Lohndiskriminierung: Methode des Bundes «nutzlos»

Mit einer statistischen Auswertung will der Bund kontrollieren, ob Frauen und Männer gleich viel verdienen. Ein untaugliches Instrument, findet ein Rechtsprofessor.

Wenn Frauen weniger als Männer verdienen, wird oft eine Schwangerschaft als Grund genannt. (Symbolbild)

Wenn Frauen weniger als Männer verdienen, wird oft eine Schwangerschaft als Grund genannt. (Symbolbild) Bild: Keystone

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Die beiden Kammern des Parlaments debattieren darüber, wie geschlechtliche Lohngleichheit erreicht werden sollte. Gestritten wird um die Informationspflicht, um den Kontrollumfang (für Firmen ab 50, 100 oder 250 Mitarbeitern), ob die Kontrollpflicht ein Ablaufdatum haben sollte und was Firmen bei nachgewiesener Lohndiskriminierung ergreifen müssen. Kaum ein Thema war, ob die Lohnkontrollen überhaupt etwas taugen und was wirksame Alternativen wären. Am Donnerstag berät die zuständige Kommission das Geschäft.

Jetzt schaltet sich der Basler Rechtsprofessor Fritz Dolder ein. Er ärgert sich darüber, dass der Nationalrat im September, als er den Entwurf zum Gleichstellungsgesetz (GlG) beriet, keine Diskussion über die Kontrollmethode geführt hatte. «Das im Gesetzesentwurf stehende Instrument der statistischen Lohnanalyse ist meiner Ansicht nach nutzlos», sagt Dolder, der juristische Methodenlehre unterrichtet. Es liefere «kein Indiz und noch viel weniger einen Nachweis für Lohndiskriminierungen im Einzelfall». Es sei methodisch falsch, weil derartige statistische Lohnanalysen, sei es auf nationaler oder einzelbetrieblicher Ebene, «keinen Erkenntniswert für das Ermitteln und Beurteilen von Verletzungen des GlG im Einzelfall» hätten.

Einen solchen Nachweis braucht es, damit eine Frau vor Gericht klagen kann. Dolder sagt, dass selbst die in der Gleichstellungsfrage engagierte Anwältin Bibiane Egg in der Gewerkschaftspresse «Work» vom 15. Juni darauf hingewiesen hatte, dass trotz kollektiver Lohnanalysen gemäss Gesetzesentwurf die Frauen «eine allfällige Lohndiskriminierung im Einzelfall immer individuell nachweisen und einfordern müssen».

Es braucht Auskunftsrecht

Dolder bringt – im Unterschied zu gewissen Kritikern – eine «effiziente Alternative» ins Spiel. «Gegen Lohndiskriminierung hilft nur ein verbessertes Auskunftsrecht der betroffenen Frauen.» Das heisst, Frauen sollten das Recht erhalten, bei ihren Arbeitgebern anonymisiert die Lohnhöhe eines Mannes und einer Frau in vergleichbarer Stellung zu erhalten.

Das Parlament müsste nicht sehr weit suchen. Deutschland hat erst 2017 ein Gesetz zur Lohngleichstellung verabschiedet. Darin steht: «Beschäftigte haben zur Überprüfung der Einhaltung des Entgeltgleichheitsgebots einen Auskunftsanspruch» bei ihrem Arbeitgeber. Auf statistische Lohnkontrollen, auf die der Schweizer Entwurf sich stützt, wird in Deutschland verzichtet.

Hohe Fehleranfälligkeit

Dass die Deutschen darauf verzichten, habe laut Dolder gute Gründe. Die statistischen Lohnkontrollen liegen der sogenannten mehrfachen Regressionsanalyse zugrunde. Diese Methode lässt herausfinden, was die berufliche Eigenschaft einer Person finanziell wert ist, zum Beispiel die Ausbildung, das Alter, das Geschlecht, die Nationalität oder die Funktionsstufe im Betrieb.

