«Jeder Trottel kann sich im Internet verbreiten»

Michael Ringier ist ein scheuer Mensch. Wenn er aber spricht, dann mit einer für Verleger seltenen Offenheit: Ein Gespräch über Politik, den Blick und das «Querulantenmedium» unserer Zeit.

«‹Petardentrottel› hat mir persönlich gefallen.»: Michael Ringier – gut gelaunt – in seinem Pressehaus in Zürich.

«‹Petardentrottel› hat mir persönlich gefallen.»: Michael Ringier – gut gelaunt – in seinem Pressehaus in Zürich. Bild: Keystone

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Wir treffen Michael Ringier an der ­Zentrale seines Medienkonzerns in Zürich. Das heisst, im Pressehaus. Denn Michael Ringier hört den Begriff «Zentrale» nicht gerne. Wir sitzen an einem Tisch, an dem man erst befürchtet, das Gegenüber beim Sprechen nicht recht zu hören. Weit sind die Distanzen.

Michael Ringier: Ist das Aufnahmegerät wirklich gut genug?
BaZ: Auf jeden Fall. Wenn es funktioniert, ist es gut. Ich traue bloss weder Technik noch Menschen, die scheinbar alles können.

Die Aufnahmequalität ist gut, keine Sorge. Wir möchten mit der Jahresmedienkonferenz von Ringier beginnen, die kürzlich stattfand. Die BaZ titelte: «In die Zukunft – mit Bedauern». Fühlten Sie sich darin erkannt, Herr Ringier?
Nicht wirklich. Ich fand den Titel originell, aber er ist nicht ganz zutreffend. Mir wird von den Medien ja ständig etwas unterstellt: So sammle ich angeblich Kunst, weil ich mich für mein Image als Blick-Verleger schäme. Auch das Internet, so sagt man, finde ich einen völligen Chabis. Aber wissen Sie: Solche Kritik geht mir, auf Deutsch gesagt, sonst wo vorbei. Wie oft etwa habe ich auch schon meine Firma verkauft und fusioniert? Dann sollen das die Leute doch schreiben.

Wir können also vermelden, die Firma gehört noch Ihnen und nicht dem deutschen Axel Springer Verlag?
Ja, manchmal wundere ich mich selber. Dann frage ich meine Schwestern: Habt ihr eure Aktien noch? (Lacht.) Die Geschichte dieses Verkaufs ist für die Journalisten einfach zu schön, als dass sie sie aufgeben könnten.

Sie fühlen sich also oft missverstanden, aber es geht Ihnen gut dabei. Wie sehen Sie die Zukunft?
Wir erleben momentan einen Wandel, wie ihn meine Firma und die gesamte Branche noch nie erlebt haben. In den letzten Jahren hat sich mehr verändert als in den gesamten 175 Jahren vorher. Vor Jahren haben sich die Aktionäre von Ringier zusammengesetzt und gesagt: Entweder verkaufen wir oder wir sagen uns: Augen zu und durch. Wir haben uns für Letzteres entschieden. Die Situation ist aber heikel. Wir haben sehr viel Geld investiert. Der Sessel des Verlegers, des Chefredaktors und des Journalisten ist unbequemer geworden. Es hat aber keinen Sinn, den alten Zeiten nachzutrauern. Wir müssen mit der heutigen Realität etwas machen. Den Journalismus gibt es unter jeder Realität. Insofern: Ich gehe voller Freude in die Zukunft. Aber: Ich sehe auch die ganz grossen Schattenseiten, die die digitale Welt mit sich bringt.

Woran denken Sie?
Eine der zentralen Fragen ist, ob diese Technologie überhaupt Arbeitsplätze schafft oder ob sie diese nicht vielmehr vernichtet.

Wie ist denn die Bilanz bis jetzt? Gingen bei Ringier infolge der digitalen Transformation Arbeitsplätze verloren?
Wenn man unsere Mitarbeiterzahlen anschaut, sieht man, dass sie in den letzten Jahren sehr stabil sind. Aber da kommt ein Problem auf uns zu. Nehmen wir Google, die grösste und vielleicht bedeutendste Firma der Welt. Sie beschäftigt gerade mal um die 50 000 Mitarbeiter, General Motors hatte zu ihren Blütezeiten fast 700 000 und selbst heute sind es noch fast 300 000. Aber der digitale Weltmarktführer kommt mit gerade mal 50 000 Mitarbeitern aus.

