Wo die Wildnis auf der Lauer liegt

Sonntagsausflug ins Weisstannental – Wanderer und Eiskletterer fühlen sich hier ebenso wohl wie Wolf, Luchs und Bartgeier.

Weisstannen: Naturschutz hat Vorrang, die Menschen wandern ab. Foto: Nicola Pitaro

Weisstannen: Naturschutz hat Vorrang, die Menschen wandern ab. Foto: Nicola Pitaro

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«Sehr gut.» Andreas Zimmermann nickt zufrieden. «Nicht perfekt, aber das wird schon – noch ein paar Eistage, dann steigen wir dort hinauf.» Zwischen Bachbett und Felswand richtet der Bergführer den Blick nach oben. Unter seinen Füssen ist der Boden gefroren, hinter ihm gurgelt die Seez unter der Eisdecke dem Walensee entgegen, vor und über ihm ragen mächtige Eistürme senkrecht in den Himmel.

Die Fluh, hundert Meter hoch, über zweihundert Meter lang, gilt als Geheimtipp: Ein Dutzend Wasserfälle haben sich in ein eisiges Paradies für kühne Alpinisten verwandelt. «Nirgendwo sonst im Alpenraum finden Eiskletterer sämtliche Schwierigkeitsgrade in so kompakter Form», sagt Bergführer Zimmermann, der im Nebenberuf als Schreiner arbeitet. «Die Samichlaus-Wand ist eine Herausforderung.» Samichlaus was? «Da war doch diese kleine Höhle», erklärt er. «Gleich hinter der Brücke – dort wohne der Samichlaus, haben sie uns früher erzählt.»

Das leuchtet ein: Wo sonst soll der Nikolaus hausen als in dieser Schlucht, der Pforte zu einer Region, die in Vergessenheit geraten ist. Vor tausend Jahren, so kolportiert es die Legende, habe man hinten im Tal, bei den drei markanten Weisstannen, eine Kirche erbaut; die Häuser, die sich alsbald um das Gotteshaus scharten, fügten sich zum Dorf Weisstannen – und so kam auch das Tal zu seinem Namen.

Alles begann mit den Steinböcken Peter und Paul

Zwischen dem Glarner Zigerschlitz und der Bündner Herrschaft gehört der südlichste Zipfel des Kantons St. Gallen zu den bestgeschützten und touristisch kaum erschlossenen Naturlandschaften der Schweiz. Seit die Unesco die Tektonik­arena Sardona mit dem Titel Weltnaturerbe geadelt hat, sind der Rothirsch und die Gemse, der Fuchs und auch der Luchs im Gebiet um die Seez-Quelle heimisch geworden.

Dort, wo die Kantone St. Gallen, Glarus und Graubünden einander begegnen, gelang vor über hundert Jahren, als der Steinbock gänzlich ausgerottet war, eine Wiederansiedlung, die bis heute als erfolgreichste Artenrettung der Schweiz gilt: Zwei männliche Tiere, die hier am 8. Mai 1911 ausgewildert wurden, stammten aus dem St. Galler Tierpark Peter und Paul und hörten folgerichtig auf die Namen Peter und Paul; heute gelten sie – zusammen mit ihren Steingeissen, die in jener Zeit namenlos blieben – als Urahnen der europäischen Steinböcke. «Rund 16 000 Tiere leben unterdessen im Alpenraum, allein im Weisstannental zwei Kolonien mit gut 700 Tieren», schätzt Ranger Kurt Walser, der im Solde von Pro Natura als «Anwalt der Natur» auftritt, «die sich selber nicht wehren kann».

Walser wärmt sich im Restaurant Gemse auf und erzählt, wie er vor drei Monaten wieder dem Wolf begegnet ist: «Möglicherweise ein Tier aus dem Calanda-Rudel», sagt er. «Es ist ein Glück, so etwas zu erleben. Der Wolf gehört zu den fünf intelligentesten Tierarten der Welt – und er hat Anspruch auf Lebensraum in unserem Land. Wir müssen uns der Natur anpassen – nicht umgekehrt.» Neuerdings zieht auch der Bartgeier seine Kreise unter dem Weisstannentaler Himmel.

Rigorose Schutzmassnahmen, die eine erfolgreiche Ansiedlung wilder Tierarten ermöglichen, erfordern den Verzicht auf Strukturwandel und haben zu einer dramatischen Abwanderung geführt. Noch zur Jahrtausendwende lebten 300 Menschen in Schwendi und Weisstannen. Innert 15 Jahren ist ihre Zahl geschrumpft: Die jüngste Zählung ergab exakt 114 Nasen – in jedem der beiden Dörfer.

«Ausser Schneeschuhwandern und Schlittschuhlaufen haben wir im Winter nicht viel zu bieten», sagt Helen Schönbächler, die Wirtin in der Gemse, dem einzigen Gasthaus, das ganzjährig geöffnet ist. «Keine Bergbahn, kein Skilift – das ist der Preis, den wir für den Naturschutz bezahlen.»

Allerdings findet, wer dem Rummel auf den Skipisten entfliehen will, im Weisstannental ein seltenes und wertvolles Gut: Ruhe. Wer dennoch das Spektakel liebt, kommt beim Hornschlitten- und Rittgeissrennen auf seine Kosten. Und wer auf noch mehr Adrenalin steht, montiert die Steigeisen und nimmt die Samichlaus-Wand in Angriff. Am nächsten Donnerstag führt Bergführer Zimmermann seinen Eiskletterkurs durch – und hofft, dass ihm das Wetter nicht in die Quere kommt: «Ein Föhneinbruch macht das Eis kaputt.»


Anreise

PW: In Sargans/Mels die A 3 verlassen, via Mels/Wangs Richtung Weisstannental.

ÖV: Vom Bahnhof Sargans fährt stündlich ein Postauto ins Tal.

Eiskletterkurs www.grischunalpin.ch

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 26.01.2017, 13:50 Uhr

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