Dolder sagt, dass im gleichen Betrieb die Ergebnisse zu den unerklärten Lohnunterschieden von Mann und Frau sehr unterschiedlich ausfallen können, je nach Fülle der Daten, der gewählten Kriterien und der Geschlechterverteilung.

Dolder macht zwei Beispiele, die zeigen, warum das Tool irren kann. Man stelle sich eine Grosswäscherei vor. 100 Frauen waschen, bügeln, flicken, verpacken und transportieren die Wäsche, alle arbeiten zu mageren Löhnen. Sechs Männer sitzen im Management. Alle sind wesentlich besser entlöhnt als die Frauen. «In einem solchen Fall wird die statistische Lohnanalyse keinen Lohnunterschied von Mann und Frau feststellen, denn die Löhne der Frauen werden untereinander verglichen, die der Männer ebenfalls», sagt Dolder. Die Lohndiskriminierung wäre in diesem Betrieb null. Ob die Frauen wirklich lohnmässig benachteiligt sind, könnte mit dieser Methode aber nicht festgestellt werden.

Zweites Beispiel? Ein Spital, wo nur gut verdienende männliche Ärzte tätig sind und mässig entlöhnte Krankenschwestern und Reinigungspersonal. «Auch in diesem Fall werden mit der statistischen Lohnanalyse keine diskriminierende Lohnunterschiede von Mann und Frau festgestellt werden.» Die statistische Methode schafft es, nur die Löhne der männlichen Ärzte miteinander zu vergleichen und die der Krankenschwestern separat. Eine Lohndiskriminierung wird nicht zum Vorschein kommen. Dies sind einleuchtende, einfache Beispiele. Es gebe auch komplizierte Varianten, um die systematischen Fehler zu erklären, sagt Dolder, der an der Uni Basel Methodenlehre unterrichtet, aber dafür müsste er «eine Vorlesung halten».

Sommaruga verteidigt Analysemethode

Sommaruga sagte an der Herbstsession im Parlament, dass die statistische Lohnanalyse von der Hochschule St. Gallen untersucht und für gut befunden worden sei: «Die HSG-Studie stellt das Lohngleichheits-Analyseinstrument nicht in Frage». SP-Ständerätin Anita Fetz (BS), akzeptiert den Vorwurf Dolders ans Parlament, die Lohnanalysen seien juristisch nicht wirksam. «Es stimmt, die Vorlage ist kein Ersatz für individuelle Lohnklagen». Doch ein wie von Dolder skizziertes Auskunftsrecht sei politisch chancenlos. Sie habe im Parlament ein solches beantragt, sei aber an der bürgerlichen Mehrheit gescheitert.

Zu der fachlichen Debatte um die Analysemethode könne sie sich «nicht kompetent äussern». Doch sie findet, dass bisherige Lohnanalysen sich in der Praxis bewährt hätten. «Sie wurden von mehreren Firmen während des freiwilligen Lohndialogs angewendet. Dabei haben einige der beteiligten Unternehmen zu ihrer eigenen Verblüffung festgestellt, dass es bei ihnen Lohnungleichheiten gibt». Alle Firmen hätten darauf reagiert und Massnahmen ergriffen.

Ein bürgerlicher Ständerat, der nicht genannt sein wollte, sagte die Vorlage sei «reiner Populismus» und bringe den Frauen «rein gar nichts». Er unterstützt Dolder mit seinem Vorschlag zum Auskunftsrecht: «Wenn, dann sollte Angestellten, egal ob Mann oder Frau, im Gesetz das Recht eingeräumt werden, anonymisiert die Referenzlöhne in eigenem Betrieb zu erhalten, damit sie oder er den Verdacht auf persönliche Diskriminierung klären kann».

Am Donnerstag entscheidet die zuständige Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur über das weitere Vorgehen. Die Vorlage kommt im November erneut in den Ständerat zur Differenzbereinigung. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 10.10.2018, 18:52 Uhr

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