Ewige Rivalen

Basel nimmt als Gast am Zürcher Sechseläuten teil. Man freue sich, hören wir, man gehe gern. Wirklich?

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Als in den 1840er-Jahren in Zürich die Idee aufkam, eine Bahn nach Basel zu bauen, wandte man sich natürlich zuerst an die Basler. Natürlich. Nicht bloss, weil man davon ausging, dass Basel doch an einer solchen Bahnverbindung interessiert sein müsste – die erste in der Schweiz –, sondern auch aus einem ganz andern Grund. Wer sollte das sonst bezahlen? Basel war damals die mit Abstand reichste Stadt der Eidgenossenschaft, ohne Basels Financiers und Bankiers lief gar nichts – und das seit Jahrhunderten.

So haben die Basler zu Zeiten der Reformation die Festungsmauern des neuerdings calvinistischen, also reformierten Genf finanziert, damit diese Stadt sich gegen das katholische Savoyen zur Wehr setzen konnte, und so haben die Basler so gut wie jeden Kriegszug der Berner bezahlt, weil die Berner schon damals zwar gute Soldaten stellten, aber in Sachen Wirtschaft eher ein vornehmes Desinteresse an den Tag legten, was sie ja mehr oder weniger bis heute beibehalten haben. Die Kredite bezogen die Berner mit Vorliebe aus Basel, immerhin zahlten sie die Zinsen überaus pünktlich.

Die Aargauer vermittelten

Also fuhren die Zürcher – per Kutsche – nach Basel, um für ihr Anliegen zu werben, das doch modern und vernünftig schien, aber die Basler reagierten kühl. Sie zögerten, sie verschleppten, sie hielten hin. Die Zürcher verzweifelten. Um das Patt zu lösen, boten sich die Aargauer als Vermittler an – umso mehr, als diese die Idee der Zürcher von vornherein mit Begeisterung aufgenommen hatten, insbesondere die Badener, die wussten, wie wichtig ein Bahnanschluss für die Zukunft ihres Kurortes war. Ob Wiesbaden, Baden-Baden oder Bath: In ganz Europa drängten die Hoteliers in diesen Kurstädten auf die Bahn, sie erwiesen sich als Pioniere der Transportrevolution. Baden mit seinen Thermalquellen war zu jener Zeit noch der wichtigste Kurort der Schweiz.

Doch je eindringlicher die Aargauer den Baslern gut zuredeten, man blieb agnostisch am Rheinknie. Den Aargauern bestellte man, «Basel sei gewohnt, einen Gegenstand von allen Seiten zu betrachten, und so habe es gelernt, sich über die Vorteile der Eisenbahnen von allerhand Illusionen zu befreien; übertriebene Lobpreisungen des Nutzens derselben halte es für Märchen, die man den Leuten vormache, um sie durch Täuschung zu gewinnen.» Bekannt und reich geworden als eine der europäischen Hauptstädte der Seidenproduktion, hielt Basel die Bahn demnach für entbehrlich: «Basel selbst erhalte seine Seide auch ohne Bahn schnell genug.» Es half nichts, Basel sagte ab, und die Zürcher sahen sich gezwungen, ihre Bahn nur bis Baden zu erstellen. 1847 wurde sie eröffnet. Als erste Bahn der Schweiz ging sie als Spanischbrötlibahn in die Geschichte ein.

Schweiz versus Europa

Der Vorfall, obschon so lange her, bleibt doch typisch für das Verhältnis der beiden Städte: Kooperiert wurde selten, rivalisiert sehr oft – und dabei lebte Basel davon, dass es aus europäischer Perspektive sehr viel besser gelegen war als Zürich. Was brauchte Basel einen Zug nach Zürich, wenn es doch schon an die Elsässer Bahn angeschlossen wurde? Wogegen Zürich viel besser situiert war, wenn es um die Schweiz ging, wie sich bald, in den 1850er-Jahren, zeigen sollte, als Alfred Escher, der grosse Zürcher Politiker, innert kürzester Zeit seine Heimatstadt zum Zentrum der schweizerischen Bahnen, dann auch zum Finanzplatz machte, der am Ende Basel sogar überrundete. Als Basel 1501 der Eidgenossenschaft beitrat, war die Stadt zwar weitaus grösser als die Dominatoren Bern und Zürich – aber man war eben spät dazu gestossen, was die Berner und die Zürcher den Baslern nie vergassen. Man nahm gerne ihr Geld, profitierte von den europäischen Verbindungen der Rheinstadt, doch politisch blieb Basel in der Schweiz stets am Rand, weil Bern und Zürich, aber auch die einflussreiche Innerschweiz die Reichen vom Rhein von der Macht fernhielten. Das war im 18. Jahrhundert der Fall, das war im 20. Jahrhundert der Fall, das gilt bis heute.

