Anekdote aus einem Trümmerhaufen

Während die Armee ihre Transportfahrzeuge erneuert, fallen ihre Kampfpanzer auseinander. Besonders peinlich war das an einer Übung, die den Stolz der Armee präsentieren sollte.

Die Kanone ist nur mit Mühe auf dem Ziel zu halten: Kampfpanzer Leopard.

Die Kanone ist nur mit Mühe auf dem Ziel zu halten: Kampfpanzer Leopard.

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Es zischt, raucht und rauscht durch den Innenraum von Panzer «Quatro». Der Leopard 2 87 WE oder «Matilda», wie ich sie taufte, prescht mit 50 Stundenkilometern einer Strasse entlang auf einen Berghang zu. Durch das Okular des Schützen behalte ich in zwölffacher Vergrösserung die Panzerkanone auf den Zielhang gerichtet.

Der Innenraum stinkt nach Schweiss und Schwefel. Am Berghang klappt eine gelbe Plastikscheibe hoch. Eineinhalb auf zwei Meter. «KE Panzer», brülle ich durch mein Kehlkopf mikrofon und verlange von meinem Lader, Pfeilmunition zu laden.

«Keine Pfeilmunition mehr. Lade Hochladungsgeschoss», schreit mein Kamerad aus dem Laderaum zurück. Ich ziehe das Fadenkreuz der Zielvorrichtung mittig auf die Scheibe und betätige den Laserdistanzmesser. Etwas unter zwei Kilometer. Sollte machbar sein. «Feuer frei», quittiert der Kommandant meine unausgesprochene Frage nach der Feuerfreigabe.

«Achtung, Feuer», schreie ich im Kriegsfilmtenor und drücke den roten Abzugshebel am Bediengerät. Der Verschluss des Leopards knallt mit einer Kraft von fünf Tonnen zurück, und die gewohnte, aber noch immer beängstigende Druckwelle reisst 56 Tonnen Panzerstahl kurz vom Boden.

Das Geschoss fliegt drei Meter über das Ziel und knallt in die Bergwand. «Kein Treffer. Zu hoch», lasse ich meine Besatzung wissen. Fluchend stemmt mein Lader erneut 24 Kilo Munition in die Glattrohrkanone. Das Ganze muss er noch dreimal wiederholen, denn keines der Geschosse trifft. «Übung halt. Übung abgebrochen», verkündet die Stimme unseres Übungsleiters durch das Funkgerät. Ihm wurde wohl die Munitionsverschwendung zu viel.

Alles ist gut. Auf Wiedersehen

Wieder an der frischen Bergluft der Wichelnalp, stehen wir Kampfpanzerbesatzer mit Panzergrenadieren im Halbkreis um unseren Oberst. Irgendein hoher Stabsoffizier beorderte zwei Leopard-Besatzungen à vier Mann für ein «Joint Forces»-Programm zu den Panzergrenadieren ins Glarnerland. Vermutlich um zu zeigen, dass die Schweizer Panzerverbände nicht mehr ausschliesslich nach Kalter-Krieg-Taktik geführt und ausgebildet werden – sondern nur noch mehrheitlich. Wir kamen nach Glarus, fernab unserer ursprüng lichen Kompanie, um den «Panzergrenies» die Kampfkraft des bald dreissig Jahre alten Panzers zu demonstrieren, und trafen … nichts.

Mein Schamgefühl hielt sich in Grenzen, als ich erfuhr, dass meine Kameraden im anderen Panzer auch verschossen haben. «Ihr seid eine Schande für die Panzerschule. Das war erbärmlich», bellte uns der Oberst an. Nach ihm kamen auch noch zwei Stabsadjutanten angestapft, die uns dasselbe vorwarfen. Nur unser Leutnant ad interim fand, er habe durch die Kameras im Übungsleiterturm alles gesehen. «Ihr habt alles richtig gemacht. War wohl was mit dem Panzer.» Auch unsere Diagnose. Die Berufsoffiziere auf der Wichel, die den desolaten Zustand ihrer Truppengattung partout nicht wahrhaben wollten, erinnern mich an den gut gelaunten Ueli Maurer im sonnigen Adelboden, der fröhlich Bilanz seiner Amtszeit zieht und verkündet, die Armee sei nun in einem «guten Zustand», um glücklich ins nächste Departement zu schlitteln.

