Alles Roger

Am 1. August mit SVP-Kandidat Köppel auf grosser Tour: Ein rhetorischer Parforceritt durch das Züribiet

«Ein Mann des Volkes, oder?»: Politeinsteiger Köppel mit Bewunderern im Zürcher Hauptbahnhof (30. Juli).

«Ein Mann des Volkes, oder?»: Politeinsteiger Köppel mit Bewunderern im Zürcher Hauptbahnhof (30. Juli). Bild: Keystone

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Ein BaZ-Journalist unter SVP-Anhängern hat es nicht leicht: «Sehr gut!», sagen die Leute, wenn ich erzähle, für welche Zeitung ich schreibe. Man muss sich der um einen herum aufkeimenden Zuneigung erwehren, um nicht vereinnahmt zu werden.

Egal, was ich schreibe, dass ich Roger Köppel, den «Weltwoche»-Chef und SVP-Kandidaten für den Nationalrat, am 1. August auf seiner Tour durch das Züribiet begleite, wird mir unweigerlich den Vorwurf einbringen, dem Objekt meiner Beobachtung einen Gefallen zu erweisen. «Embedded Journalist», werden mir hämische Menschen an den Kopf werfen. Deshalb und um die übliche, ermüdende Links-rechts-Polemik zu vermeiden, der Versuch, Transparenz herzustellen: Manche von Köppels Ansichten teile ich, andere nicht. Darum soll es hier aber nicht gehen. Was Köppel in seinen Reden vorbringt, ist – zumindest inhaltlich – einigermassen erwartbar: Er wird typische SVP-Positionen vertreten, so wie die meisten SP- oder FDP-Politiker typische SP- oder FDP-Positionen. Daran ist nichts Ehrenrühriges.

Die Politik poetisieren?

Eher interessiert mich etwas anderes: ob es Köppel, immerhin einem der begabtesten Journalisten im deutschen Sprachraum, gelingt, sich von der hohl dröhnenden Gewissheits- und Gewohnheitsrhetorik der Berufspolitiker abzusetzen. «Es wäre spannend zu sehen, ob Intellektualität den politischen Alltag bereichern, poetisieren kann oder ob Köppel mit seiner wüsten, anarchischen Wissensgier an der Berner Politikroutine zerschellt», schrieb der deutsche Journalist Ulf Porschardt im Februar in der «Welt», nachdem Köppel seine Kandidatur für den Nationalrat bekannt gegeben hatte. Kann er an diesem 1. August die Festredenroutine durchbrechen?

Drei Ansprachen hält Köppel am Nationalfeiertag, um 13 Uhr in Ober­embrach, um 19 Uhr in Dielsdorf und um 21 Uhr in Erlenbach. Seine Ferien im Tessin hat er für einen Tag unterbrochen. Wie viele Anfragen er habe ablehnen müssen, wisse allein seine Sekretärin, sagt Köppel, doch darf man davon ausgehen, dass sich allenfalls Bundesräte in ähnlichen Sphären bewegen. Wenn es in der biederen Schweizer Politik so etwas wie Starruhm gibt, kommt Köppel ihm derzeit wohl am nächsten.

Köppel trägt ein weisses Hemd, eine braunbeige Anzughose, dazu hellbraune Schuhe, statt eines Jacketts aber eine knallrote Outdoor-Jacke der Marke Jack Wolfskin. Als wolle er die beiden Welten vereinen, in denen er sich bewegt: die urbane Schweiz der Journalisten und die tendenziell eher ländliche der SVP-Wähler, in die wir jetzt, in Köppels Audi-Offroader, hineinfahren.

Noch immer sei er vor jeder Rede nervös, sagt Köppel auf der Fahrt durch die Agglomeration. Das fertige Manuskript lese er sich selbst laut vor, allerdings ohne Publikum. «Ein Text funktioniert nur, wenn er auch gesprochen funktioniert, sonst ist er allzu abgehoben.» Das verhalte sich bei Leitartikeln nicht anders als bei Ansprachen.

