Der getarnte Judenhass der Grünen

Jonas Fricker tritt zurück. Politiker und Journalisten sind mit ihren Einordnungen restlos überfordert.

Inakzeptabler Doppelstandard: Noch-Nationalrat Jonas Fricker im Bundeshaus.

Inakzeptabler Doppelstandard: Noch-Nationalrat Jonas Fricker im Bundeshaus. Bild: Keystone

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Am Samstag hat er seinen Rücktritt aus dem Nationalrat erklärt. Jonas Fricker macht Platz, nachdem er in einer Debatte um Nahrungsmittel Schweinetransporte mit Deportationen von Juden verglichen hat. Tiere sollte man nicht mit Menschen vergleichen. Das Tier ist immer der bessere Mensch. Kein Tier verhält sich so unmoralisch, wie Menschen das tun.

Wem, wie dem ehemaligen Grünen-Nationalrat Jonas Fricker, dessen Kenntnisse über den versuchten Genozid an den europäischen Juden sich auf Hollywood-Schmonzetten beschränken, der Unterschied zwischen der industriellen Vernichtung von Tieren zum Zweck der Ernährung und der industriellen Vernichtung von Menschen, weil sie Juden sind, nicht klar ist, dem ist nicht mehr zu helfen.

Das ist aber nicht das Problem bei Frickers Vergleich von Juden und Schweinen, der im Übrigen auch im Koran zu finden ist, wo Juden als «Affen und Schweine» beschrieben werden (5:60). Problematisch ist die Reaktion von Politikern und Journalisten, die einmal mehr mit der Einordnung der Thematik restlos überfordert sind.

Ist doch die Causa Fricker geradezu ein Paradebeispiel für den inakzeptablen Doppelstandard, der bezüglich der Unterscheidung zwischen «Antisemitismus» und «Antizionismus» beziehungsweise «legitimer Israelkritik» angewendet wird. Denn die gleichen Politiker und Medien, deren Empörungskompass bei «Holocaust» oder «Auschwitz» wild ausschlägt, lassen keine Gelegenheit aus, Israel, den «Juden unter den Staaten», zu attackieren, und zwar mit Vergleichen, die einiges unhaltbarer sind als derjenige von Jonas Fricker.

Blosse «Metallhülsen»

So behauptete der mittlerweile abgewählte grüne Badener Stadtammann Geri Müller («Hamas-Geri»), die Israelis würden mit den Palästinensern «dasselbe tun wie die Nazis mit den Juden», was gemäss der Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) den Tatbestand des Antisemitismus erfüllt. 2012 hiess Müller mit Hamas-Pressesprecher Mushir Al Masri einen gewaltverherrlichenden Terroristen im Bundeshaus willkommen, der palästinensische Frauen aufforderte, «ihre Söhne der Al-Aqsa-Moschee zu opfern». Die auf israelische Zivilisten abgefeuerten Raketen der Hamas verharmloste er als blosse «Metallhülsen». Von seinem Nazivergleich hat sich Müller nie distanziert, von einem Rücktritt ganz zu schweigen.

Jo Lang, Historiker, alt Nationalrat und Vizepräsident der Grünen, vergleicht Israel, wo Araber als vollwertige israelische Staatsbürger mehr zivilrechtliche Freiheiten besitzen als in jedem arabischen Land, mit der südafrikanischen Apartheid (was gemäss IHRA ebenfalls als antisemitisch gilt) und marschiert an von SP und Grünen mitorganisierten antiisraelischen Demonstrationen an vorderster Front. Ausgerechnet er, der Geri Müllers Gleichsetzung von Juden mit Nazis ignorierte, findet Frickers Vergleich «grässlich» und zeigt sich «erschüttert».

Auch Grünen-Präsidentin Regula Rytz ist für ihre anhaltende, unverhältnismässige Kritik am Judenstaat bekannt. 2012 schrieb sie das Vorwort für die umstrittene Nakba-Ausstellung im Berner Kornhaus, die so einseitig antiisraelisch war, dass Berner Lehrer sich genötigt sahen, eine Gegendarstellung mit dem Titel «Was die Nakba-Ausstellung verschweigt» zu verschicken.