Sie sagen zwar, Sie gehen mit Freude in die Zukunft. Aber an Ihrer Medienkonferenz wirkten Sie eher besorgt und versprühten keine grosse Hoffnung.
Die Worte bezogen sich vor allem auf den Journalismus. Ich habe eine gewisse Skepsis, ob die Online-Welt auch die Art von Journalismus repräsentieren kann, die ich mir vorstelle. Unser Job ist kein Selbstzweck, es geht nicht darum, dass ich oder Sie viel Geld verdienen: Die Gesellschaft braucht den Journalismus. Ob wir unseren Journalismus refinanzieren können und ihn nicht Sponsoren ausliefern müssen, was keine gute Lösung wäre, diese Frage ist offen.

Kann man nicht sagen: Wenn der Kunde nicht mehr bereit ist, für Journalismus zu zahlen, dann will er ihn halt nicht mehr? Vielleicht will er verdummen.
Das ist mir eindeutig zu zynisch. Wenn Sie in die Geschichte blicken, so hatte das offene und gedruckte Wort zu jeder gesellschaftlichen Offenheit dazugehört. Schauen Sie, was der Buchdruck ausgelöst hat, was die katholische Kirche vorher und was sie nachher war. Das sind lange Prozesse. Ich bin ganz fest davon überzeugt, dass ein gesellschaftliches Zusammenleben, wie wir es uns in der Schweiz wünschen, den Journalismus braucht.

Was ist für Sie guter Journalismus?
Das ist, wie wenn man Sie fragt, was Kunst ist. Die Frage ist endlos. Was ich sagen kann: Die Kriterien haben sich nicht verändert, seit ich das Geschäft des Journalisten gelernt habe. Es geht um die Suche nach einer gewissen Objektivität, nach einer Wahrheit, es geht um Neugierde, Recherche­intensität, um Lust am Schreiben.

Was hat sich an den Ansprüchen ­geändert?
Früher hatten wir ein Monopol in der Kommunikation. Wir konnten mit News Geld verdienen, die heute tausendfach im Internet herumschwirren und für die kein Mensch mehr etwas zahlt. Heute müssen wir uns eigentlich nur noch auf die aufwendigen Geschichten konzentrieren. Die sind aber nicht nur zeitlich aufwendig, sie brauchen auch Wissen, Intelligenz und Kreativität. Was die News früher waren, ist heute die gute Idee, und das ist wesentlich anstrengender. Der Anspruch an die Journalisten ist extrem gestiegen, und bezahlt werden sie nicht besser, sondern vielleicht eher noch schlechter.

Sprechen wir über den Blick. Warum hatte die Zeitung in den letzten Jahren so viele Wechsel in der Chefredaktion? Es entstand der Eindruck eines schlingernden Kurses.
Das Problem ist: Wir sind das einzige Unternehmen in der Schweiz, das ein Boulevardblatt macht. Wenn Sie einen Chefredaktor für eine regionale Tageszeitung suchen, finden Sie Leute, die darin schon Erfahrung haben. Professionellen Boulevard dagegen können nur wenige. Wir haben aber auch Entscheidungen gefällt, die rückblickend nicht sehr glücklich waren.

An wen denken Sie?
Es geht jetzt nicht um Namen. Aber die Wechsel fanden zu häufig statt. Die deutschen Chefredaktoren waren ein Wagnis. Wir waren uns dessen bewusst, aber vielleicht nicht genug. Die Sensibilität für innenpolitische Themen ist bei einem Ausländer einfach eine andere. Jetzt haben wir das Gefühl, dass wir endlich wieder da sind, wo wir sein wollen. Wir bereiten uns mit Christine Maier und René Lüchinger auf eine längere Zeit vor. Aber die Stelle des Blick-Chefredaktors ist ein extrem intensiver Job mit Unwägbarkeiten. Es ist wohl einfacher, die BaZ zu machen als den Blick.

Das bestreiten wir natürlich.
Alles andere hätte mich enttäuscht.

Sie waren selber Journalist, sind Intellektueller und bezeichnen sich als fanatischer Leser. Wie ergeht es Ihnen da als Leser Ihrer Titel, leiden Sie?
Ich leide nur, wenn etwas qualitativ nicht gut ist. Das kann ich auf den Tod nicht ausstehen.