Doppelt so viele wie bei Brunner

Erste Station Oberembrach, wenige Kilometer nordöstlich von Kloten, 1000 Einwohner. Hinter der Schule haben sie ein Festzelt aufgebaut, an die 400 Leute sind gekommen. Letztes Jahr, als SVP-Chef Toni Brunner hier sprach, sollen es halb so viele gewesen sein.

Viertel vor eins ist es, und die beschwingte Stimmung im Zelt ist einerseits den «Stoffel-Musikanten Hittnau», andererseits dem lokalen Federweissen zu verdanken.

Gemeindepräsident Bernhard Haas begrüsst den «sehr geehrten Herrn Roger Köppel» in «Oberembri». Früher, als er in die Politik gegangen sei, sei ein Wort noch ein Wort gewesen, sagt Haas. Der Gemeindepräsident ist parteilos, doch ein wenig tönt er, als sei Köppel ein Vorgesetzter, dem er Bericht erstatten müsse: «Wir bemühen uns hier, unsere kleine Zelle zu erhalten.» Früher sei ein Wort noch ein Wort gewesen, sagt er noch einmal. Als Haas zum Abschluss seiner Rede das scheinbar drängendste Problem aller Schweizer Gemeinden anspricht, die steigende Zahl der Asylbewerber, ist Köppel gerade nicht ganz bei der Sache: Ehefrau Tien ist eingetroffen, mit den drei Kindern Karl, Viktor und Anna.

Wenige Augenblicke später steht Köppel auf der Bühne. «Meine Frau ist da, jetzt bin ich noch nervöser», sagt er. Ein alter Köppel-Topos, wie die Leser seiner Kolumnen wissen: der Mann, abhängig von der Gunst einer Frau.

Er steigt mit einem Zitat des Ökonomen John Maynard Keynes ein: «Es ist besser, ungefähr richtig zu liegen als exakt falsch.» Exakt falsch lägen die Schweizer Historiker, «das ist ja glasklar». Auch seine Ansprache trägt , bildlich gesprochen, Anzughose und Outdoor-Jacke. Historische Exkurse wechseln sich ab mit Attacken auf den politischen Gegner; von den Waldstätten, die sich «gegen die Arglist der Zeit» zusammengetan hätten, berichtet Köppel, von der Eidgenossenschaft als einer «politischen Selbsthilfeorganisation» und von seiner «Lieblingsbundesrätin» Simonetta Sommaruga, was das Publikum ein erstes Mal zum Lachen bringt.

Zu seiner Bestimmung gefunden?

Auf der Bühne ist Köppel ein anderer Mensch: Im persönlichen Gespräch eher zurückhaltend, fast schüchtern, scheint er als Volksredner zu seiner Bestimmung gefunden zu haben. Wenn es allzu theoretisch zu werden droht, kriegt er noch jedes Mal die Kurve vom Akademischen zum Populistischen: Vom Berner Geschichtsprofessor André Holenstein erzählt er, der ein Buch über die Bündnispolitik der Schweiz geschrieben, dabei aus seinen Forschungsergebnissen jedoch die falschen Schlüsse gezogen habe. Es ist ruhig, die Leute hören zu, bevor Köppel seine Pointe zündet: «Holenstein hat sein eigenes Buch nicht verstanden. Dafür muss man schon ein Professor sein!»

Als Journalist weiss Köppel um die Kraft anschaulicher Vergleiche: Politische Unabhängigkeit und Weltoffenheit seien keine Gegensätze, doziert er, und zieht das nahe Flughafendorf Kloten als Beispiel heran. Im «Sternen», der Traditionsbeiz, seien die alteingesessenen Klotner zusammengehockt, während nur wenige Hundert Meter weiter die Maschinen der Swissair nach Singapur und New York starteten. Eine Dialektik des Fortschritts, mustergültig heruntergebrochen auf lokale Verhältnisse.