In ihrer Replik auf einen kritischen BaZ-Artikel, in dem Dominik Feusi den linken Antisemitismus thematisiert, schiebt Rytz ausschliesslich Israel die Schuld am Scheitern des Nahostfriedens zu. Es sei ausserdem nicht ihre «Aufgabe, als Präsidentin jede Wortwahl von Parteiexponenten zu qualifizieren», schreibt sie bezüglich Geri Müller, dessen Nazivergleich sie mit keinem Wort verurteilte. Warum auch, Müller bezog sich ja auf Israelis, nicht auf Juden. Dass Rytz sich nun urplötzlich als Philosemitin feilbietet und vorgibt, ob Frickers Votum «konsterniert», ja gar «schockiert» zu sein, wirkt äusserst befremdlich, offenbart aber die schizophrene Haltung der «Antizionisten» und «legitimen Israelkritiker» gegenüber Juden und Israel.

Fadenscheinige Verfechtungen

Das Bedürfnis, für den fortdauernden alltäglichen Antisemitismus mit den Wortschöpfungen «Antizionismus» und «Israelkritik» (von einer Syrien-, Nordkorea- oder Saudi-Arabien-Kritik ist mir nichts bekannt) Codeworte zu schaffen, die der heutigen Befindlichkeit entsprechen, ist einfach zu erklären. Vor 1945 war Hass gegen Juden in jeder Hinsicht alltäglich: Auf Postkarten, in Romanen, in Artikeln, in Parteiprogrammen oder Märchen wurde Antisemitismus offen und ohne Bedenken kommuniziert. In Deutschland gab es die «Antisemitenliga» von Wilhelm Marr und eine «Antisemiten-Petition» stellte sich gegen die soziale und rechtliche Gleichstellung der Juden.

Die grüne Antiisrael-Sturmtruppe Regula Rytz, Jo Lang und Geri Müller hätte ihre Abneigung gegen Juden nicht hinter fadenscheinigen Verfechtungen der Menschenrechte verstecken müssen, die Damen und Herren wären wohl begeisterte Mitglieder des «Verbands gegen die Überhebung des Judentums» gewesen.

Es stellt sich unweigerlich die Frage: Weshalb kritisieren Rytz und Lang ihren Parteikollegen Fricker so vehement, nachdem sie Geri Müller verteidigt hatten? Und warum lehnen sie eine Aufarbeitung des Antisemitismusproblems der Grünen ebenso vehement ab? Jo Lang gibt die Antwort per Twitter gleich selbst: Der «Antisemitismus-Test» läge «in der Haltung zum Bergier-Bericht».

Die Behauptung ist entlarvend: Wenn nur ein Antisemit sein kann, wer den Bergier-Bericht über die Schweiz im 2. Weltkrieg ablehnt, dann gibt es im grünen Kosmos von Jo Lang keinen aktuellen Antisemitismus gegen heutige Juden oder ihren Staat Israel. Dann ist – man staunt – alles an Judenhetze erlaubt, solange es nicht mit einer Geschichte zu tun hat, die siebzig und mehr Jahre her ist.

Klar, gegen die in den Konzen-trationslagern ermordeten Juden haben die meisten grünen «Antizionisten» nichts. Es sind die (noch) lebenden Juden, mit denen sie ein Problem haben. Solange Israelis ohne jede Gegenwehr hinnehmen, von Hamas-Raketen beschossen und von palästinensischen Selbstmordattentätern dezimiert zu werden, toleriert man ihr Verhalten. Wehren sie sich, stellt Geri Müller sie auf eine Ebene mit den Nazis.

Extreme Stimmungsmache

Indem sich Jo Lang auf den Bergier-Bericht als Mass für Antisemitismus kapriziert, wie er es bereits 2013 im Tageswoche-Artikel «Gestern judenfeindlich – heute israelfreundlich» tat, impliziert er, dass nur tote Juden Opfer sein dürfen. Der Missmut des grünen «Antizionisten» über die lebenden Juden, die in Israel partout nicht Opfer bleiben wollen, äussert sich in exzessiver «Israelkritik» unter dem Vorwand der Sorge, «humanistische und universalistische Normen» würden vom demokratischen Israel nicht eingehalten. «Der Massenmord an den Juden verpflichtet dazu, (…), Israel mit Lob und Tadel moralisch beizustehen, damit das Opfer nicht rückfällig werde», schrieb der Journalist Wolfgang Pohrt vor über dreissig Jahren.