Dass Zürich Basel schliesslich auch wirtschaftlich und finanziell übertreffen sollte, weil es im Grunde nationaler dachte und handelte als Basel, das stets internationaler gestimmt war, hinterliess hier am Rhein nicht nur gute Gefühle. Man wurde entthront und verdrängt, und man fühlte sich dementsprechend. Restbestände von Ressentiments, von Spott, Distanz und Minderwertigkeitssorgen gegenüber den grossmäuligen Zürchern sind allenthalben zu spüren, sei es anlässlich von Fussballspielen, sei es an der Fasnacht, wo die Witze über die Zürcher zum festen Repertoire gehören, während in Zürich kaum ein einziger Witz über Basel kursiert. Nun mag das damit zu tun haben, dass die Zürcher aus Sicht der Basler humoristisch auf dem Entwicklungsstand der Dritten Welt verharren, doch selbst schlechte Witze über die Basler gibt es an der Limmat nicht. Basel beschäftigt die Zürcher kaum, und wenn, dann legen sie eine Art von gönnerhaftem Lob an den Tag, das man genauso als Wohlwollen wie auch als Beleidigung auffassen könnte. Man findet die Basler noch «witzig» und originell, mag den scharfen Dialekt nicht unbedingt, doch herrscht durchaus Respekt vor, vor einer Stadt, die man als einzige in der deutschen Schweiz noch als satisfaktionsfähig betrachtet. In der Regel aber haben die Zürcher von Basel kaum etwas zu berichten, man kennt die Stadt nicht. Man versteht sie nicht.

Unaufhaltsamer Aufstieg

Was den Erfolg der Zürcher ausmachte, war im 19. Jahrhundert nicht nur die bessere Lage im entstehenden Nationalstaat Schweiz, sondern auch die Tatsache, dass die Stadt sich viel offener gab – und bis heute bleibt: Wer aus der Schweiz nach Zürich immigriert, wird rasch eingeschmolzen und verzürchert, wogegen Basel sich als eine stachlige Heimat für Zuzüger erweist, besonders für Schweizer ironischerweise. Dass man hinter dem Jura – oder je nach Standpunkt – vor dem Jura zuhause ist, also in Europa und nicht hinter den sieben Bergen, lassen die Basler die übrigen Eidgenossen, besonders gern die Zürcher immer spüren. Dass Basel damit aber auch auf sich selbst verwiesen blieb und manche Talente nicht hierherkamen, sondern stattdessen in Zürich landeten und die Stadt entwickelten: Das war die unerwünschte Folge dieses eigensinnigen Lokalpatriotismus. Warum wirkte Basel so verschlossen – obschon das eigene Selbstverständnis solches kaum vorsah?

Es liegt – wie so vieles – an der unsinnigen Kantonstrennung vor mehr als 150 Jahren. Während die Stadt Zürich von ihrer Landschaft politisch erobert wurde, und die alten herrschenden Familien der Stadt auf immer ihren Vorrang einbüssten, gelang es ihren Kollegen in Basel, sich an der Macht zu halten – und zwar recht lange, wenn informell nicht gar ein bisschen bis heute. Der Basler Daig, legendär und sagenumrankt, darf in der Schweiz als letzte städtische Elite gelten, die man überhaupt noch wahrnimmt. Nach wie vor leisten sie sich mit den Liberalen sogar eine Art eigener Partei, was in der Schweiz ohne Beispiel ist. Ihr Triumph und ihre Misere zugleich setzten im Jahr 1833 ein.

