Nackt-Aktion: «Nur die Männer mit den Kameras finde ich widerlich»

Die ersten Nackt-Künstlerinnen tummeln sich auf der Brücke beim Zürcher Rathaus. Was soll das?

Nackt-Künstler auf der Brücke zwischen dem Hotel Storchen und dem Rathaus. (Video: Lea Blum und Ev Manz)

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In hell-oliver Hose und brauner Bluse steht Katharina Vogel auf dem Platz. Still. Schaut. Begrüsst sich und den Platz. Passanten bleiben verwundert stehen. Niemand sagt ein Wort.

Langsam entledigt sie sich der Hose, der Unterhose, der Bluse. Ein Mann mit grauem Haar sagt: «Jetzt geht es los.» Tanzperformerin Vogel beginnt sich auf dem Platz zu bewegen. Es sei für sie die freiste Form der Bewegung. «Aber da spüre ich, was es heisst, Mensch zu sein.»

Immer mehr Leute bleiben auf dem Platz stehen, doch sie halten Abstand. Auffällig: Die meisten von ihnen sind Männer. Viele zücken Fotoapparat oder Smartphone. Eine Gruppe Schulkinder rennt vorbei. Alle kichern, eine kreischt.

«Ich bin ein Wassertropfen»

Zwei der wenigen Frauen diskutieren angeregt, fragen sich, ob das Kunst sein soll und warum. Vogler hat die Augen geschlossen, scheint ganz im Platz versunken. «I am a drop of water, the Rathausbrücke my ocean», sagt sie. Ich bin ein Wassertropfen, die Rathausbrücke ist mein Ozean.

Nackt-Performances in Zürich und Biel:

Es ist ganz ruhig auf dem Platz. Viele begreifen nicht, was hier läuft. Aber man ist tolerant. Jetzt zieht sich die zweite Performerin aus, setzt sich auf den Boden und lehnt mit dem Bauch an die Betonbank. Sie legt ihre Stirn ab, verharrt. Die Blicke schwenken in ihre Richtung. Viele zücken wiederum ihre Smartphones.

«Aber die vielen Männer mit ihren Kameras auf dem Platz finde ich irgendwie widerlich.»18-jährige Gymnasiastin

Ein indisches Touristenpaar geht über den Platz. Beide lachen beim Anblick von zwei nackten Männer, die nun auf den Platz marschieren. Der eine beginnt, dem anderen durch Pusten die nassen Haare zu trocknen. «Wow», sagt die indische Frau. «Was ist das?», fragt ein Mann. «Kunst», sagt irgendjemand. Einer nennt es «kalter Kaffee» im Vergleich zu dem, was er früher im Niederdorf alles gesehen habe.

«Eine Spur zu langatmig»

Seit die Aktion begonnen hat, schaut Bernhard Furrer dem Treiben auf dem Platz gespannt zu. Der Rentner aus Wallisellen mag Kunst. «Aber – ich gebe es zu – auch nackte Haut.» Die Verbindung von beidem findet er perfekt. «Ich wünschte mir, die Leute würden lockerer mit dem Thema umgehen.» Er sei zwar prüd aufgewachsen, durch den Einfluss von Verwandten sei er später aber lockerer geworden. Und wenn er kann, geht auch er nackt herum, im privaten Rahmen. Irgendwann aber sagt er: «Das hier ist mir eine Spur zu langatmig.»

Ganz anders sehen das zwei junge Zürcherinnen. Aus ihrer Sicht braucht es gerade diese Langsamkeit, damit sich die Leute auf das Treiben einlassen, herunterfahren, zu sich kommen. «Das können wir heute ja kaum mehr», sagt die eine. Eine 18-jährige Gymnasiastin empfindet es ähnlich. «Aber die vielen Männer mit ihren Kameras auf dem Platz finde ich irgendwie widerlich.»

«Eine Frau hat mich angesehen, und da habe ich gemerkt, wie sich etwas in ihr gelöst hat.»Katharina Vogel, Nacktperformerin

Katharina Vogel wird nach ihrer Darbietung sagen, dass sie die Atmosphäre auf dem Platz als sehr angenehm empfunden habe. Viele hätten sich auf das, was auf dem Platz passiert, eingelassen. «Eine Frau hat mich angesehen, und da habe ich gemerkt, wie sich etwas in ihr gelöst hat.» Genau das sei schön, sagt Katharina Vogel.

Das Reibungspotenzial der Aktion ist zweifellos vorhanden. Seit Donnerstag-Mittag um 13 Uhr mischen sich Künstlerinnen und Künstler nackt unters Volk auf der Zürcher Rathaushausbrücke. Zuschauer werden sich die Augen reiben und sich fragen, was das soll. Vielleicht auch fragen, was das kann.

Das gesellschaftliche und kulturelle Reibungspotenzial auszuloten, ist das Ziel der zweiten Ausgabe des «Body and Freedom»-Festivals. Bis am Samstagabend wollen Künstlerinnen und Künstler aus ganz Europa in 18 Performances herausfinden, wie ihr nackter Körper im realen, öffentlichen Raum und in Bezug mit der Architektur eines Ortes wirkt. Alle Arbeiten haben skulpturale oder interaktive Züge und dauern zwischen 20 und 60 Minuten.

Künstlerisches Gestaltungsmittel

Auf Theaterbühnen, in Kunsthäusern oder im Netz seien nackte Körper ominpräsent und akzeptiert, so Kurator Thomas Zollinger. «Aber wenn Menschen in der Öffentlichkeit mit Nacktheit konfrontiert werden, haben plätzlich viele ein Problem damit.»Deshalb will Zollinger mit seiner Kunst die Zuschauer dazu anregen, über ihr Verhältnis zum eigenen Körper und über Verhaltensnormen nachzudenken.

Zollinger geht es nicht um Effekthascherei, sondern genau um das Gegenteil. «Der nackte Körper soll generell weniger Aufsehen erregen.» Er will den nackten Körper im städtischen Raum als künstlerisches Gestaltungsmittel etablieren. Abends ergänzen «Nacktgespräche» im Zentrum Karl der Grosse das Programm. Sie bieten Raum die kritische Reflexion und sollen zur Vermittlung dieser Art von Kunst beitragen. Die Stadt hat den Anlass zwar bewilligt, unterstützt ihn aber, wie der Kanton, nicht finanziell.

Mit der ersten Ausgabe des Festivals vor drei Jahren in seiner Heimatstadt Biel erregte Thomas Zollinger bereits grosses Aufsehen. Online-Medien aus der ganzen Welt berichteten. Das deutsche Portal RP-Online etwa titelte «Aktivisten verunsichern die Innenstadt von Biel» Und wie schon in Biel wird das Thema auch in Zürich kontrovers diskutiert. So fordert etwa Claudia Rabelbauer, EVP-Gemeinderätin und ehemalige Stadtratskandidatin, dass Passanten über den Anlass informiert werden sollten, damit sie ausweichen könnten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.08.2018, 12:40 Uhr

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