Schweigen ist Gold

Der Bund kämpft an vorderster Front für die Minimierung von Quecksilber-Emissionen. Das ist widersprüchlich.

«Die fair hergestellte Menge Gold ist verschwindend klein.» Ein Minenarbeiter in La Pampa (Peru) gewinnt mit mithilfe von Quecksilber Gold aus dem Gestein.

«Die fair hergestellte Menge Gold ist verschwindend klein.» Ein Minenarbeiter in La Pampa (Peru) gewinnt mit mithilfe von Quecksilber Gold aus dem Gestein. Bild: Keystone

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Es ist eine kleine Meldung am Rande. Am dritten November 1959 berichtet die NZZ von einer «mysteriösen Krankheit der Fischer» in Minamata (Japan). Es sei eine Krankheit aufgetreten, deren Ursache nicht geklärt sei. «Das Volk führt sie auf die Verschmutzung des Meeres zurück, die von den Abfällen einer am Strand von Minamata gelegenen Düngerfabrik herrührt». Die Fischer dringen in die Fabrik ein, verwüsten sie und erheben gegen die Direktion den Vorwurf, für den Tod von 32 ihrer Kollegen verantwortlich zu sein. Die Fabrikdirektion führte die Gewässerverschmutzung auf Sprengkörper aus dem Zweiten Weltkrieg zurück.

Die Fischer sollten recht behalten. Heute ist die Vergiftung als Minamata-Krankheit bekannt, eine chronische Vergiftung durch organische Quecksilber-Verbindungen. Die Chemiefabrik am Strand bei Minamata entsorgte ihre Abfälle im Meer, darunter auch Quecksilber, das sich in den Algen anreicherte und schliesslich in den Fischen – dem Hauptnahrungsbestandteil der Menschen in Minamata. Die Symptome der Krankheit sind Schmerzen, später auch Lähmungen und Psychosen. Rund 17'000 Menschen wurden in Minamata vergiftet, je nach Schätzung geht man heute von Tausenden bis Zehntausenden Opfern aus.

Zähe Verhandlungen

Rund 60 Jahre später will der Bundesrat Verantwortung übernehmen. Nur wenige Wochen nach dem Inkrafttreten des sogenannten Minamata-Übereinkommens, der internationalen Quecksilber-Konvention, kämpft er dafür, das Sekretariat über das Übereinkommen in Genf anzusiedeln. Die Konvention setzt sich zum Ziel, die von Quecksilber ausgehenden Risiken für Mensch und Umwelt global zu vermindern.

Die Schweiz ist gemäss offizieller Offerte bereit, das Sekretariat jährlich mit 2,5 Millionen Franken zu finanzieren. Für den Bundesrat ist die Ansiedlung in Genf sinnvoll, da dort bereits das Kompetenzzentrum für Chemikalien und gefährliche Abfälle beherberge. Das erlaube, Synergien und Kosteneinsparungen zu erzielen. Das umweltverträgliches Management mit chemischen Abfällen sei für die Schweiz schon immer prioritär gewesen, heisst es in der Offerte weiter.

Über den Standort befanden die Mitgliedstaaten an der ersten Konferenz des Übereinkommens, die gestern in Genf endete. Eine zweite Bewerbung gab es nicht. Die Verhandlungen waren zäh. Eine rasche Lösung gab es offenbar nicht.

Effizient und verheerend

ASGM-Arbeiterinnen und Arbeitern kommen dabei täglich mit Quecksilber in Kontakt. Das Schwermetall wird für die Extraktion des Goldes aus Sand oder Gestein verwendet. Quecksilber und Gold gehen dabei eine Legierung ein, was die Extraktion des Edelmetalls massiv vereinfacht.

Das Amalgam wird schliesslich erhitzt, wobei das Quecksilber verdampft und das Gold zurückbleibt. Diese Methode ist günstig und effizient – für Mensch und Umwelt aber verheerend. Die Schutzausrüstung der betroffenen Arbeiter und Arbeiterinnen ist meist unzureichend, die Entsorgung der Abfälle unsachgemäss. Gemäss der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) stammt rund ein Drittel der globalen Quecksilber-Emissionen aus dem Goldkleinbergbau.