Haben Sie etwas Konkretes im Kopf, wann haben Sie das letzte Mal gelitten?
Leiden ist eigentlich das falsche Wort. Ich bin nicht Axel Springer, der einmal sagte, er leide wie ein Hund. Ich leide nicht wie ein Hund, ich ärgere mich. Ja, ich ärgere mich.

Wie ist es dann zum Beispiel, wenn Sie im Blick die Bezeichnungen «Müll-Kosovar» oder «Petardentrottel» lesen. Freuen Sie sich über die Wortschöpfungen oder denken Sie: Muss das sein?
‹Petardentrottel› hat mir persönlich gefallen. Es ist eine Frage der Häufigkeit. Man muss aufpassen, dass man mit solchen Bezeichnungen nicht impertinent wird. Ein Begriff wie Petardentrottel sagt doch viel darüber aus, was da im Fussballstadion passiert ist. So ist der Blick halt und so soll er sein. Solange solche Bezeichnungen originell sind, finde ich das prima.

Ist es nicht so, dass eine Boulevardzeitung politisch eher rechts sein müsste, was man vom Blick heute nicht unbedingt behaupten könnte?
Also links ist er ganz sicher auch nicht. Ob er je wirklich links war, ­darüber könnten wir lange streiten.

Nehmen wir die Masseneinwanderungs-­Initiative: Wir behaupten, drei Viertel Ihrer Leser hat wohl Ja gestimmt.
Das ist eine gewaltige Unterstellung.

Okay, sagen wir, mehr als die Hälfte hat Ja gestimmt.
Ich möchte den Lesern nicht alles Mögliche unterstellen. Wir repräsentieren im Durchschnitt wohl die Agglo-­Schweizer, das ist wahr. Aber durch die grosse Anzahl Leser haben wir alle ideologischen Schichten unter unserem Dach. Dass wir zum Teil zu stark von unserer Leserschaft abgewichen sind, ist keine Frage. Aber es ist nicht die Aufgabe einer Zeitung, beim Politischen zuerst die Meinung des Publikums zu erfragen und dann genau diese zu schreiben.

Aber man kann auch nicht immer und konsequent am Leser vorbeischreiben.
Natürlich nicht, aber das machen wir auch nicht. Noch einmal: Die Abstimmung war ganz knapp. Und der Blick, das halte ich ihm zugute, hat immer eine offene und tolerante Schweiz vertreten. Er hat nie die Rassismus-Karte gespielt. Das hat vielleicht auch mit uns als Besitzern zu tun. Wenn Sie heute die politische Kommentierung im Blick anschauen, so denke ich, dass sie sehr bodenständig ist. Diese Bodenständigkeit wird künftig noch mehr zum Tragen kommen.

Sie haben nun alle Anteile an Le Temps übernommen und dies der Öffentlichkeit als Herzensangelegenheit verkauft. Aber ist es nicht so, dass Sie die Zeitung eher knurrend übernommen haben, weil Tamedia nicht kaufen konnte und kein überzeugendes Angebot vorlag?
Nein, nein. Es geht schon mehr in Richtung Herzensangelegenheit. Wir haben in der Romandie immer etwas darunter gelitten, dass wir nur im Zeitschriftengeschäft waren. Mit Le Temps sind wir in diesem Raum nun zum ersten Mal auch hundertprozentig im Tageszeitungsgeschäft und im digitalen Inhaltsgeschäft. Le Temps hat eine sehr professionelle Online-Seite, und das ist ganz wichtig. Darum haben wir diesen Kauf mit grosser Freude und nicht zähneknirschend gemacht. Le Temps ist kein Sanierungsfall, das Blatt hat die gleichen Zukunftssorgen wie alle Zeitungen und diese müssen wir angehen.

Haben Sie Vorbilder im Journalismus, etwa einen Rupert Murdoch?
Nein, eigentlich nicht. Ich war nie ein Machtmensch. Das Haus Ringier kennt diesen Gedanken nicht. Wir versuchten nie, über unsere Publizistik andere Geschäfte voranzutreiben, wie das etwa Rupert Murdoch macht. Er hat eine Skrupellosigkeit, Geschäfte zu betreiben, die in der Schweiz nicht gut ankommen würde. Beim Stern habe ich noch unter Henri Nannen gearbeitet. Er hat mich schon beeindruckt. Mir gefiel, dass er nur dann kommentierte, wenn er etwas zu ­sagen hatte – und dies war nicht ­wöchentlich der Fall. Für viele Journalisten in der Schweiz wäre das auch eine gute Leitlinie.

