Unter Nomaden

Der Khuvsgulsee im Norden der Mongolei lockt jedes Jahr unzählige Nomaden an seine stillen Ufer: Eine einmalige Möglichkeit, das Leben der Hirten aus der Nähe zu betrachten.

Sie reiten zwar gemeinsam an, danach werden sie aber zu Konkurrenten: Einzug der Jugendlichen vor dem Pferderennen. Foto: Andy Wong (AP, Keystone)

Sie reiten zwar gemeinsam an, danach werden sie aber zu Konkurrenten: Einzug der Jugendlichen vor dem Pferderennen. Foto: Andy Wong (AP, Keystone)

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Batbyamba Ganhuyag und Narantuya Tsogtoo sind ein modernes Nomadenpaar. Der 33-jährige Mongole und seine gleichaltrige Frau frühstücken in Jeans und T-Shirt auf dem Teppich, der den Holzboden in der 25 Quadratmeter grossen Jurte bedeckt. Bunte Schüsseln, gefüllt mit Rahm und Gebäck, stehen hier. In der Mitte knistert ein Ofen, dessen Rohr durch die Deckenöffnung ragt. Eine Kommode und zwei Betten, eins für die Eltern, eins für die Kinder, lehnen an den Rundwänden aus dickem Filz, daneben zwei Hocker für Besucher. «Im Winter wohnen wir in einem Holzhaus im Dorf Khatgal am Südzipfel des Khuvsgulsees, im Sommer dagegen schlagen wir unser Jurtenlager direkt am Wasser auf.»

Die Nomadenfamilie lebt von und mit der Natur. Morgens um sieben treibt Vater Batbyamba seine Pferde in die Steppe zum Grasen. Auf dem Nachhauseweg sammelt er Yakfladen zum Heizen. Seine Füsse stecken in den Gutul, den handbestickten Lederstiefeln. Gegen die Kälte hat er ein Deel übergezogen, einen traditionellen mongolischen Mantel. Seine Frau melkt derweil die Ziegen und macht aus der Milch Aruul, den typischen Hartkäse. Oder sie filzt einen Pullover aus Wolle. Die Kinder helfen dabei.

Heiliger Trinkwasserspeicher

Der Khuvsgul-Nationalpark im Norden der Mongolei, kurz vor der russischen Grenze nach Sibirien, ist seit je ein beliebter Lagerplatz von Nomaden. Der 3000 Quadratkilometer grosse Khuvsgulsee besitzt fast die doppelte Fläche des Kantons Zürich und ist das grösste Trinkwasserreservoir des Landes. Für die Einheimischen ist er heilig. Wie ein Meer liegt das tiefe Blau zwischen schlanken Lärchenwäldern und den hügeligen Ausläufern des Sajangebirges. Landzungen aus weissen Steinen ragen in das Gewässer, das wegen seiner Tiefe auch «kleiner Baikalsee» heisst. Auf den Uferwiesen grasen Pferde und Yaks, Heilkräuter und Wildblumen gedeihen. Im Wasser tummeln sich Barsche und Forellen.

Fast die doppelte Fläche des Kantons Zürich: Der Khuvsgulsee. Foto: Mr. Hicks46 (Flickr)

Die Mongolei, so gross wie Deutschland, Frankreich und Spanien zusammen, ist berühmt für Nomaden und endlose Weite. Kein Wunder, bietet sie den nur drei Millionen Einwohnern so viel Platz wie kein anderes Land auf der Welt. Der Boden ist karg, das Klima extrem. In den Wintermonaten ist die Eisschicht auf dem Khuvsgulsee so dick, dass sie sogar Lastwagen trägt.

96 Bäche speisen das Binnengewässer in der Mongolischen Schweiz, die im Sommer sogar von etwas Tourismus profitiert. Das wissen auch die Tsaaten zu schätzen.

Die letzten Rentierzüchter der Mongolei siedeln normalerweise 200 Kilometer weiter westlich in den unwirtlichen Bergwäldern. In den Sommermonaten jedoch kommen einige der Familien mit Sack und Pack an den See: «Wir besitzen 30 Rens, aber nur die jungen und kräftigen nehmen wir mit. Die anderen würden die Wärme nicht überstehen», erklärt Familienoberhaupt Sulegmaa. Stolz zeigt der 50-Jährige seine Kühe und Böcke und die beiden grossen Spitzzelte in der Waldlichtung. Dafür gibt es ein paar Münzen von den Touristen. Die sind fasziniert von den schönen Hirschtieren, die seelenruhig ihre prächtigen Geweihe präsentieren und auf den nächsten Ausritt warten.

Das Rentier führt zu den Ahnen

Für die Tsaaten sind die Rentiere Lebensgrundlage: Aus dem Fell stellen die Nomaden Jacken und Decken her, aus dem Geweih Medizin, die fette Milch gibt Energie im rauen Klima. Die Rentiere tragen Lasten bei den regelmässigen Umzügen durch die Wälder, oftmals in Eis und Schnee.