Rund 70 Prozent des global gehandelten Goldes wird in der Schweiz verarbeitet.Source

Die Schweiz ist die grösste Golddrehscheibe der Welt. Gemäss einer Studie des Center for Development and Cooperation der ETH Zürich wird jährlich Gold im Wert zwischen 65 und 110 Milliarden Franken in die Schweiz importiert, rund 70 Prozent des global gehandelten Goldes wird in der Schweiz verarbeitet. Vier der weltgrössten Goldraffinerien sind in der Schweiz angesiedelt: Argor – Heraeus SA in Mendrisio (TI), Metalor Technologies in Neuenburg, Pamp in Castel San Pietro (TI) und Valcambi (gehörte bis 2003 der Credit Suisse Group) in Balerna (TI).

Während Doris Leuthard mit dem Bundesamt für Umwelt an vorderster Front für das Minamata-Übereinkommen kämpft, sind die Bemühungen rund um den Goldhandelsplatz Schweiz, den schädlichen Einsatz von Quecksilber in diesem Sektor zu verringern, bescheiden.

Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) hat im März dieses Jahres bekannt gegeben, dass die sogenannte Better Gold Initiative, die sich zum Ziel gesetzt hat, im Goldkleinbergbau «verantwortungsvolle und transparente Wertschöpfungsketten» zu schaffen, auf Kolumbien und Ecuador ausgeweitet wird. Peru war das erste Land, in dem das Projekt umgesetzt wurde. Gemäss Seco sind die Ergebnisse positiv: Von 2013 (Projektstart) bis 2016 gelangten rund 1500 Kilogramm Rohgold aus zertifizierten Minen in die Schweiz.

Julia Büsser, Kampagnenleiterin Wirtschaft und Indigenenrechte bei der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) findet die Stossrichtung der Initiative des Seco und der Swiss Better Gold Association grundsätzlich richtig. «Doch die fair hergestellte Menge Gold ist im Vergleich zur weltweit geförderten Goldmenge verschwindend klein.» Es sei ein Tropfen auf den heissen Stein.

Nach wie vor gilt: Schweigen ist Gold. Erst seit dem Jahr 2014 ist der Import und Export von Gold in der Aussenhandelsstatistik der Schweiz aufgelistet. Seither sind die Goldmengen und die Herkunftsländer offiziell einsehbar – was die Transparenz in diesem Handelssegment aber nur bedingt vergrössert. Wie Public Eye (ehemals Erklärung von Bern) 2015 aufdeckte, gelangen jährlich mehrere Tonnen Gold aus Togo in die Schweiz. Nur: Im westafrikanischen Land wird gar nicht so viel Gold abgebaut. Offenbar stammt das Gold aus handwerklich betriebenen Minen in Burkina Faso, das grösstenteils von Kindern abgebaut wird. Das Gold wird nach Togo gebracht und wird schliesslich über eine libanesische Familie in die Schweiz exportiert.

Für Julia Büsser reicht die Aufschlüsselung der Goldimporte und -exporte in der Schweizer Aussenhandelsstatistik nach Ländern nicht aus: «Die Angaben müssten nach Lieferanten aufgeschlüsselt sein, damit sich eindeutig feststellen lässt, ob das importierte Gold aus heiklen Regionen stammt und womöglich illegal ist.» Die Verantwortung im Hinblick auf Transparenz werde zwischen dem Bund, den Raffinerien, den Importeuren und Endverarbeitern (Uhren- und Schmuckhersteller) hin und hergeschoben. «Wenn die Lieferanten aufgeführt wären, gäbe das gleichzeitig Hinweise auf die Region und ob das Gold industriell oder im Goldkleinbergbau gefördert wurden», sagt Julia Büsser. Im Übrigen sei der Umgang mit Goldhandelsdaten in Peru und Kolumbien wesentlich transparenter als in der Schweiz.

