Kommentar

Die Schlacht der Riesen

Was bedeutet Marignano? Entstand damals die Schweiz oder ging sie unter? Ein Vorabdruck aus einem neuen Buch.

Markus Somm: Marignano. Die Geschichte einer Niederlage. Stämpfli Verlag 2015, 44 Franken. Das Buch erscheint in diesen Tagen.

Markus Somm: Marignano. Die Geschichte einer Niederlage. Stämpfli Verlag 2015, 44 Franken. Das Buch erscheint in diesen Tagen.

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Marignano ist eine der bedeutendsten Schlachten der Schweizer Geschichte. Anfang des 16. Jahrhunderts, im September 1515, kämpften die Schweizer gegen die Franzosen in Marignano, einem kleinen Ort in der Nähe von Mailand in Italien. Sie erlitten eine schreckliche Niederlage. Zehntausend Schweizer fielen.

Es war eine erstaunliche Schlacht, eine der blutigsten der Epoche überhaupt. «Nicht Menschen stiessen aufeinander, sondern Riesen», sollte Gian Giacomo Trivulzio, einer der beteiligten Generäle in französischen Diensten, hinterher sagen: Es war eine Schlacht der Giganten.

Wenn man heute an die Schweiz denkt, ein friedliches, reiches, neutrales, kleines Land mitten in Europa, fällt es schwer, sich vorzustellen, dass eine solche Schlacht je stattgefunden hat. Wie kamen die Schweizer dazu, das mächtige Frankreich anzugreifen? Und warum in Italien?

Vor fünfhundert Jahren war die Schweiz ein ­anderes Land: Sie war nicht friedlich, sondern die Heimat der brutalsten und schlagkräftigsten ­Soldaten der Epoche. Sie war nicht reich, sondern eine der ärmeren Gegenden des Kontinents, wo zu viele Menschen lebten, um anständig überleben zu können. Aus diesem Grund schlossen sich die ­jungen Männer jeder Armee an, die sie gut bezahlte. Die Schweiz war auch nicht neutral: Wegen ihrer überragenden militärischen Fähig­keiten war sie im Begriff, zu einem wichtigen Akteur in der europäischen Politik aufzu­steigen. Jeder bedeutende Herrscher dieser Zeit, ob der französische König oder der römisch-deutsche ­Kaiser, ob der Papst oder die Venezianer, bemühte sich um ein Bündnis mit den Eid­genossen. Die Schweizer Söldner genossen einen einzigartigen Ruf: Wer sie unter Vertrag nahm, siegte – wer sie gegen sich hatte, stürzte ins Elend.

Die Schwäche der Kantone

Ein wichtiger Akteur, eine Art Grossmacht gar: und doch eine unwahrscheinliche. Die Schweiz war eine Grossmacht wider Willen. Eine Grossmacht ohne Plan. Wenn man be­­trachtet, wie sich diese alte Eidgenossenschaft unter den übrigen Ländern der damaligen Zeit verhielt, vor allem: wie sie sich im Innern ­organisiert hatte, so war von vornherein klar, dass diese militärische Grossmacht nie in der Lage sein würde, sich auf Dauer zu einer politischen Macht emporzu­schwingen, die im ­Konzert der Grossmächte mitspielte.

Dieser Bund von acht, dann zehn, bald zwölf, schliesslich dreizehn Orten, wie man damals die Kantone nannte, war ein Bund – und noch einmal ein Bund. Jeder Ort verteidigte mit Zähnen und Klauen seine Autonomie nicht nur gegen jeden Gegner ausserhalb der Schweiz, sondern ebenso leidenschaftlich und penetrant gegen jeden anderen Kanton. Alles, was nach Zentralisierung roch, wurde verworfen. Hätte dieser Bund aussenpolitisch je etwas bewirken wollen: Man wäre nicht darum herumgekommen, eine zentrale Macht zu schaffen. Versuche gab es zuhauf, gescheitert sind alle.