Es dürfte kaum verwundern, dass das Rentier bei so viel Bedeutung auch als Schamanentier gilt, das die Tsaaten in die Welt ihrer Ahnen führt.

Guter Schutz ist wichtig: Nomaden vor ihrer Jurte; das Gewehr dient nur zum Vertreiben der Wölfe. Foto: Michael Reynolds (EPA, Keystone)

Bei den Mongolen am Khuvsgulsee sieht das anders aus. «Unsere Schamanen halten regelmässig Rituale in den Waldlichtungen ab, und die Einheimischen kommen in Scharen», sagt Narantuya. In den Baumkronen hängen dann Bänder und Gebetsfahnen, darunter stehen kleine Zelte. Die Geisterbeschwörer entzünden ein Feuer, wärmen ihre Trommeln aus Ziegenhaut am heissen Qualm und schleudern mit Wacholderzweigen Milch aus einer Schale in alle Richtungen, um die Geister gnädig zu stimmen.

Schon oft hat Narantuya interessierte Touristen zu einer Sitzung gebracht. Zuschauen ist möglich. Die Schamanen verbergen das Gesicht hinter einer Zeremonialmaske aus bunten Stofffetzen. Sie schlagen auf ihre Trommeln und schlagen Oberkörper und Kopf im Kreis, bis sie in Trance fallen.

Der wilde Ritt der Kinder

«Für die meisten meiner Landsleute ist der Schamanismus die Religion. Batbyamba und ich halten uns lieber an weltliche Dinge, zum Beispiel an das Naadam-Fest», sagt Narantuya und nickt. Dieses Fest feiern die Mongolen jedes Jahr im Juli. Mit Pferderennen, Bogenschiessen und Ringen wird Dschingis Khans gedacht und der Entstehung des mongolischen Staates. Auf den platten Wiesen am Khuvsgulsee, zwischen Ufer und der schmalen Seepiste, versammeln sich dann sämtliche Bewohner der Region, tragen ihre schönsten Trachten, die Frauen legen kostbare Ohrringe an, die Männer schwere Metallschärpen. Es wird geredet, gelacht, angefeuert und applaudiert.

Das Vorbild aller Reiter: 40 Meter hohe Statue von Dschingis Khan etwas ausserhalb der Hauptstadt Ulan Bator. Foto: Jeremy Hainsworth (AP, Keystone)

Die eigentlichen Stars aber sind die Jungen und Mädchen, die schreiend und peitschend von den Lärchenwäldern bis zum Ufer um die Wette galoppieren, auf Pferden, deren kurz geschnittene Mähnen zu Berge stehen wie jene von Wildpferden. Im letzten Jahr haben Narantuya und ihr Mann erstmalig den ältesten Sohn teilnehmen lassen. «Doch gewonnen hat er nicht», lacht Batbyamba, zieht seine Stiefel aus und setzt sich zu den Kindern.

Es ist Abend geworden. Auf dem Jurtenteppich dampft im Topf Mehlsuppe mit selbst gemachten Nudeln. Batbyamba wird gleich noch die Yaks an einen anderen Weideplatz treiben und mit dem Motorrad Wasser aus dem Steppenbrunnen holen. Die Kinder werden die Pferde anbinden, Narantuya die Kiste mit den Aruul-Stücken zum Trocknen auf das Jurtendach stellen. Nur die Pferdekopfgeige wartet noch auf ihren Einsatz – ein letztes Highlight an einem ganz normalen Tag einer modernen Nomadenfamilie.

Lesen Sie auch unseren Fotoblog über das Nadaam-Festival – die olympischen Spiele der Mongolen.

Die Reise wurde unterstützt von Tischler Reisen.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.05.2016, 20:05 Uhr

Mongolei

Tipps und Informationen

Anreise: Zum Beispiel mit KLM über Amsterdam nach Ulan Bator (ab 1270 Fr.), oder mit Turkish Airlines über Istanbul (ab 989 Fr.).
www.klm.com, www.turkishairlines.com

Inlandflug mit Hunnu Air nach Morun (ab 127 Fr.) und weiter per Bus zum ­Khuvsgulsee.
www.hunnuair.com

Einreise: Schweizer benötigen ein Visum, zu beantragen bei der Botschaft in Genf, Tel. 022 774 19 74.

Reiseveranstalter: Tischler Reisen, die deutsche Tochter des Walliseller Asien­spezialisten Tourasia, führt den Khuvsgulsee im Rahmen einer 18-tägigen deutschsprachigen Minigruppenreise im Programm (ab 2514 Euro), Tel. 0049?8821?93?17?0.
www.tischler-reisen.de

Globotrain, Bern, bietet eine 9-tägige Individualreise ab Ulan Bator, «Der Khuvsgulsee, die blaue Perle der Mongolei», an (ab 2575 Fr.), Tel. 031 313 00 03.
www.globotrain.ch

Beste Reisezeit: Von Mitte Juni bis Ende September.

Allgemeine Informationen: Botschaft der Mongolei, Berlin, Tel. 0049?30?47?48?06?0.
www.botschaft-mongolei.de, www.touristinfocenter.mn

Bildstrecke

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