Handel trotz Exportverbot

Doch nicht nur der Goldhandel in der Schweiz steht im Widerspruch zu den offiziellen Bemühungen der Schweiz, den globalen Quecksilber-Ausstoss zu reduzieren. Die Schweiz beteiligt sich – im Gegensatz zur Europäischen Union – bislang nicht am internationalen Handelsverbot von Quecksilber. Wie der Beobachter 2014 enthüllte, gelangten damals 500 Tonnen deutsches Quecksilber trotz Exportverbot in die Schweiz und wurden von hier aus weiterverkauft.

Auch Projekte im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit gleichen einer Sisyphusarbeit. Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) hat in Ecuador, Peru, Bolivien und der Mongolei ein Projekt zum Goldkleinbergbau lanciert. So konnte der jährliche Ausstoss von Quecksilber kumulativ um elf Tonnen reduziert werden.

Nur: Alleine zwischen 2011 und 2015 hat die Schweiz dieselbe Menge Quecksilber nach Kolumbien exportiert, wo das Quecksilber gemäss eines Berichts des Bundesamtes für Umwelt im Goldkleinbergbau und folglich in der Umwelt landete. Insgesamt exportierte die Schweiz in diesem Zeitraum jährlich 110 Tonnen Quecksilber – gemäss der ETH-Studie grösstenteils in Schwellen- oder Entwicklungsländer.

Ist das Minamata-Übereinkommen eine Farce für die Schweiz? Nein, sagt Regula Rytz, Präsidentin der Grünen. Es sei wichtig, dass die Schweiz eine aktive Rolle spiele. «Denn das ist im Inland eine klare Trendwende: Bisher war die Schweiz eine Drehscheibe des legalen und illegalen Quecksilberhandels.» Bis zur Inkraftsetzung der neuen Verordnung könne allerdings weiterhin legal Quecksilber exportiert werden.

Regula Rytz kritisiert zudem den Widerspruch zwischen der Tätigkeit der Umweltbehörden und der Aussenwirtschaftspolitik. Schweizer Handelsunternehmen würden keine Verantwortung übernehmen für die Umweltschäden, die durch illegalen Goldabbau entstehen.

«Wir Grünen haben gefordert, den Handel mit Edelmetallen dem Geldwäschereigesetz zu unterstellen – es wurde aber abgelehnt.» Ein wirklicher Paradigmenwechsel werde hoffentlich die Konzernverantwortungs-Initiative bringen, fügt Rytz an.

Erst seit 2014 listet die Aussenhandelsstatistik der Shweiz Import und Export von Gold auf.

All das hat die Schweiz nicht davon abgehalten, mit Norwegen seit dem Jahr 2003 intensiv auf das Minamata-Übereinkommen hinzuarbeiten. Dabei geht es in erster Linie um technische Bestimmungen, die die Verwendung des Schwermetalls in Herstellungsprozessen und Produkten (wie etwa Halbleiter oder Batterien) sowie die Verminderung von Emissionen und die Behandlung von quecksilberhaltigen Abfällen strenger geregelt werden sollen. Auch der Handel mit Quecksilber soll reguliert werden. Die Schweiz hat das Minamata-Übereinkommen im Mai 2016 ratifiziert. Der Bund unterstützte das Abkommen mit 7,4 Millionen Franken.

Nun muss der Bund für das Minamata-Übereinkommen Änderungen in der Chemikalien-Risikoreduktions-Verordnung vornehmen. Die Vernehmlassung ist durch, die Verordnungen treten voraussichtlich im nächsten Jahr in Kraft. Der Bundesrat wird sich «im Herbst» dazu äussern. Er will zunächst die Ergebnisse der ersten Konferenz zum Minamata-Übereinkommen abwarten. (Basler Zeitung)

Erstellt: 29.09.2017, 11:38 Uhr

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