Als die Baselbieter in den 1830er-Jahren mehr Rechte forderten, wie das in manch anderen Kantonen geschah, wehrten die arroganten, konservativen Stadtbasler jede Konzession ab: Lieber liessen sie sich auf einen Bürgerkrieg ein, den sie grandios verloren, lieber nahmen sie hin, dass die verachteten Basellandschäftler einen eigenen Halbkanton gründeten, als dass sie nachgegeben hätten. Wenn Basel etwas geschadet hat, dann dieser Verlust des eigenen Hinterlandes – und zwar nicht aus territorialen Gründen, sondern aus politischen. Indem die Basler die Baselbieter ziehen liessen, verlängerte sich die Herrschaft der Konservativen in der Stadt auf Jahrzehnte hinaus. Ein paar wenige Familien, deren Namen jedem Basler noch heute geläufig sind, bestimmten das Geschehen fortan, während in Zürich, ja selbst im einst so aristokratischen Bern die alten Führungsschichten längst an den Rand gedrückt worden waren. Aufsteiger, Zuzüger, Aussenseiter, Spinner und Hochbegabte hatten es künftig immer leichter, in Zürich akzeptiert zu werden als in Basel – das zwar vornehmer blieb, aber auf Dauer an Spannkraft und sozialer Wettbewerbskraft verlor. Der typische Zürcher ist oft ein Aargauer, Luzerner, Bündner, Italiener, Deutscher oder St. Galler – und manche der reichsten und mächtigsten Familien der Zürcher Geschichte stammten aus so banalen Dörfern wie Horgen oder Rüti oder Hinwil.

Wem die Stunde schlägt

Wenig drückt den Unterschied zwischen den beiden Städten vielleicht besser aus als ihre beiden wichtigsten Volksfeste: In Basel ist die Fasnacht ein Anlass, der gerade auch Zuzügern offen steht. Wer in Basel ankommen möchte, schliesst sich mit Vorteil einer Clique an, und das ist durchaus möglich, ohne dass man sich allzu fest verbiegen müsste – wogegen es einem Zuwanderer und Aufsteiger ungleich schwerer fällt, in den Daig einzudringen, wenn es nicht überhaupt undenkbar ist. Jahrhunderte sind einzusetzen.

In Zürich dagegen ist es gerade umgekehrt: Wer hier einwandert, wird sehr rasch und spurlos aufgenommen, auch an oberster Stelle. Ob er Zürcher Dialekt spricht oder nicht, interessiert keinen Menschen, und die Namen der alten Zürcher Familien sind wenigen Historikern bekannt. Nur ein einziges Mal im Jahr, dann aber sehr gut sichtbar, herrschen die alten Verhältnisse, nämlich am Sechseläuten, dem Frühlingsfest der Stadt, nein: der Zünfte, das am kommenden Montag stattfindet. Es mutet manchmal an, als ob man symbolisch das längst entmachtete Regiment, wie die alte Führungsschicht des 18. Jahrhunderts genannt wurde, über ihren Absturz hinwegtrösten wollte: Einmal im Jahr dürfen die Vertreter des alten Zürich in lustigen oder kuriosen Kostümen durch die Stadt stolzieren, während die Parvenus von auswärts am Strassenrand stehen und ihnen zuklatschen. Es hat etwas zutiefst Ziviles, wie Zürich die Konservativen vertrieben hat und doch sie jedes Jahr feiert. Am Ende, kurz vor sechs Uhr, dürfen die Zünfter um den Böögg reiten, bis er explodiert. So wie die eigene Macht damals im 19. Jahrhundert explodiert ist.

In Basel kam es nie dazu. Dass der Kanton nun als Gast am Zürcher Sechseläuten teilnimmt, hat so gesehen etwas Stimmiges. Noch können die Basler von den Zürchern lernen, wie man die eigene Führungsschicht Jahr für Jahr in die Luft sprengt. (Basler Zeitung)

Erstellt: 14.04.2018, 07:35 Uhr

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