Franken Entschädigung. Andere Forderungen wurden auf den Zivilweg verwiesen, darunter eine einer Versicherung von gut 400'000 Franken.

Der wegen der Zahl der Angeschuldigten enorm aufwändige Prozess sprengte den im Baselbiet üblichen Rahmen bei weitem: Über 30'000 Aktenseiten hatte die Staatsanwaltschaft in vier Jahren gesammelt. Allein mit den Angeschuldigten samt Verteidigung war der Gerichtssaal voll; Medien und Publikum sahen nebenan per Video zu.

Beim im Wesentlichen geständigen Haupttäter wurde übrigens die Medienberichterstattung mildernd angerechnet: Da laut Präsidentin mit ungenügender Berücksichtigung der Unschuldsvermutung berichtet worden sei, reduzierte das Gericht die dem Delikt angemessene Strafe um drei Monate.

(oli/sda)

Erstellt: 20.09.2018, 08:48 Uhr

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