Kein Kanton, nicht einmal das aristokratische Bern, das die besten Voraussetzungen mitgebracht hätte, war mächtig genug, sich gegen die anderen Kantone durchzusetzen. Was später in den Niederlanden der Grafschaft Holland mit ihrer potenten Stadt Amsterdam glücken sollte – dass sie sich in einer Föderation von sieben ­formell gleichberechtigten Ländern zu einem ­Primus inter Pares machte –, war in der Schweiz undenkbar. In manchem glich die «Republik der Sieben Vereinigten Provinzen» der Niederlande der älteren, ebenso republikanischen Eidgenossenschaft. Doch das war ein wesentlicher Unterschied: In der Schweiz war kein Kanton stark genug, alle waren zu schwach. Nicht aus Mangel oder Unvermögen, sondern mit Absicht – aus Überzeugung.

Wer es wissen wollte – und manchen in der Eidgenossenschaft war das bewusst –, der konnte lange vor dem Fiasko in Marignano die Grenzen der schweizerischen Möglichkeiten erkennen. Diese Grenzen lagen nicht im Ausland, sondern im Inland. Es war aber in Marignano, also in der Lombardei, wo diese Grenzen allen auf so furchtbare Art und Weise aufgezeigt wurden. Ein ehrgeiziges Ausgreifen, das man mehr spontan als nach Plan vollzogen hatte, kam an sein Ende.

Marignano ist ein Wendepunkt der ­Schweizer Geschichte – aber ein merkwürdiger: Die Schlacht ist nicht Anfang noch Ende, eher eine Art Symp­tom.

Auf dem Weg zur Republik

Wie bei einer Krankheit, die lange vorher im Körper wütet, bis man sie diagnostiziert, trat erst in Marignano zutage, was schon entschieden war: Diese Eidgenossenschaft war nicht ge­­schaffen für eine aktive Aussenpolitik, solange sie nicht bereit war, sich fundamental zu ändern. Man war zu uneinig und zu sehr an der eigenen Freiheit interessiert, als dass man anderen auf Dauer die Freiheit hätte nehmen können. Diese Freiheit aber: Sie war für die damaligen Ver­hältnisse in Europa bemerkenswert. Das Land in den Alpen war keine Demokratie, doch in ­manchem kam die alte Eidgenossenschaft, besonders in den sogenannten Länderorten in der Innerschweiz, einer modernen Republik sehr viel näher als wohl jede andere Region auf dem Kontinent.

«Wir wollen Schweizer sein!», riefen die süddeutschen Bauern, als sie sich Anfang des 16. Jahrhunderts gegen ihre adligen Herren erhoben. Sie meinten damit nicht, dass sie sich einer anderen Nation anschliessen wollten. Noch gehörten die Schweizer dem Reich an – wie diese Süd­deutschen auch. Sie meinten es politisch: Sie strebten nach den gleichen ­Freiheiten, wie sie die Eidgenossen für sich errungen hatten. Gewiss, nicht für alle: Auch in der damaligen Schweiz gab es Untertanen, es gab oben und unten. Aber ­nirgendwo sonst in Europa hatten so viele Leute etwas zu sagen wie in der alten Eidgenossenschaft. Nicht alle – aber sehr viele mehr als anderswo. Es bestimmt und beschäftigt das Land bis heute.

Der Preis für diese Freiheit war der Verzicht auf eine grössere Rolle in der europäischen Politik. Militärisch gesehen hätte mehr drin gelegen: Die Schweizer Truppen waren Anfang des 16. Jahrhunderts die unbestrittenen Herren des europäischen Schlachtfeldes. Doch mit diesem anarchischen Bund machte man keine grossen Eroberungen, sondern rundete bloss ab, was die Geografie vorgab. Rhein, Jura, Bodensee, ­Genfersee: Man stiess an Grenzen vor, die allesamt mehr oder weniger natürlich und deshalb leicht zu verteidigen waren.

Spannungen im Innern

Marignano ist ein Wendepunkt – nicht weil damals die Neutralität erfunden worden wäre; niemand stand nach der Schlacht auf und deklarierte die Neutralität. Im Grunde ist die Neutralität viel älter als Marignano oder genauer: Das, was nachher die Neutralität erzwang, ob aus ­Einsicht oder strukturellen Gründen, war lange vor Marignano entstanden und virulent.