Besser als «die Martullo»

Ob Köppel, der studierte Historiker und Philosoph, wohl Buurezmorge-­tauglich wäre, hatte ich mich im Februar noch gefragt, nachdem er seine Kandidatur angekündigt hatte. Doch Köppels Rede scheint ihren Zweck zu erfüllen: «Ein Mann des Volkes, oder?», sagt eine Frau neben mir. Gemeindepräsident Haas tritt noch einmal aufs Rednerpult und fasst sich kurz: «Ich muss nicht viel sagen, es war gut, es war brillant.» Köppel gefalle ihr bedeutend besser als «die Martullo», mischt sich eine weitere Frau ein.

Trotzdem scheinen ihm manche die Volksnähe noch immer nicht so ganz abzunehmen: Ein Reporter von Telezüri fragt Köppel, was er vom Willy-Song halte, einem Wahlkampflied der SVP. Christoph Blocher, Toni Brunner und Ueli Maurer haben mitgesungen, «Wo e Willy isch, isch ou e Wäg», Köppel nicht. Was der Reporter nicht fragt, was aber doch mitschwingt: Ob Köppel, dem früheren Popmusik-Experten des Tages-Anzeigers, die sängerische Darbietung seiner Kollegen peinlich ist. «Super» finde er den Willy-Song, sagt Köppel mit professioneller Fröhlichkeit in die Kamera. Ihm mit solch «banalen Fragen» zu kommen, ärgert er sich später.

Die «Stoffel-Musikanten» spielen mittlerweile die Böhmische und die Mährische Polka, bei Letzterer handle es sich um eine «Power-Polka», sagt die Moderatorin, was auch immer das bedeuten mag. Köppel mischt sich unters Volk. Ein Mann hat die aktuelle «Weltwoche» mitgebracht – und er hat wirklich an alles gedacht: Da das Cover grösstenteils schwarz ist, hat er grad auch noch einen weissen Stift dabei und ausserdem, gewissermassen als Trophäe zum Vorzeigen, den «Spiegel» vom 17. Februar, dessen Cover Christoph Blocher zeigt, von diesem signiert.

«Der Köppel hat Fakten»

Christian Krieg wirkt wie ein Fremdkörper hier: ein weisshaariger Mann, der als Einziger weit und breit einen Anzug trägt. Seine silberne Nickelbrille lässt ihn aussehen wie einen Lehrer aus einem Bilderbuch von Wilhelm Busch. «Der Köppel hat Fakten, das ärgert die Linken», sagt Krieg, der in Winterthur einen Kleinverlag betreibt. Und ein Polterer wie Blocher sei er nicht, das komme ausserhalb der Partei besser an.

Damit verlassen wir Oberembrach, weiter geht es in Richtung Dielsdorf. Wieder fahren wir durch Kloten, K-Town, wenn man so will: Hier hat Köppel seine Kindheit und Jugend verbracht. Etwas ausserhalb, im Ortsteil Egetswil, halten wir am Strassenrand. Ob der Res Sägesser noch hier wohne, fragt Köppel. Er bittet, dem Jugendfreund einen Gruss zu bestellen, «vom Roger Köppel» fügt er am Ende, nach kurzem Zögern noch hinzu, als wolle er betonen, dass er sich keinesfalls für eine Berühmtheit halte.

In Dielsdorf haben sie das Festzelt auf einem Parkplatz am Ortsrand aufgebaut, man kann sich kaum unterhalten hier, ohrenbetäubend spielen die «Pseirer Spatzen» aus Südtirol auf: «Darling, du hast dich wieder schön ­gemacht.» Ein einzelnes Tanzpaar wirbelt über den Betonboden, und zwar derartig schwungvoll, dass man manchmal Angst hat, es könnte die beiden aus der Kurve tragen.

