Albtraum im Paradies

Die Hauptstadt Malé und die Malediven: Krasser können Kontraste kaum sein.

130'000 Menschen leben in Malé auf weniger als sechs Quadratkilometern: Mann auf dem Sprung in die Lagune. Foto: Sinan Hussain (Keystone)

130'000 Menschen leben in Malé auf weniger als sechs Quadratkilometern: Mann auf dem Sprung in die Lagune. Foto: Sinan Hussain (Keystone)

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Der letzte Ferientag. Kurz nach Sonnenaufgang ist das Schnellboot im Inselresort Baros losgeprescht und hat eine halbe Stunde später am Pier von Malé angelegt. Bis das Flugzeug Richtung Heimat startet, bleiben noch ein paar Stunden, um die Hauptstadt der Malediven zu erkunden.

Im Gedächtnis sind die Bilder vom letzten Besuch abgespeichert – Bilder, die man am liebsten löschen möchte. Und die doch immer wieder auftauchen. Zum Beispiel der Hai.

Vom Hafen aus findet man den Fischmarkt mit verbundenen Augen – einfach der Nase nach. Die Boote sind zurückgekehrt, die Fischer haben ihren Fang auf dem Boden drapiert: Zwei Goldmakrelen zucken in ihrem Blut, daneben ein halbes Dutzend Thunfische – und ein Prachtexemplar von einem grauen Riffhai. Grosse Augen starren trüb ins Leere. Im Rachen messerscharfe Zahnreihen. Auf dem Rücken, wo einmal die Finne war, klafft eine hässliche Wunde.

Seit sich die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass ein lebendiger Hai, der dem schnorchelnden Feriengast im Korallengarten begegnet, lukrativer ist als ein toter, dessen Flossen in einer Suppe schwimmen, gehört die Spezies offiziell zu den geschützten Fischen.

Ferienträume am Ozean

Der Kontrast zwischen Albtraum und Ferientraum ist bezeichnend für ein Land, dessen Hauptstadt als dichtestbevölkerte Metropole der Welt gilt – und das gesamthaft dünner besiedelt ist als jedes andere Land auf der Welt. Längst hat die Zahl jener, die sich reif für die Inseln fühlen, die Millionengrenze überschritten. Rund 1'200'000 Touristen sind letztes Jahr eingeflogen – unter ihnen über 30'000 Schweizer. 130'000 Menschen leben in Malé auf weniger als sechs Quadratkilometern, während die übrigen 220'000 Malediver einen Teil der 1196 Inseln bevölkern, die zwischen dem Indischen Subkontinent und dem Äquator über nahezu 1000 Kilometer verteilt sind.

Aus der Luft erklärt der Blick aus dem Fenster, warum die Malédiven – zu Deutsch: Inselkette – so heissen: Als habe ein göttlicher Sämann in elegantem Schwung eine Handvoll Ferienträume über die tintenblaue Weite des Indischen Ozeans gestreut, reiht sich ein kleines Paradies ans andere, alle in konzentrischen Ringen angeordnet: Die Lagune mit dem Korallengarten umrahmt den Sandstrand und dieser den tropischen Dschungelkern.

Die grösste Wasserflugzeug­flotte der Welt besorgt die Feinvertei­lung auf fast 100 Inseln.

Mittlerweile wurden weit über 100 Inseln zu touristischen Ferienzielen ausgebaut – jedes Eiland hat sein Hotelresort und jeder Feriengast seinen voll klimatisierten Bungalow mit Zugang zum Strand. Barfuss ist Vorschrift. Touristinnen tragen in knappen Bikinis viel Haut zur Schau, setzen sich zur Happy Hour an die Bar und bewundern beim hochprozentigen Cocktail einen weiteren Sonnenuntergang, während in Malé Alkohol und harte Drogen zum gesellschaftlichen Problem geworden sind. Zugleich müssen die Besucherinnen, wenn sie hier den künstlich aufgeschütteten Strand besuchen, den Bikini im Koffer lassen und Arme, Schultern und Schenkel mit Shorts und Shirts abdecken.

Jetzt setzt der Pilot zum Landeanflug an, Malé rückt ins Blickfeld. Dicht an dicht stehen Hochhäuser, zwischen ihnen wirken die wenigen Bäume in kleinen Parkanlagen wie dekoratives Petersiliengewürz. Und mittendrin die goldene Kuppel der grossen Moschee.