Denn die Voraussetzung für die spätere Neutralitätspolitik war die Tatsache, dass es für die Eidgenossen immer einfacher gewesen war, sich aussenpolitisch zurückzuhalten, als sich zu engagieren. Sobald die Eidgenossen Partei nahmen, sobald sie sich auf eine einheitliche Aussenpolitik verständigten, wuchsen im Innern die Spannungen. Lange hielt das niemand aus. Es waren immer kurze Momente der Einheit, die jene Triumphe wie etwa die Siege in den Burgunderkriegen (1474–1477) gegen Karl den Kühnen zuliessen. Der Herzog von Burgund galt damals als der modernste Herrscher seiner Zeit – und seine Armee war das Wunder von Europa.

Sozusagen in letzter Minute, nach gewaltigen Eilmärschen waren die Zürcher in Murten ­aufgetaucht, um die Berner zu unterstützen. In drei Tagen, bei strömendem Regen hatten die Zürcher 150 Kilometer zurückgelegt, die meisten liefen barfuss, sie trugen Spiesse und Helle­barden, der eine oder andere hatte auch einen Helm eingepackt. Ohne Begeisterung waren sie gekommen – nur weil die Bündnisverträge ihnen unbedingte militärische Hilfe vorschrieben. Wegen der Eidgenossenschaft – nicht wegen der Berner, deren westliche Ambitionen die Zürcher gar nicht goutierten.

Mit dem Übermut der Jugend

Bevor sich Zürich zur Hilfe entschloss, war im Rat gestritten worden, man wollte, man konnte sich nicht entscheiden. Ein junger Zürcher Hauptmann, Hans Waldmann, war damals in Freiburg mit einem kleinen Zürcher Kontingent stationiert – was man nur getan hatte, um die Berner zu vertrösten. Bereits hatte Karl der Kühne begonnen, die Stadt Murten zu beschiessen. Die Lage war kritisch. Waldmann, ein energischer und hochbegabter Offizier, der die Zögerlichkeit der Politiker zu Hause verabscheute, schrieb dem Bürgermeister und Rat von Zürich:

«Ich möchte Eurer Weisheit mitteilen, dass die guten Leute von Murten heftig bedrängt werden von dem Herzog (…). Liebe Herren, unsere Eidgenossen von Bern haben uns und die Freiburger ­deshalb gebeten, dass wir zu ihnen ziehen möchten (…). Das haben wir abgeschlagen, weil wir ohne unsere Herren in Zürich nichts unternehmen, und wir rieten ihnen, dass sie nichts vornähmen, bis unsere Herren sich entschieden haben. Wir versprachen ihnen aber, dass wir die Lage genau beobachteten.» Was Waldmann höflich formulierte, meinte er als Befehl: «Darum, gnädige Herren, beeilt Euch, schickt die Truppen, damit ihr nicht die Letzten seid. Denn habt keinen Zweifel: Die Burgunder schlagen wir ohne Weiteres, obwohl sie dreimal so viele Leute hier haben wie bei Grandson. Keine Angst! Wir werden sie mit Gottes Hilfe alle töten. Sie werden uns nicht entrinnen, sodass wir nachher nie mehr mit ihnen zu tun haben.»

Es folgten mit Murten und Nancy zwei der eindrücklichsten Siege der europäischen ­Kriegsgeschichte (1476 und 1477). Sie machten die Eidgenossen zu einer überall gefürchteten Armee. Zugleich waren es zwei bittere Nieder­lagen für einen Fürsten, der angetreten war, Europa auf den Kopf zu stellen. Was nun? Was würden die Eidgenossen, denen etwas Adoleszentes eigen war, die schnell gewachsen waren, ohne reif zu werden – was würden diese etwas linkischen und aufbrausenden Schweizer mit ihrer Macht anstellen? (Basler Zeitung)

Erstellt: 12.09.2015, 07:29 Uhr

Markus Somm, Chefredaktor der Basler Zeitung.

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