Doch wie sollen Politiker bezüglich ihrer – wohl oft auch unbewussten –Ressentiments gegen Juden ein Unrechtsbewusstsein entwickeln, wenn sogar der Bundesrat unverhohlen antiisraelische Agitation betreibt, indem er mit Hunderten Millionen Schweizer Steuergeldern das palästinensische Hilfswerk UNRWA finanziert, das nachweislich mit Hamas-Terroristen kollaboriert?

In einer am 27. September veröffentlichten Studie des Center for Near East Policy Research, des Simon Wiesenthal Center und des Middle East Forum wurde erneut die Dämonisierung von Juden und Israel in UNRWA-Schulbüchern nachgewiesen. Die Studie beklagt eine «extreme antiisraelische und antijüdische Stimmungsmache». So werden in den neusten UNRWA-Schulbüchern Attacken auf israelische Linienbusse mit Molotow-Cocktails als «Barbecue Partys» verhöhnt, eine palästinensische Terroristin, die für den Tod von dreissig israelischen Zivilisten verantwortlich ist, wird als Märtyrerin verherrlicht.

Der Begriff «Israel» wurde fast vollständig eliminiert, was die Studie als «verstörende Entwicklung» einstuft. Auch was mit den Juden nach der «Befreiung Palästinas» passieren soll, wird thematisiert: Vertreibung und komplette Vernichtung aller Spuren jüdischen Lebens.

Pierre Krähenbühl, der Schweizer Direktor der UNRWA, lehnt Änderungen an den Unterrichtsmaterialien ab: «Es wird weiter nach dem Curriculum der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) unterrichtet.» Diese Ankündigung kam nach Drohungen der PA und Hamas, die vorgesehenen Korrekturen, nämlich die UNRWA-Schulbücher von jeglichem Antisemitismus zu säubern, seien «inakzeptabel».

Der scheidende EDA-Vorsteher Didier Burkhalter (FDP) sieht in der anhaltenden antiisraelischen und antisemitischen Hetze der UNRWA offenbar kein Problem, die Schweizer Steuermillionen fliessen ungehindert weiter. Es bleibt zu hoffen, dass der neu gewählte Bundesrat und EDA-Vorsteher Ignazio Cassis diesem unwürdigen Treiben ein Ende bereitet.

Skandalöse Irrelevanz

Antisemitismus oder Antizionismus? Der unlängst verstorbene Holocaustüberlebende und Literaturnobelpreisträger Imre Kertész («Roman eines Schicksallosen») findet deutliche Worte: «Auf dem Bildschirm sehe ich, in Jerusalem ebenso wie anderswo, gegen Israel gerichtete Demonstrationen. Ich sehe die in Frankreich in Brand gesetzten Synagogen und geschändeten Friedhöfe. Ich sah den portugiesischen Schriftsteller Saramago im Fernsehen, wie er, über ein Blatt Papier gebeugt, Israels Vorgehen gegen die Palästinenser mit Auschwitz verglich – ein Zeugnis dafür, dass der Autor nicht die geringste Ahnung von der skandalösen Irrelevanz des von ihm angestellten Vergleichs besass. Ich frage mich, ob man die israelfeindliche Gesinnung nicht trennen muss vom Antisemitismus.

Aber ist das möglich? Wahrscheinlich, überlege ich, hat die seit etwa 2000 Jahren währende Judenfeindseligkeit sich zum Weltbild verfestigt. Der Hass hat sich zum Weltbild verfestigt, und Gegenstand des Hasses ist ein Volk geworden, das in keiner Weise bereit ist, von der Erdoberfläche zu verschwinden. Ich gestehe ehrlich: Als ich im Fernsehen zum ersten Mal die auf Ramallah zurollenden israelischen Panzer erblickte, durchfuhr mich unwillkürlich und unabweisbar der Gedanke: ‹Mein Gott, wie gut, dass ich den Judenstern auf israelischen Panzern sehe und nicht, wie 1944, auf meiner Brust.›» (Basler Zeitung)

Erstellt: 04.10.2017, 09:46 Uhr

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