«Die Kesb greift nur ein, wenn es nötig ist»

Eine Studie der Hochschule Luzern stellt den Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden ein gutes Zeugnis aus.

Gut prüfen. Gewalt wird oft innerhalb einer Familie «vererbt», deshalb schauen die Behörden bei der Platzierung eines Kindes genau hin.

Gut prüfen. Gewalt wird oft innerhalb einer Familie «vererbt», deshalb schauen die Behörden bei der Platzierung eines Kindes genau hin. Bild: Keystone

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BaZ: Herr Rosch, die 2013 gegründeten Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) sind viel stärker unter Beschuss als die vormaligen Vormundschaftsbehörden – war früher alles besser?
Daniel Rosch: Es gibt keine Forschungsergebnisse zum Vergleich der Situation vor und nach Einführung der Kesb. Tatsache ist, dass die Behörden heute nicht mehr so kleinräumig organisiert sind, wie dies die Vormundschaftsbehörden waren. Zudem sind die Kesb mit Fachpersonen besetzt. Die grösseren Einzugsgebiete sind deshalb gewollt, weil man erreichen wollte, dass die Kesb über ausreichend Praxis und Erfahrung verfügen. Diese erreicht man nur, wenn man viele Fälle behandelt. Die Kritik sehe ich insofern positiv, als die Debatte darüber wichtig ist, wie wir mit schutzbedürftigen Menschen umgehen.

Hat man früher komische Käuze leichter weggesperrt?
Das kann ich nicht beurteilen. Grundsätzlich lagen vor Einführung der Kesb Vormundschafts-Entscheide in der Deutschschweiz oft in der alleinigen Kompetenz von Gemeinderäten. Heute muss eine psychische oder geistige Beeinträchtigung vorliegen, damit jemand beispielsweise in die Psychiatrie eingewiesen oder unter Beistandschaft gestellt wird. Man kann also nicht automatisch alle im Betreibungsregister aufgeführten Personen verbeiständen, obwohl der Schluss vielleicht naheliegen könnte, dass sie nicht mit Geld umgehen können.

Laut Ihrer Studie machen die Kesb vieles gut – trotzdem lehnen viele Menschen die Behörde ab oder fürchten sie.
Ich habe oft das Gefühl, dass dahinter die Sehnsucht nach einem «heilen» Familienmodell steht, in dem eine Solidarität gelebt wird, wie wir sie in unserer individualisierten Gesellschaft nicht mehr kennen. Weil es hier um einen staatlichen Eingriff ins Private geht, eignet sich die Kesb als Blitzableiter und Projektionsfläche für vieles. Dabei handeln solche Instanzen nicht eigenmächtig. In der Erfüllung internationaler Verträge haben auch die Schweizer Behörden den Auftrag, verletzliche Personen vor Gewalt, Diskriminierung und Missbrauch zu schützen. Da dies oft in der Familie geschieht, müssen die Behörden dort eingreifen. Das zeigt auch, dass es nicht ein «Schweizer Problem» ist.

Kritiker sagen, die Behörden würden sich vermehrt in Familienangelegenheiten einmischen.
Dieser Eindruck entsteht vielleicht dadurch, dass man heute länger und genauer abklärt. Im alten System der Vormundschaftsbehörde gab es beispielsweise die Beistandschaft auf eigenes Begehren. Mit dem Antrag der Betroffenen ging man oft davon aus, dass diese das ja wollten, und errichtete die Beistandschaft. Heute schauen die Kesb genau hin, ob der Bedarf für eine Beistandschaft überhaupt besteht, damit man eine Massnahme nicht zu Unrecht verfügt. In der Abklärungsphase prüft man, ob und welche Ressourcen und Fähigkeiten vorhanden sind, die eine niederschwellige Lösung und damit wenig staatliches Eingreifen ermöglichen. Zudem gibt es heute mittels Vorsorgeaufträgen, Patientenverfügungen, gesetzlichen Vertretungsrechten und anderen Instrumenten viel mehr Möglichkeiten, ausserhalb von Kesb-Verfügungen Lösungen zu finden.

