Die Geschichtslosigkeit eines Sommertages

Der Bundesrat empfängt Frankreichs Präsidenten François Hollande. Didier Burkhalter glänzt und ein wenig Nous-sommes-Charlie-Geist weht durch Bern. Beobachtungen am Rande eines Staatsbesuchs

Glamouröse Abwechslung: Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga und ihr Gast François Hollande beim Abschreiten der Ehrengarde.

Glamouröse Abwechslung: Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga und ihr Gast François Hollande beim Abschreiten der Ehrengarde. Bild: Keystone

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Natürlich ist Bern viel zu klein für Staatsbesuche. Mittelalterlich-pittoresk präsentiert sich die Bundesstadt in ihrer Anlage, doch für grosse, repräsentative Anlässe, wie François Hollande sie aus Paris gewohnt sein mag, ist sie nur sehr bedingt geeignet. Zumal der französische Präsident auch nicht auf dem relativ weitläufigen Bundesplatz empfangen wird, wo derartige Anlässe für gewöhnlich stattfinden, sondern auf dem eher intimen Münsterplatz. Nicht etwa, um den Gast aus Paris republikanische Bescheidenheit zu lehren, sondern aufgrund von Umbauarbeiten im Bundeshaus.

Ein wenig fühlt man sich in eine französische Departementshauptstadt versetzt, deren Maire und Gemeinderat den Präsidenten empfangen. Die Bundesrätinnen Doris Leuthard und Eveline Widmer-Schlumpf schlendern in Begleitung ihrer Amtskollegen Ueli Maurer und Johann Schneider-Ammann zu Fuss herbei. Heiss und sonnig ist es, untypisch für die Jahreszeit, sodass die Geschichtslosigkeit eines provenzalischen Sommers über der zutiefst undramatischen Szenerie liegt. Nachher könnte man Pastis trinken und ein wenig vor sich hindösen – wenn man nicht Politik machen müsste.

Die twitternde Zunft

Oder darüber berichten. Betont informell sind die anwesenden Journalisten gekleidet, die Romands ein wenig eleganter als die Deutschschweizer; eine speziell gute Falle macht Anna Fazioli («Corriere del Ticino»). Angestrengt unbeeindruckt starrt die twitternde Zunft auf ihre Handys, tippt und fotografiert. Schnappschüsse müssen verlinkt werden, von der Militärkapelle, vom roten Teppich, von wartenden Bundesräten. Man fragt sich, ob Journalisten heutzutage überhaupt noch zum Beobachten kommen. Was werden sie wohl schreiben? Dass der französische Präsident in Bern «mit militärischen Ehren empfangen» wurde?

Noch werden die Schaulustigen von der Militärkapelle mit schmissiger Big-Band-Musik unterhalten, da brausen bereits die ersten Limousinen über den Platz, um das Gefolge des Präsidenten zu entladen.

Dann ist er auf einmal da, François Hollande, unscheinbar, kaum hat man ihn kommen sehen. Hymnen werden gespielt, Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga wirkt ein wenig wie eine adrette, prämierte Vorzugsstudentin, die vom Bürgermeister vorgeschickt wurde, um den hohen Gast zu begrüssen. Nur das Blumenbouquet fehlt.

Burkhalters halbe Minute

Die Ehrengarde ist gerade von den beiden Staatsoberhäuptern abgeschritten, da schlagen die grossen 30 Sekunden des Didier Burkhalter. Bei einer Journalistin aus der Romandie sorgt die Szene für glockenhelle Heiterkeit: Hollande defiliert an den Bundesräten vorbei, gibt allen die Hand, doch bei Burkhalter bleibt er stehen, als hätte er in der Fremde unvermittelt einen alten Freund entdeckt. Als der Franzose weiter ist, fängt Burkhalter an, heftig auf Ueli Maurer einzureden. Gerne wüsste man, worüber die beiden reden. Weist Burkhalter den Kollegen explizit darauf hin, was für ein toller Hecht er doch ist? Maurer scheint sich zu amüsieren, einem weltklugen Bäuerlein gleich, das wissend in sich hineinlächelt, wenn sein weitgereister Vetter allzu prahlerisch von seinem Trip nach New York berichtet.

Als «unentwegt zwiespältig» hat die NZZ Hollandes Verhältnis zur Schweiz beschrieben. Von einem «Versöhnungsbesuch» des Franzosen schrieb die Genfer «Le Temps». Ein solches Frankreich-Bashing wie in der Schweiz habe er in 45 Jahren als Diplomat noch nicht erlebt, klagte Michel Duclos, der abtretende französische Botschafter in der Schweiz, noch im Juli letzten Jahres. Hollande liess Bern denn auch warten: Die Einladung zum Besuch hatte die damalige Bundespräsidentin Widmer-Schlumpf bereits 2012 ausgesprochen.

Leuthards Lachen

Von all dem ist auf dem Münsterplatz nichts mehr zu spüren, und kurz darauf im Berner Rathaus auch nicht. Dort sitzen Präsident und Bundesrat in U-förmiger Runde, die Journalisten in ihrem Rücken halten ihre Mikrofone und Aufnahmegeräte hin. Eine leicht absurde Situation, die auch Doris Leuthard zu amüsieren scheint. Jedenfalls lacht die Bundesrätin wie ein charmant-durchtriebenes Schulmädchen, das seine Heiterkeit angesichts des heiligen Ernstes der Erwachsenen nicht mehr bezwingen kann.

Es reden Sommaruga und Hollande – und sie machen es kurz und pathetisch. Von einer «neuen Phase» der Beziehungen spricht die Bundespräsidentin, vor allem aber von «gemeinsamen Werten», von «dignité humaine». Ein wenig Nous-sommes-Charlie-Geist weht durch den Saal und man ahnt, warum Bundesräte Aussenpolitik lieben, diese glamouröse Abwechslung vom grauen Regierungsalltag.

Hollande lobt artig die «ausser­gewöhnliche Demokratie» der Schweiz, er spricht über französische Grenzgänger, die am Erfolg der Schweizer Wirtschaft teilhätten, und auch er redet von «Charlie Hebdo» und von «europäischen Werten». Beinahe irritierend, weil profan, wirkt in einem solchen Umfeld seine kurze Erwähnung der Querelen um den Basler Flughafen. Es sind zwei sehr französische Reden, die an diesem Nachmittag gehalten werden: elegant, die ganz grossen Themen streifend, doch kaum sind die letzten Worte verklungen, mag man sich kaum mehr erinnern, worum es eigentlich ging.

Ein heikler Moment

Dann stossen sie an, der Gesamtbundesrat und sein Gast, mit Rotem und mit Weissem, unter Beobachtung der Journalisten auf der anderen Seite der Absperrkordel. Kurzzeitig nagelt Schneider-Ammann Hollande in einem Eins-zu-eins-Duell fest, doch flugs tritt Weltmann Burkhalter hinzu und entschärft die Situation.

Zwei Jahre dauert François Hollandes Amtszeit noch, seine Chancen auf eine Wiederwahl sind so schlecht wie bei keinem seiner Vorgänger. An diesem Nachmittag merkt man ihm davon nichts an. Ein weiterer Programmpunkt seiner Rest-Amtszeit ist abgehakt. Unwohl scheint er sich dabei nicht gefühlt zu haben. (Basler Zeitung)

Erstellt: 16.04.2015, 14:22 Uhr

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