Der Blick sucht einen achten Bundesrat, der während eines Monats, zumindest in Ihrem Haus, seine Verlautbarungen machen kann. Was halten Sie persönlich von dieser Idee?
Ganz ehrlich, als diese Idee aufkam, dachte ich: Ui, ui, ui. Dies Idee hat grosse Kenterfähigkeiten. Aber ich muss sagen, die Redaktion hat es bis jetzt gut gemacht. Es darf einfach eines nicht passieren: Wir dürfen nicht anmassend sein. Das Zweite ist: Es darf nicht einfach nur eine spassige Übung sein, sondern es muss auch eine ernsthafte Auseinandersetzung stattfinden.

Was meinen Sie genau damit, dass Sie nicht anmassend sein dürfen?
Wir sind nicht die, die ständig den Leuten in Bern sagen müssen, was sie bitte sehr zu tun haben und was sie für Einfaltspinsel sind. Das ist ja mittlerweile zur gängigen journalistischen Form geworden. Ich finde diese Form journalistisch erbärmlich. Die ständigen Politikerbeschimpfungen führen zu nichts, höchstens zu einer vergifteten Stimmung.

Haben Sie das Gefühl, die politische Stimmung in der Publizistik sei vergif­teter geworden?
Ja. Und ich sage das auf die Gefahr hin, die nächsten hundert Jahre damit zitiert zu werden: Das Problem ist auch das Internet. Das Internet ist ein Schlötterliinstrument, es ist ein Querulantenmedium. Jeder Trottel kann sich da verbreiten. Die Journalisten müssen wahnsinnig aufpassen, dass sie sich nicht auf dieses Niveau herunterlassen. Dann haben wir noch das Problem der Sonntagspresse: Die Sonntagszeitungen fühlen sich so unter Druck, dass sie jede aufgeblasene, inszenierte Geschichte zum Anlass nehmen, irgendjemandem an den Karren zu fahren. Spätestens am Dienstag schon fällt dann alles in sich zusammen. Das ist kein Journalismus. Das verärgert nicht nur die Betroffenen, sondern auch die Leser. Die merken schon, wo Substanz ist und wo nicht.

Publizistisch sind alle Sonntagstitel in der Krise, weil die Leser gemerkt haben, wie zünftig übertrieben wird.
Der Sonntag ist der Tag der Inszenierungen geworden. Es gibt Hunderte von PR-Leuten und Politberatern, und alle versuchen, am Sonntag die Journalisten zu manipulieren. Viele Journalisten merken das nicht, sind zu bequem für zusätzliche Recherchen, oder sie haben keine besseren Ideen. Da machen wir unsere Glaubwürdigkeit kaputt.

Aber die Kritik der Behörden gehört zu unserem Job, dem würden Sie doch zustimmen?
Entschuldigung, aber das ist doch klar! Denken Sie an den Fall Carlos: Den haben wir zwar nicht entdeckt, aber inszeniert. Es ist beruhigend, dass der Blick immer noch die einzige Zeitung ist, die so etwas zum nationalen Thema machen kann. Aber in einem Blatt wie der Weltwoche geht mir die Kritik an allem, was nicht total rechts, neoliberal oder europafeindlich ist, doch zu weit. Die ersten dreissig Seiten haben mit Journalismus wenig zu tun, eher mit einem Sektenblatt. Das ist todlangweilig.

Sie sagen, dass wir aufpassen müssen, uns im Internet nicht dem Querulantenstil anzupassen. Was haben Sie sich da für konkrete Gedanken gemacht?
Aus der Anonymität sagen Leute Dinge, die sie sonst nie sagen würden. Es ist jetzt sicher besser geworden. Aber in seriösen Zeitungen sind vor Kur­zem noch Onlinekommentare gestanden, die diese im Leben nie gedruckt hätten. Das geht nicht.