Zum Beispiel?
Die Betroffenen können selber einen Beistand wählen. Die Behörde prüft allerdings, ob die Person geeignet ist. Wenn also beispielsweise eine demente Person wünscht, dass eine selbst unter Beistandschaft stehende Person ihr Beistand werden soll, werden die Behörden dies zum Schutz des Betroffenen ablehnen. Heute gilt der Grundsatz, dass die Kesb nur eingreift, wenn es nötig ist.

Dann sind die Kosten seit Einführung der Kesb gesunken?
Die Kosten pro Kopf müssten gesunken sein, allerdings gibt es dazu keine aussagekräftigen Studien. Die Finanzierung obliegt den Kantonen, welche unterschiedliche Modelle kennen, die schwer zu vergleichen sind. Zum Teil gibt es kantonale Finanzierungen, oft werden aber die Gemeinden in die Pflicht genommen. Hinzu kommt, dass auch dort, wo die Behörde nicht eingreift, weil die Eltern das Kind freiwillig in einer Institution platzieren, Kosten entstehen: Diese können die Eltern dann oft nicht bezahlen, und das Gemeinwesen muss auch hier einspringen. Es entstehen hier keine Kosten auf «Kesb-Ebene», aber auf der Ebene des Gemeinwesens.

Ist stets klar, wann ein Eingreifen nötig ist?
Nein, die Abklärungen sind komplex und damit auch fehleranfällig. Das liegt in der Natur der Sache. Die Kesb müssen Situationen aufgrund des Verhaltens von Personen einschätzen. Dieses können sie nur interpretieren, und dabei können Fehler passieren. Weiter basieren die Einschätzungen auf Prognosen, was bei psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie schwierig ist. Deshalb haben wir standardisierte Abklärungsinstrumente für den Kindesschutz und den Erwachsenenschutz entwickelt. Dabei handelt es sich um einen umfassenden Fragenkatalog.

Wenden die Kesb das Instrument an?
Der Kanton Zürich führt es im Kindesschutz ein. Andere Kantone sind interessiert; einige Gemeinden setzen es ebenfalls bereits ein.

Im Fall von Flaach, wo 2015 eine Mutter ihre Kinder tötete, weil sie sie hätte ins Heim zurückbringen sollen, lehnte die Kesb die Betreuung durch die Grosseltern ab. Ein unverständlicher Entscheid.
Zum Fall von Flaach kann ich mich nicht äussern. Generell lässt sich sagen, dass die Behörden Angehörige miteinbeziehen und abklären, inwiefern diese einer Doppelfunktion gewachsen sind. So sind Angehörige als Beistände der Behörde unterstellt, und gleichzeitig haben sie weiterhin ihre Funktion im Familiensystem, etwa als Tante. Ob Grosseltern zum Zuge kommen, hängt von ihrem Alter und ihrer Gesundheit ab. Auch die finanzielle Situation ist ein Thema. Mangelnde Finanzen sind ein Risikofaktor. Studien zeigen, dass mangelnde Finanzen bei Platzierungen bei Angehörigen in erhöhtem Masse der Fall sind.

Wann macht es Sinn, bei Kindern Angehörige einzusetzen?
Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Wichtig ist, mit den betreuungswilligen Angehörigen darüber zu sprechen, wie sie sich die Betreuung vorstellen und ob dies realistisch ist. Ab einem gewissen Alter sind Identitätsbildung und Zugehörigkeit wichtig. Dies spricht für das Belassen eines Kindes im familiären Umfeld. Andererseits sind Familien im Kindesschutz oft mit mehreren Problemen belastet. So weiss man, dass Gewalt oft innerhalb einer Familie «vererbt» wird. Da müssen die Behörden genau prüfen, ob die missliche Situation eines Kindes nicht einfach bei den Grosseltern oder bei einem Onkel eine Fortsetzung findet. Grundsätzlich ist der Entscheid über eine Fremdplatzierung immer ein Entscheid über das kleinere Übel: Soll man das Kind in einer schlecht funktionierenden Familie belassen oder es fremdplatzieren und es somit aus dem gewohnten Umfeld reissen?