Sowie die Einreiseformalitäten überstanden sind, teilt sich der Strom der Ankömmlinge: Auf jene, die ein Arrangement in einem der Resorts im Malé-Atoll gebucht haben, warten neben dem Terminal Schnellboote. Die meisten Passagiere hingegen besteigen ein Inlandflugzeug oder die Busse zum Transfer auf die andere Seite der Piste, wo die grösste Wasserflugzeug­flotte der Welt die Feinvertei­lung auf fast 100 Inseln besorgt.

Rettung mit einem Sprung

Wer an Bord der Fähre geht, um zur Hauptstadtinsel überzusetzen, ist zumeist entweder beim Flug­hafen angestellt oder arbeitet für eine Fluggesellschaft – man wohnt hüben und arbeitet drüben. Nur selten verirrt sich ein Tourist unter die Passagiere der Fähre, die nach zehn Minuten am Pier der Hauptstadt festmacht. Der motorisierte Verkehr verschärft den Dichtestress – und verleiht der Stadt, in der jede Adresse in einer halben Stunde zu Fuss erreichbar ist, eine absurde Note. Weil das motorisierte Vehikel als Statussymbol gilt, müssen sich Touristen, die durch die verwinkelten Gassen der Innenstadt flanieren, oft mit einem Sprung zur Seite in Sicherheit bringen.

Am Pier schiebt sich der Verkehr als stinkende, lärmende Masse durch die Strasse, wobei neben den Privatfahrzeugen die vielen Taxis, Lieferwagen, Ambulanzen, Hotel-Shuttlebusse auffallen, aber auch Tausende von Motor­rädern, deren zumeist jugendliche Lenker sich einen Spass daraus machen, die Stadt auf der Uferstrasse donnernd zu umrunden. Es gibt für sie nicht viele andere Möglichkeiten, sich die Zeit zu vertreiben.

Zunehmend erschüttern soziale Spannungen das Zusammen­leben. Angestellte aus Indien und Sri Lanka bedienen auf den Inseln die Feriengäste, chinesische Arbeiter bauen die grosse Brücke, die innert Jahresfrist eröffnet werden und die Flughafeninsel mit der Hauptstadt Malé verbinden soll. Die billigen Arbeitskräfte drücken auf die Löhne und verschärfen die Arbeitslosigkeit unter den Einheimischen; gleichzeitig schnellen Boden­preise und Mieten in kaum erschwing­liche Höhen.

Die weltweit höchste Scheidungsquote

Da erstaunt es nicht, dass die Malediven die weltweit höchste Scheidungsquote aufweisen. Das liegt einerseits an den islamischen Moralvorschriften: Viele heiraten schon als Teenager, weil Sex vor der Ehe offiziell nicht toleriert wird. Inoffiziell hingegen blüht das Geschäft mit Zimmern, die stundenweise angemietet werden können. Zum anderen treibt das Scheidungsrecht die Quote in die Höhe. Männer, die ihrer Ehefrauen überdrüssig sind, können diese einfach verstossen, dies dem Scheidungsrichter kundtun – und sind schon geschieden.

Offiziell gilt auf den Malédiven die Scharia, die Rechtssprechung nach fundamentalislamistischer Tradition. Dennoch sind keine Urteile bekannt geworden, die Todesstrafen, Steinigungen oder ähnliche Barbareien vorsehen. Die schärfste Strafe, die ein Verbrecher auf den Malediven gewärtigen muss, ist die Verbannung auf eine einsame Insel.

Dafür bezahlen andere viel Geld.


Die Reise wurde unterstützt von Manta Reisen. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 28.09.2017, 14:20 Uhr

Malé – Moloch am Meer: Dichtestress. Foto: Getty Images

Malediven

Tipps & Infos

Anreise Edelweiss fliegt zweimal pro Woche, jeweils am Mittwoch und Sonntag, direkt von Zürich nach Male; mit Emirates täglich via Dubai.

Reiseveranstalter Manta Reisen, Spezialist für den Indischen Ozean, Tel. 044 277 47 00.

Unterkunft Das Somerset-Hotel ist eine der besten Adressen im Zentrum. Im Central kann man auf der Dachterrasse das Abendessen geniessen – und die Aussicht über die ganze Stadt.

Essen Im Sea House neben dem Fährenterminal mit Blick auf die Flughafeninsel. Auf der Dachterrasse im Salt mit schöner Aussicht und italienischen Spezialitäten.

Stadtführungen können in den Resorts gebucht werden.

Allgemeine Informationen www.visitmaldives.com

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