Die Kommentare schauen wir uns doch gerne an. Sie geben ein gewisses Gefühl für eine Stimmung im Publikum.
Ich habe nichts gegen Kommentare. Aber: Ich will weder Beleidigungen noch dummes Stammtischgeschwätz, und eine Ähnlichkeit mit der deutschen Sprache sollte auch gegeben sein. Die Kommentare werden ja unter einer Marke veröffentlicht. Es geht nicht, dass man alles zulässt und ­seine Marke damit beschädigt.

Was lesen Sie persönlich?
Alles. Wenn alle so viele Zeitschriften kaufen würden wie ich, dann hätten wir dreimal so viel Umsatz. Ich habe etwa fünfzehn Kunstzeitschriften, ich lese alle Automagazine, ich lese die Weinzeitungen, ich lese die Golfzeitung, ich lese auch im Internet viele internationale Dinge. Ich renne eigentlich ständig der Zeit hinterher und schaffe es nie, alles zu bewältigen, was ich möchte.

Welches Buch haben Sie zuletzt ­gelesen?
Die ersten 800 Seiten von Peter Nadas «Parallelgeschichten». Bücherlesen kommt eindeutig zu kurz. Das ist der Fluch des Computers, der verführt einen, ständig irgendwo herumzusurfen. Und natürlich findet man immer irgendetwas! Ich habe zu Hause so eine Ecke, in der alle ungelesenen Bücher liegen. Ich bekomme grad ein schlechtes Gewissen.

Was ist der Zustand der Schweiz, was finden Sie gut, was finden Sie schlecht?
Nehmen wir das Positive vorweg: Das politische, gesellschaftliche Modell Schweiz funktioniert mit einer Effizienz und einem Erfolg, der erstaunlich ist. Seit ich älter bin, weiss ich die Beschaulichkeit und Eigenart der Schweiz immer mehr zu schätzen. Das Land produziert, selbst in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, ständig Überschüsse, und die Gesellschaft ist relativ zufrieden. Hier gibt es Weltmarktführer ohne Ende – manche davon haben nur zwanzig Mitarbeiter, sind aber wahnsinnig innovativ. Ich halte die Schweiz in vielen Belangen für sehr offen und tolerant. Es ist wirklich ein gutes Land.

So weit, so gut; was passt Ihnen nicht?
Was mich ärgert, ist, dass sich dieses Land nichts mehr zutraut. Es ist furchtbar, und das ist der ganz grosse Vorwurf an die SVP: Teile dieser Partei vertreten eine Schweiz, die es so gar nie gegeben hat und die im heutigen Umfeld so ganz schnell weg vom Fenster wäre. Das Bild eines Teils der SVP von der Schweiz ist nichts als falsche Nostalgie. Wir müssen unheimlich aufpassen, dass wir nicht Opfer unseres eigenen Erfolges werden. Den Erfolg haben wir uns durch Offenheit erarbeitet. Wir sind an sich kein privilegiertes Land, wir liegen mitten zwischen den Grossmächten in den Bergen, haben keine Bodenschätze und nichts.

Die Schweiz sollte sich international mehr einbringen?
Ja, absolut. Und es ärgert mich irrsinnig, dass wir das nicht tun. Dabei hat unser Land eine alte Tradition der Vielsprachigkeit und der Neutralität. Aber dazu muss unser Land im internationalen System angeschlossen sein. Ich empfehle allen, die über Brüssel schimpfen, mal da hinzugehen. Da treffen Sie intelligente, vielsprachige und engagierte Menschen, nach denen Sie in Bern und auf gewissen Redaktionen lange suchen können. Die Schweiz aber kapselt sich immer mehr ab. Das ärgert mich. Im Schlichten und Helfen könnten wir eine Weltmacht sein, wenn wir uns mehr zutrauen würden. Wenn wir nicht ständig von der SVP zu hören bekämen, dass wir uns aus allem raushalten sollen.

Möchten Sie der EU beitreten?
Längerfristig glaube ich, führt kein Weg daran vorbei. Das Problem bei der EU-Diskussion war bisher, dass es nur Schwarz- oder Rosamaler gab. Ausserhalb der EU zu sein, ist meiner Meinung nach gar keine gute Lösung. Innerhalb der EU zu sein, ist mög­licherweise die weniger schlechte ­Lösung. Wir brauchen nun eine intensive EU-Diskussion.