Kritiker werfen den Kesb vor, die Betroffenen und ihr Umfeld zu wenig einzubeziehen. Sie kommen in Ihrer Untersuchung aus den Jahren 2015 und 2016 zu einem anderen Schluss.
Wir haben festgestellt, dass 90 Prozent der Kesb-Mitarbeitenden Grosseltern und obhutsberechtigte Elternteile einbeziehen. Im Tessin mit der Stellung von Nonno und Nonna waren es sogar über 90 Prozent.

Ist Ihre Untersuchung repräsentativ?
Ja. Wir haben einen Fragebogen an sämtliche Kesb verschickt und hatten einen Rücklauf von 40 Prozent, das ist bei schriftlichen Umfragen zufriedenstellend.

Die Kesb sind kantonal organisiert – wie gross sind die Unterschiede zwischen den Kantonen?
Diese liegen meist in organisatorischen Details. So sind im einen Kanton die Sozialdienste mit den Abklärungen betraut, in einem anderen Kanton erledigen dies die Kesb selber. Unterschiede gibt es zudem in der Finanzierung. In einigen Kantonen übernehmen die Gemeinden die Kosten für die Kesb-Massnahmen, andernorts zahlt der Kanton.

Kesb-Kritiker wollen die Kesb mit einer Volksinitiative zurückstutzen und die Familie stärken – eine gute Idee?
Aus fachlicher Sicht nicht, weil es um verletzliche Personen geht. Beim Kindesschutz geht es oft um Familien mit einer Mehrfachproblematik, also beispielsweise um überforderte Eltern, gepaart mit häuslicher Gewalt oder einer psychischen Erkrankung. Weil die Fälle sehr individuell und komplex sind, lassen sie sich nicht mit einem Automatismus lösen. Die Initiative will den Konflikt zwischen dem, was ein Betroffener will, und dem, was die Familie will, im Interesse der Familie lösen. Das kann heikel sein, etwa dann, wenn es ums Erben geht. Oder wenn eine Familie einer Vorstellung vom eigenen Kind nachlebt, die nicht mehr der Realität entspricht und sie dem Kind deshalb kaum Entwicklungschancen bietet.

Allerdings will auch der Bundesrat prüfen, ob eine Gesetzesanpassung nötig ist – legen die Initianten den Finger doch auf einen wunden Punkt?
Der Bundesrat will eine höhere Quote als die von uns festgestellten 90 Prozent erreichen. Natürlich kann man daran arbeiten, ich persönlich halte diesen Wert für sehr gut.

Inwiefern berücksichtigen die Behörden die Wünsche der betroffenen Kinder?
Unsere Untersuchung hat ergeben, dass in einem Fallbeispiel 80 und in einem anderen 60 Prozent der Befragten die Kinder angehört haben. Diese Werte sind nicht zufriedenstellend, zumal es ein Grundsatz ist, dass die von Massnahmen direkt Betroffenen ab dem sechsten Altersjahr einbezogen werden müssen.

Obwohl Kinder oft unrealistische Vorstellungen haben?
Einbeziehen heisst nicht entscheiden. Weil Eltern oft eine ganz andere Optik auf die Situation haben, dient die Anhörung nicht nur der Information der Kinder, sondern auch der Sachverhaltsabklärung. Wenn man die Kinder fragt, was ihnen wichtig ist, und dies an die Eltern zurückspiegelt, kann dies zu einem Aha-Erlebnis führen und sie können im besten Fall die Bedürfnisse ihrer Kinder wahrnehmen.

Wie handhaben andere Länder den Kindes- und Erwachsenenschutz?
Wir gehen dieser Frage in den nächsten Jahren nach. In Deutschland und Österreich führt man im Erwachsenenschutz derzeit eine ähnliche Diskussion wie bei uns. In China kennt man ein ähnliches Modell, wie es die Kesb-Initiative anstrebt. Dort kümmern sich in erster Linie Angehörige um Familienmitglieder, die einen Schwächezustand erleiden oder die urteilsunfähig sind. Dies ohne staatliche Kontrollen und Eignungsprüfungen. Interessanterweise gibt es in China eine Tendenz weg von der Familie hin zu Fachpersonen, weil es viele Missbrauchsfälle gibt. (Basler Zeitung)

Erstellt: 25.05.2018, 09:12 Uhr

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