«Im Mittelalter hätte es eine Hexenjagd gegeben»

Eine Fachfrau erklärt, warum die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) so harsch kritisiert werden. Das Tötungsdelikt von Flaach treffe die Gesellschaft in ihrem Innersten.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nach dem Tötungsdelikt von Flaach zeigt sich einmal mehr: Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) stehen am Pranger und nicht die geständige Mutter der beiden getöteten Kinder. Warum reagieren viele Menschen so?
Flavia Frei (Leiterin Geschäftsfeld Politik bei der Stiftung Kinderschutz Schweiz): Wenn Kinder umgebracht werden, geht das ans Lebendige einer Gesellschaft. Das trifft mitten ins Herz. Viele denken: Eine Mutter, die ihre Kinder tötet – das darf doch einfach nicht sein. Sie reagieren, indem sie reflexartig nach den Schuldigen suchen. Im Mittelalter hätte es eine Hexenjagd gegeben. Heute bieten die sozialen Medien das Ventil, um sich Luft zu machen.

Sie sagen Hexenjagd. Für viele Menschen ist aber nicht die Mutter, sondern sind die Behörden, die Kesb, schuld. Warum?
Das hat wahrscheinlich auch viel mit unserem historischen Gedächtnis zu tun: Behörden werden ganz grundsätzlich als etwas Negatives empfunden. Das gilt ja zum Beispiel auch für die Steuerbehörden. Obwohl wir wissen, dass es ohne Steuern keine Schulen oder Strassen gäbe, mögen wir die Steuerbehörden nicht.

Aber die Kesb sind ja zum Schutz der Kinder da. Das ist doch ein sympathisches Anliegen.
Unsere Gesellschaft hat auch schon negative Erfahrungen mit Kinderschutzbehörden gemacht. Etwa als im Rahmen der Aktion Kinder der Landstrasse Hunderte Kinder ihren fahrenden Eltern weggenommen wurden. So etwas prägt sich ein.

Die heutigen Kesb agieren ganz anders. Wollen das die Menschen nicht sehen?
Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus der Praxis: Bei der Stiftung Kinderschutz Schweiz erhalten wir viele Anrufe von Leuten, die uns von misshandelten Kindern in ihrer Umgebung berichten. Zum Beispiel eine Nachbarin, die die Kinder in der Wohnung nebenan jeden Tag schreien hört, die hört, wie zugeschlagen wird. Wenn wir dann den Anrufern vorschlagen, bei den Behörden eine Gefährdungsmeldung zu machen, wird es am anderen Ende der Telefonleitung oft ganz still.

Was passiert dann?
Viele Leute haben einfach Angst, in eine Familienangelegenheit anderer reingezogen zu werden. Sie wollen damit eigentlich gar nichts zu tun haben. Oder sie befürchten Racheakte. Sie ziehen sich dann lieber wieder zurück. Obwohl sie den Kindern eigentlich helfen wollen.

Umso zufriedener müsste die Gesellschaft sein, dass es die Kesb gibt, die in solchen Fällen aktiv werden.
Die Familie, die Kindererziehung ist eine der wohl intimsten Angelegenheiten. Da lässt man sich einfach nicht gerne reinreden. Die Vorstellung, dass sich da jemand einmischt, ist vielen Menschen zuwider.

Gibt es in anderen Ländern ähnliche Probleme?
Im Vergleich zu gewissen anderen Ländern agieren die Kesb äusserst zurückhaltend. In anderen Ländern greifen die Behörden viel schneller und viel heftiger ein. Die meisten Massnahmen in der Schweiz werden bei Scheidungen getroffen, wenn eine Beistandschaft eingerichtet wird. Andere Massnahmen sind viel niederschwelliger. Da geht es sehr oft zum Beispiel darum, dass ein Kind zweimal pro Woche in die Krippe geschickt wird, um die Familie zu entlasten. Oder dass die Eltern regelmässig zur Mütterberatung gehen sollen. Über solche Massnahmen, die sehr oft sehr positive Auswirkungen haben, wird einfach nie berichtet.

Nun sind die Kesb wieder auf die politische Agenda gekommen. Es droht sogar eine Volksinitiative.
Die Sozialpolitik steht zurzeit ganz allgemein am Pranger. Oft geht es in dieser Diskussion um Geld. Dazu habe ich einen ganz persönlichen Verdacht: Soeben hat das Wahljahr begonnen, im Herbst sind nationale Wahlen. Die SVP hat die Sozialpolitik bereits zu einem ihrer Hauptthemen gemacht. Viele Politiker haben gemerkt: «Die Sozialpolitik trifft die Menschen im Innersten. Dort kann ich mich profilieren.» Das ist eine sehr gefährliche Entwicklung. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.01.2015, 11:59 Uhr

Artikel zum Thema

Die Dauerfehde der Bestseller-Autorin

Die Schriftstellerin Zoë Jenny macht Schlagzeilen wegen ihres Streits mit der Kesb. Die Gründe dafür liegen in ihrer familiären Situation. Mehr...

Flavia Frei ist Leiterin Geschäftsfeld Politik bei der Stiftung Kinderschutz Schweiz. (Bild: zvg)

Blogs

Mamablog Die nervigsten Kinderfiguren

Politblog 200-Meter-Riesen im Gegenwind

Das Immobilien-Portal für Basel und die Region

Die Welt in Bildern

Gut verpackt: Im Logistikzentrum von Amazon in Hemel Hempstead (England) warten Unmengen an Paketen auf die Auslieferung. (14. November 2018)
(Bild: Leon Neal/Getty Images) Mehr...