Die Big Five und der Giraffenhals

Tiefschneegebiete im Herzen der Schweiz sind wild, schön und tückisch. Auf Spurensuche in Andermatt und Engelberg.

An der Wetterscheide zwischen Nord- und Südalpen: Für Freerider sind die variantenreichen Abfahrten von Andermatt ein Magnet.

An der Wetterscheide zwischen Nord- und Südalpen: Für Freerider sind die variantenreichen Abfahrten von Andermatt ein Magnet. Bild: PD

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Hier runter? Der Atem stockt, die Knie drohen zu flattern, doch Bergführer Dan Loutrel bleibt gelassen. Er steht auf einem Bödeli im Steilhang, den die Andermatter Giraffe nennen. Nun wird klar warum: Die Bergflanke links vom 2961 Meter hohen Gemsstock ist so eng, steil und lang wie der Hals einer Giraffe. Loutrel nickt und hebt den Arm, was wohl so viel heissen soll wie: nur Mut.

Runter also! Die kleine Gruppe hangelt sich den Giraffenhals hinunter. Schweden, Schweizer, Dänen, Deutsche, mehr oder weniger elegant, alle aber sicher auf den Brettern.

Für Tiefschneefahrer, neudeutsch Freerider, ist Andermatt ein Magnet. Der Gemsstock und seine Ausläufer liegen an der Wetterscheide zwischen Nord- und Südalpen, kriegen aus allen Richtungen Schnee und locken mit variantenreichen Abfahrten.

«Das alles braucht wirklich Respekt.»Dan Loutrel, Bergführer

Die längste führt durchs Guspistal und ist auch für Anfänger geeignet: Nach kurzem Fellaufstieg fährt man durchs einsame, reizvolle Hochgebirgstal, erreicht über die verschneite Gotthardstrasse nach zehn Kilometern Hospental und gelangt per Skibus zurück nach Andermatt.

Und die anspruchsvollste ist die Giraffe mit bis zu 40 Grad Gefälle. Sie ist ab Gemsstock über ein schmales Band zwischen Felsgrat und Gurschengletscher erreichbar – Routenfindung und Beurteilung der Lawinensituation überlässt man hier lieber einem Bergführer. So muss man sich weder um Schneedeckenaufbau, gefährlichen Triebschnee noch Wildschutzgebiete kümmern.

«Das alles braucht wirklich Respekt», sagt Dan Loutrel, der von Zeit zu Zeit seinen Stock prüfend in den Tiefschnee rammt. «Geit scho hüt», sagt er mit amerikanischem Akzent und saust aus dem Giraffenhals ins Unteralptal. Wir folgen artig und stöckeln gemächlich sechs Kilometer nach Andermatt zurück. Linkerhand liegen die wohlpräparierten Pisten des seit Dezember 2018 verbundenen Skigebiets Nätschen-Gütsch und Oberalp-Sedrun. Dan Loutrel zieht es erneut zum wilden Gemsstock. Er will noch im Felsental rechts vom Gipfel eine Spur ziehen.

In Göschenen werden Freeride-Ski konstruiert

Der 38-Jährige stammt aus einer bergsportbegeisterten Familie in Boston. Eigentlich hätte er Flugzeugbauingenieur werden sollen. Doch sein Bewegungsdrang war stärker. Er schmiss das Studium, ging klettern in Kalifornien, jobbte in Colorado als Skipatrouilleur und reiste vor 16 Jahren als Freerider durchs Urnerland. Und blieb – der Berge und der Liebe wegen.

Bald einmal konstruierte er seine Freeride-Ski selbst, Kenntnisse aus dem Bootsbau halfen ihm dabei. Mittlerweile führt der dreifache Vater eine Manufaktur in Göschenen und knüpft an eine Urner Tradition an: Früher produzierten Schreiner der Region auch Ski. Der Amerikaner nennt seine Produkte «Birdos» – ziemlich breite, lange Bretter fast ohne Taillierung. «Der Auftrieb ist fantastisch», sagt er.

Was den Andermattern der Gemsstock ist den Engelbergern der Titlis. Im Obwaldner Kurort heissen die besten Freeride-Strecken Steinberg, Laub, Sulz, Steintäli und Galtiberg, kurz «Big Five».

Das Gelände rund um den 3238 Meter hohen Titlis ist tückisch. Schon die erste Abfahrt ab Bergstation Klein Titlis Richtung Steinberg fährt ein. Eisig blau schimmern die Gletscherspalten. Mehr als einmal sind Menschen hier zu Tode gestürzt. Bergführer Thomas Odermatt gibt die Spur vor. Seine klaren Anweisungen lassen die Ängste schwinden und die Schönheit des Titlisgletschers erleben. Wir traversieren den Trübsee und nehmen uns vom Jochstock das relativ einfache Steintäli vor, das noch kaum befahren ist.

Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft

Und dann am nächsten Morgen: das Laub. Viel schon wurde über diese 1000 Meter lange, mit 35 Grad anhaltend steile Wand geschrieben, bekannt bis in den hohen Norden. Der Stockholmer Johan Andersson, Freerider und Reiseleiter, folgte 1997 einem lokalen Bergführer erstmals ins Laub. Andersson brachte in den Folgejahren weitere Gäste mit. Längst ist Engelberg für Schwedinnen und Schweden ein beliebtes Freeride-Ziel. Pro Winter gehen 9000 Übernachtungen auf ihr Konto. Auch gehören den Skandinaviern vier Hotels.

Andersson wurde am Berg gesichtet. Doch unser Mann der Stunde heisst Thomas Odermatt, filigraner Techniker. Er führt ab der Mittelstation Stand über den Laubersgrat zum besagten Hang – ein Monsterhang, mehrere Fussballfelder breit und mit schöner Aussicht weit ins Engelberger Tal.

Der 55-Jährige lässt den ersten Abhang links liegen, «zu gefährlich heute». Nachher wird er erklären warum: Der Schnee sei zu unverbunden, weil zu wenig befahren. Je weiter wir dem Grat folgen, desto mehr zeichnen sich unter dem frischen Weiss alte Spuren ab – Signale einer besseren Verfestigung der Schneedecke.

Thomas Odermatt stiebt davon, wir folgen. Wie lange der Hang auch immer sein mag: Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft verschmelzen. Es gibt nur diesen Schwung, diesen Atemzug, dieses tiefe Schneeglück.

www.andermatt-freeride.ch; www.engelberg.ch
Die Touren wurden unterstützt von Andermatt- und Engelberg-Tourismus

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 13.01.2019, 07:16 Uhr

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