Afghanistan-Experte und Strategieprofessor hört auf

Albert A. Stahel beendet seine wissenschaftliche Karriere und Lehrtätigkeit.

Albert A. Stahel setzte sich vehement für eine starke Milizarmee ein.

Albert A. Stahel setzte sich vehement für eine starke Milizarmee ein. Bild: Keystone

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Die wissenschaftliche Tätigkeit des bekannten Strategieprofessors und Afghanistan-Experten Albert A. Stahel an der Universität Zürich ist Ende September mit der Promotionsfeier zur letzten durch ihn betreuten Dissertation zu Ende gegangen. Emeritiert wurde Stahel bereits im März.

Bemerkenswert erscheint beim Rückblick auf die wissenschaftliche Arbeit sowie Lehrtätigkeit Stahels, dass das Interesse in ausländischen Fachkreisen oft grösser war als in der Schweiz, in der – nicht allein in Armeekreisen – unbequeme Feststellungen, Einwände und auch Beweise gerne einmal beiseite geschoben werden, weil angestammte Denkmuster sowie eben erst erschaffene Planungs- und Konzeptarbeiten infrage gestellt werden müssten.

Im Pentagon und bei Massud

Stahel habilitierte im Wintersemester 1979/80 mit einer Arbeit über «Simulationen sicherheitspolitischer Prozesse anhand von Beispielen und Problemen der schweizerischen Sicherheitspolitik» für das Gebiet Politische Wissenschaft, mit besonderer Berücksichtigung strategischer Studien. Mit Beginn der Lehrtätigkeit etablierte Stahel das für die Schweiz damals neue Fachgebiet «Strategische Studien».

Dass Stahel über die Jahre zum heute wohl profundesten Afghanistan-Experten im deutschsprachigen Raum und darüber hinaus wurde, geht auf einen NZZ-Artikel vom Oktober 1980 zurück. Der bekannte und in militärstrategischen Fragen damals meinungsdominierende Divisionär Gustav Däniker vertrat darin die These, für die Schweiz liessen sich aus dem Afghanistankrieg keine Lehren ziehen. Däniker mass «einigen tausend Kleinkriegern», die uneins und unorganisiert seien, keine Erfolgschance «gegen 175 Divisionen und die Luftstreitkräfte einer Supermacht» (Sowjetunion) zu.

Es war dieser Artikel, der Albert A. Stahel zusammen mit Pierre Allan dazu veranlasste, ein mathematisches Simulationsmodell zu erarbeiten, anhand dessen sich die weitere Entwicklungen des sowjetisch-afghanischen Kriegs analysieren liess. Die beiden Wissenschaftler traten in Kontakt mit den Verantwortlichen des Afghanistan Archivs der Stiftung Bibliotheca Afghanica, worauf sich mit Hilfe einer Fülle plausibler Daten die Möglichkeit ergab, den Fortgang des Krieges zu simulieren.

Für Stahel war Massud der intelligenteste Führer der Mujahedin.

Gestützt darauf sagte Stahel in der Studie «Tribal Guerrilla Warfare Against a Colonial Power» voraus, dass die UDSSR weder den Krieg in Afghanistan gewinnen noch die Mujahedin vernichten werden. 1983 wurden die Resultate dieser Simulation im Journal of Conflict Resolution publiziert. Das darauf folgende Interesse seitens der USA brachte Stahel bis ins Pentagon.

Stahels Tätigkeit führte ihn zudem wiederholt nach Afghanistan; mit wichtigen Stammes- und Regierungsvertretern pflegte er persönliche Kontakte. Den 2001 ermordeten Ahmad Schah Massud kannte er gut. Für Stahel war Massud der intelligenteste Führer der Mujahedin.

Für die Schweiz ergab eine Weiterentwicklung des Simulationsmodells in den 1990er-Jahren, in Zusammenarbeit mit Experten auf russischer Seite, dass die Schweizer Armee im Kalten Krieg gute Chancen gehabt hätte, das Land gegen eine konventionelle Attacke aus dem Osten zu verteidigen.

Albert A. Stahel, über die Jahre als Strategie- und Sicherheitsexperte sowie Referent zu geopolitischen Themen gefragt, setzte sich vehement für eine starke Milizarmee ein. Leider hörten die zuständigen Bundesräte seit Adolf Ogi zu wenig auf ihn. Stahel wird seine sicherheits-publizistische Seite, strategische-studien.com, weiter betreiben. (Basler Zeitung)

Erstellt: 22.10.2017, 10:05 Uhr

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