Die Diskussion führen wir doch schon unablässig.
Es geht doch darum, dass heute schon ein Zetermordio losbricht, wenn nur jemand einen EU-Beitritt zur Disposition stellt. Dann ist er gleich ein Landesverräter. Das ist doch keine Diskussionsgrundlage. Sehen Sie: Am Schluss ist es eine einfache Abwägung: Was bringt mehr Vor-, was mehr Nachteile. So müssen wir abstimmen, nach dem Saldo, und nicht mit dem Rütlischwur im Grind.

Sie haben vorher über den Erfolg der Schweiz gesprochen. Ist ein Grund des Erfolges nicht gerade, dass wir nicht Mitglied der EU sind? Auch die direkte Demokratie kann man sich innerhalb der EU ja gar nicht vorstellen.
Bisher war das wahrscheinlich so. Aber die Welt hat sich verändert. Die EU diktiert uns die Regeln. Die Vorstellung, dass wir autonom beschliessen können, was wir wollen, ist eine Schimäre, die die SVP verkauft. Wir müssen übernehmen, was in Brüssel beschlossen wird, das ist unsere Realität. Längerfristig glaube ich, dass für die Schweiz kein Weg an der EU vorbeiführt. Wissen Sie, ich möchte am liebsten auch alles selbstständig beschliessen in diesem Land, aber die Realität ist eine andere. Es ist nicht so, dass ich die EU-Fahne aufs Pressehaus hänge und sage, lässig, endlich sind wir dabei!

Wir machen eine Fotomontage.
Meinetwegen, und am liebsten noch mit Frau Springer neben mir (lacht).

Wer hat Sie politisch geprägt?
Eigentlich auch wieder niemand. Ich bin nicht einer, der immer einen Helden sucht. Meine Familie war nicht sehr politisch geprägt. Mein Vater war auch nicht Mitglied einer Partei – was man als Verleger auch nicht sein sollte, wie ich finde. Aber ich komme aus einem traditionell sehr liberalen Haus. Wir haben freisinnig gewählt. Als junger Mann hat mich Politik nicht wahnsinnig interessiert. Erst über den Journalismus wuchs mein Interesse.

Sprechen wir über Ihre Afrika-Geschäfte. Sie sind mittlerweile in Kenia, Ghana, Nigeria und Senegal aktiv. Ist das Entwicklungshilfe oder verdienen Sie auch Geld damit?
Nein, um Gottes willen, das wäre völlig unmöglich. Wir hoffen, dass es Investitionen sind. Unser Haus war immer geprägt von Pioniergeist. Mein Grossvater war der erste Deutschschweizer Verleger, der in die Romandie ging. Das war 1921. Meine Generation zog nach Osteuropa und nach Asien. Wir sind aus der Schweiz rausgegangen und haben versucht, etwas Neues zu machen. In Afrika bietet sich uns eine grosse Chance. Hier können wir im digitalen Bereich mit überschaubaren Investments Dinge ausprobieren. Stellen Sie sich vor, wir müssten in Kenia zuerst eine Druckerei, einen Vertriebskanal und eine grosse Redaktion aufbauen und dann noch eine Zeitung verkaufen. Das könnten Sie vergessen.

Gibt es junge Leute in der Familie, die Interesse haben, das Geschäft in Zukunft zu führen?
Einer ist schon dabei. Mein Neffe kurvt zurzeit mit viel Elan und Ideen in Afrika und in Asien herum. Er ist jetzt 32. Jetzt lassen wir ihn mal noch ein bisschen in Ruhe. Ich bin auch noch nicht tot oder scheintot. Auf jeden Fall gibt es Nachwuchs.

Was macht Sie besonders Stolz an Ihrem Unternehmen?
Stolz ist ein Gefühl, das ich selten habe. Manchmal, für einige Sekunden, bin ich stolz, wenn meine Kinder etwas Gescheites geschafft haben. Aber ich kann Ihnen sagen, was mich freut: erstens, dass diese Firma immer noch da ist. Zweitens: dass die Firma immer noch abenteuerlustig ist, wie eh und je. Unsere ganzen Osteuropa-Geschäfte sind sehr spannend. Anfang 1990 haben wir mit 50 000 Dollar unser erstes Investment getätigt. Es hat zur ersten farbigen Zeitung in Tschechien geführt. Ich konnte eine historische Entwicklung hautnah miterleben. Dass sich ein kommunistisches System in ein ­demokratisch-marktwirtschaftliches umwandelt, passiert schliesslich nicht alle Tage! Wobei wir auch hier ernüchtert feststellen müssen, dass einige Länder vom liberalen Weg wieder etwas abgekommen sind.