«Das nächste Mal will ich eine bessere Leistung sehen», verabschiedet uns ein Stabsadjutant in den inneren Dienst. Ein «nächstes Mal» prescht «Matilda» auf einen Berghang zu. Wieder stinkt es nach Schweiss und Schwefel. Nur dieses Mal bin ich im Laderaum, damit eine erneute Blamage nicht dem gleichen Richtschützen angehängt werden kann.

Krieg und keine Schussabgabe

Vor Übungsbeginn haben wir die Höhen- und Seitenwerte abweichend zu den vom Stabsadjutanten vorgegebenen eingestellt. Unsere Diagnose fiel am Vortag auf falsche Systemfehlerwerte.

«MG Infanterie», schreit der Richtschütze. Ich hechte zum Maschinengewehr 51 (Jahrgang, nicht die Seriennummer) und lade es durch. Auf die Feuerfreigabe folgt das laute Knattern des Gewehrs, bis ein «Ping» sein Serienfeuer wieder beendet. Die Feder, welche den Verschluss nach vorne drückt, ist gerissen, und eine Kugel liegt zerquetscht im Patronenlager. Keine Zeit zum Reparieren, die Panzerziele sind schon oben. Ich hieve ein Pfeilgeschoss aus dem Munitionsraum, prügle es mit der Faust in den Verschluss und drücke auf «Feuer». «Achtung, Feuer» – «klick». Nichts geschieht. Ich betätige noch einmal «Feuer». Noch einmal «klick». Der Kommandant meldet unsere Lage an den Übungsleiter, während ich nach Betriebsvorschrift dem Fehler diagnostisch auf die Schliche kommen will und die üblichen «schwachen» Komponenten überprüfe.

Ich drücke auf «Feuer». «Achtung, Feuer» – «klick». «Scheisse», wird simultan durch den Panzer geflucht. Der Schütze wechselt auf den Notantrieb, um die Munition zum Abfeuern zu zwingen. Das «Achtung, Feuer» meines Kameraden wirkt eher zögerlich. «Klick». Wüstes Gefluche im ganzen Panzer. Wir bekommen den Befehl, uns zurückzuziehen.

Das Ende seiner Tage

Unser Fahrer haut resigniert den Rückwärtsgang rein und gibt Gas. «Stabilisator ist raus.» Die Hauptbetriebsstufe ist ausgefallen, wir fahren in der zweiten. Die Kanone ist nur mit Mühe auf dem Ziel zu halten. «Waffennachführanlage ist auch raus», schreit unser Kommandant verzweifelt. Die elektronische Waffennachführanlage (EWNA) ist ausgefallen, die zweite Betriebsstufe folgt ihr brav hinterher. Die Zwölf-Zentimeter-Glattrohrkanone von Rhein metall kann vom Schützen nicht mehr kontrolliert werden.

Während um uns herum der alljährliche vaterländische Endkrieg geprobt und gegen imaginäre feindliche Panzerverbände geschossen wird, hat unser Leopard 2 Totalschaden. Schiesst nicht mehr, dreht nicht mehr. Absolut kampfunfähig. Vor den Garagenhallen kommt der Panzer zum Stehen und unsere klitschnasse Mannschaft steigt aus den Luken. Beat, ein Mechaniker von der Logistikbasis der Armee, nimmt uns in Empfang.

«Das wars dann wohl», sagt er. Wir nicken und überlassen ihm den Haufen Panzerstahl, der wohl nun auf seine letzten Tage zugeht. Der Mechaniker tippt auf einen enormen Schaden in der gesamten Elektronik, der genervte Stabsadjutant meint, der Panzer sei von den Soldaten nicht richtig gewartet worden. Eine Szene wie aus dem legendären Monty-Python-Sketch, wo ein Verkäufer John Cleese klarzumachen versucht, dass der Papagei, den man ihm verkauft hatte, nicht tot sei, sondern nur schlafe.

Wir schauen zum Hang hoch, wo ein verbleibender Leopard und zwei Schützenpanzer die Berge unter Beschuss nehmen. Kurze Zeit später fängt Panzer «Tre» an zu rauchen und muss sich zurückziehen. Resigniert stehen zwei Panzerbesatzungen in der Bergsonne und schauen dem einzigen Fahrzeug hinterher, das noch fährt – einem Duro. (Basler Zeitung)

Erstellt: 07.03.2018, 20:00 Uhr

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