«Die Menschen sehen heute nur das Risiko und nicht die Chancen»

Nach dem Geothermie-Zwischenfall geht die Angst um. Historiker Peter Fischer warnt allerdings davor, nur noch die Probleme zu sehen.

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Da löst eine Bohrung ein Erdbeben aus – überraschend, aber nicht zum ersten Mal –, und schon erwägt man, das Projekt abzubrechen. Weshalb?
Wir sehen nur das Risiko und nicht die Chancen. Das ist typisch für unsere Zeit. Ein Journalist sagte einmal, wenn wir dabei gewesen wären, als sich der Mensch aufzurichten begonnen habe, hätten wir das abgelehnt; man könnte ja stolpern, hinfallen und wäre zudem viel zu gut sichtbar. Die Menschen haben heute Angst. Paradox ist, dass es uns noch nie so gut gegangen ist: Wir haben mehr zu essen als früher, sind gesünder und werden älter.

Wir haben auch mehr zu verlieren.
Ja, wir leben hier unverschämt gut. So gut, dass es scheinbar nur noch schlechter werden kann.

Hätte man in den 50er- oder 60er-Jahren anders reagiert nach Ereignissen wie diesem Beben?
Damals hätte man gar nicht nach einer so anspruchsvollen Energieform gesucht. Falls doch, hätte man wohl gesagt: Das kann vorkommen. Es herrschte ein grosser Fortschrittsglaube. In den 60er-Jahren dachte man, die Lösung für alles gefunden zu haben und nun ungestört dem Glück zuzustreben. Mit der Antibabypille konnten die Menschen den Anfang des Lebens bestimmen, sie konnten auf den Mond fliegen, und mit der Kernkraft stand scheinbar unendlich viel Energie zur Verfügung. Deutsche Parteien hatten gar die spleenige Idee, kleine Kernkraftwerke nach Afrika zu exportieren, um dort das Energieproblem zu lösen.

Und dann merkte man, dass man nicht die Lösung für alles hatte.
Ja. 1972 veröffentlichte der Club of Rome das Buch «Grenzen beim Wachstum» – der Originaltitel hiess wohlgemerkt nicht «Grenzen des Wachstums». Man realisierte, dass etwas nicht stimmte, dass sich der Mensch die Erde nicht untertan machen kann, wie es in der Bibel heisst. Man suchte nach Schuldigen und fand sie schliesslich in den Wissenschaftlern. Sie hatten begonnen, mit der Gentechnik die Natur zu verbessern und waren damit für viele zu weit gegangen. Es kam zu einer scharfen Abkehr von der Wissenschaft – und zu einem dramatischen Realitätsverlust. Bis dahin galt Impfen unter Eltern als perfekte Lösung – es war günstig, wirkte und rettete Leben. Nun war sogar der helfende Arzt mit der Nadel ein Feindbild.

Nach der Nuklearkatastrophe in Fukushima hätte man in der Schweiz lieber heute als morgen alle Kernkraftwerke abgestellt. Nun stellt man die Geothermie infrage.
Bisher hat man das Klima kostenlos verschmutzt, die Nebenwirkungen kamen erst später. Wenn nach einer Erdbohrung die Erde bebt, ist dies eine Warnung: Es ist nicht alles möglich. Entweder man spart Energie, oder man muss Risiken eingehen, um Energie zu gewinnen. Ich bin kein grosser Befürworter von Kernkraftwerken, aber ich sehe auch nicht, dass jemand Energie sparen will. Sobald Autos auf den Markt kommen, die weniger Benzin verbrauchen, wird sofort mehr gefahren.

Machen Erdbeben besonders Angst?
Das Problem ist, dass man die Gefahr, die von Kernkraftwerken ausgeht, nicht sieht. Aber wenn die Erde bebt, dann spürt man das, und es macht einem die eigene Verletzlichkeit bewusst.

Auch Kernkraftwerke hatten Startschwierigkeiten. Die hat man aber offenbar in Kauf genommen.
Man dachte eben, man habe damit DIE Lösung gefunden. Und hat ganz übersehen, dass es noch ein paar Brennstäbe zu entsorgen gibt. Erst glaubte man, die könne man im Meer versenken, merkte aber, dass man sie erst noch über die Autobahn transportieren muss – wir machen als Zivilgesellschaft auch Lernprozesse durch. Man hat sich damals zu wenig Gedanken gemacht und ist zu fröhlich und zu optimistisch losmarschiert.

Nun schwingt das Pendel zurück.
Ja. Noch bevor man heute überhaupt etwas an die Hand nimmt, setzt man eine Ethikkommission ein. Und besetzt sie ausschliesslich mit Leuten, die nichts anderes tun, als in Ethikkommissionen zu sitzen. Unser Leben war noch nie so sicher wie heute, doch nur, weil unsere Vorfahren Risiken eingegangen sind. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.07.2013, 09:45 Uhr

Ernst Peter Fischer

Der 66-Jährige ist Diplomphysiker und Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Universität Konstanz.

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