Wie ist die Situation in Ungarn beispielsweise, wo sich das Mediengesetz unter Viktor Orban verschärft hat?
An Ungarn kann man sehr viel kritisieren, aber wir hatten noch nie ein Problem. Wir sind aber auch froh, wenn wir bald die Fusion unserer Ungarn-Geschäfte mit Axel Springer abschliessen können. Mit Axel Springer haben wir einen Partner, mit dem wir gegenüber Ungarn politisch noch einen ganz anderen Hebel haben als heute. Wenn Deutschland zum Beispiel in Fragen der Pressefreiheit auf unserer Seite steht, hat das eine viel grössere Wirkung.

Was macht Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder für Sie konkret?
Er ist ein politischer Berater. Er ist für uns wirklich wichtig, weil wir als Medienhaus in Osteuropa natürlich Teil der Politik sind. Wenn wir den Wunsch aussprechen, dass Gerd Schröder und ich nächste Woche zu einem Gespräch kommen möchten, dann sagt jeder Präsident: aber gerne. Auch als Michael Ringier bekomme ich wahrscheinlich einen Termin, allerdings viele Wochen später. Schröder gibt den Gesprächen zusätzliches Gewicht. Er hilft, Verbindungen leichter aufzubauen.

Haben Sie mit Schröder über die russische Annexion der Krim diskutiert?
Ja, klar. Ich wäre dumm, wenn ich das nicht machen würde. Meiner Meinung nach hat Russland ein gewisses legitimes Recht, seine Interessen zu wahren. Man darf nicht vergessen, was die Amerikaner alles anstellten, als in Nicaragua die Sandinisten an die Macht kamen, oder wie sie in Kuba handeln. Das waren ganz klare Interessenwahrnehmungen. Als Russland damals in die Wiedervereinigung einwilligte, bekam es zumindest vom deutschen Aussenminister die Zusicherung, dass die Nato nicht weiter vorrückt. Heute ist die Nato in Polen, in der Slowakei, im Baltikum. Die Ukraine ist sozusagen das einzige Land, wo sie noch nicht ist. Dass die Russen dies mit grosser Skepsis verfolgen, dafür muss man ein gewisses Verständnis haben. Die Art, wie Russland seine Interessen wahrnimmt, ist allerdings absolut inakzeptabel.

Würde Schröder heute immer noch sagen, Putin sei ein lupenreiner ­Demokrat?
Das hat er eben nie gesagt! Es war so: Ein Journalist fragte ihn: Halten Sie Putin für einen lupenreinen Demokraten? Und da machte Schröder einen Fehler: Er sagte Ja. Als Bundeskanzler konnte er nicht Nein sagen. Er hätte mit einer Gegenfrage antworten müssen: Wer ist denn schon ein lupenreiner Demokrat? Das hat er aber nicht getan. Es ist allerdings schon ein Unterschied, ob Sie etwas von sich aus sagen oder auf eine Frage einfach mit Ja oder Nein antworten.

Das haben Sie also konkret mit Schröder besprochen.
Ja, klar. Wir reden über alles Mögliche. Manchmal reden wir auch einfach über Fussball oder Rotwein.

(Basler Zeitung)

Erstellt: 24.04.2014, 16:25 Uhr

Intellektueller mit Pioniergeist

Michael Ringier (65) wuchs in Zofingen auf. Er absolvierte die Hochschule St. Gallen und begann danach als ­Journalist in Deutschland zu arbeiten. 1983 kehrte er in die Schweiz zurück und stieg in das Familienunternehmen Ringier ein. 1991 übernahm er als Verwaltungsratspräsident die Verantwortung für das Unternehmen. Michael Ringier ist mit der Juristin Ellen Ringier verheiratet. Sie haben zwei Töchter adoptiert. Ringier ist leidenschaftlicher Kunstsammler, Golfspieler und Weinliebhaber. Er lebt am Zürichsee.

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