«E chli Für» erwarte er sich von Köppel, sagt Rolf Meier, ein Mittfünfziger in stechend türkisfarbenem Shirt. Meier ist SVP-Mitglied, Tiefbau- und Werkvorsteher der Gemeinde und im Gegensatz zu vielen seiner Parteikollegen offenbar tief in der konfliktscheuen Schweizer Konkordanzdemokratie verwurzelt. «Man sollte alle Parteipräsidenten für eine Woche in einen Bunker sperren und schauen, was passiert», sagt er. In Bern drifte alles immer mehr ins Extreme ab. Er hingegen sieht selbst die Sache mit den Asylanten gelassen: Probleme gebe es eigentlich keine im Ort, ausser mit einem, der seine Wohnung angezündet habe. Sollte der Kanton der Gemeinde allerdings noch mehr Asylbewerber zuteilen, «dann hätten wir ein Problem». Schon jetzt sei der Wohnraum in Dielsdorf sehr knapp.

«Röpke und die Spatzen»

Köppel bereitet sich auf seine Rede vor, er liest jetzt einen Aufsatz von Wilhelm Röpke, einem deutschen Ökonomen, «Die Schweiz und die Integration des Westens». Das dröhnende «Holleradi, holleradiho» der «Pseirer Spatzen» muss einen absurden Kontrast dazu bilden. «Eins geht sich noch aus», sagt einer der «Spatzen», «Atemlos durch die Nacht» von Helene Fischer, da klopft Köppel auf dem Tisch den Takt mit.

Dann geht es auf die Bühne. Die Stimmung ist gesetzter als in Ober­embrach, weniger Wein steht auf den Tischen, mehr Citro und Rivella. Es ist ein älteres Publikum, eines, das am frühen Abend noch die Contenance wahrt.

Auch Köppel wirkt auf mich eine Spur pastoraler, vielleicht ist er auch nur müder. Es ist die gleiche Rede wie in Oberembrach, mit einigen Variationen: Diesmal ist die heruntergewirtschaftete Armee gerade noch gut genug, um ein Grümpelturnier zu bewachen, während sie in Oberembrach wenigstens noch für eine Bachbettsanierung im Zürcher Unterland zu gebrauchen war.

Ein Schweizer Strauss?

Mysterium einer Festrede: Pointen, die an einem Ort zünden, funktionieren andernorts nicht: «Verhaltensauffällige Bergler» hat Köppel die frühen Eidgenossen in Oberembrach genannt, das Volk lachte laut auf, während es in Dielsdorf keinerlei Reaktion zeigt. Als Köppel allerdings spontan schärferes Geschütz auffährt, tobt das Zelt: «Auch in Bern oben haben wir Würste, nicht nur hier auf dem Grill.» Zartere Gemüter mögen das für primitiv halten, doch ist es auch schon der niveaumässige Tiefpunkt eines Redners, der seine Zuhörer intellektuell nicht unterfordert. Franz Josef Strauss beschäftige ihn dieser Tage, sagt Köppel, «eine volkstümliche Saftwurzel» sei der bayrische Jahrhundert-Politiker gewesen, aber eben auch «grausam gebildet». Als Vorbild will er ihn nicht bezeichnen, doch ein wenig von Strauss hat Köppel, wenn auch abgemildert, sozusagen für helvetische Weissweintrinker statt für bayrische Bierdimpfl: eine Rede zwischen Eishockey-Metapher und Jacob-Burckhardt-Zitat.

Wo Köppel im eidgenössischen Vergleich steht, vermag ich zu ermessen, als ich am nächsten Tag in den Sonntagszeitungen die üblichen, lustlosen Zusammenfassungen der Bundesrats­reden lese: Aussenminister Didier Burkhalter weist darauf hin, die Zukunft der Schweiz liege «im Zusammenhalt, nicht in der Spaltung». Die Entwicklung der Schweiz sei nur in einem friedlichen Umfeld möglich gewesen, doziert seine Amtskollegin Simonetta Sommaruga. «Auf die Begeisterung folgt meist die harte Ernüchterung», weiss Köppels Parteikollege Ueli Maurer.

Eines müssten angesichts solcher Worthülsen selbst Köppels schärfste Gegner einsehen: Es kann mit ihm nur interessanter werden in Bundesbern. (Basler Zeitung)

Erstellt: 03.08.2015, 09:47 Uhr

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