Synagogen leuchten im Gedenken an Naziopfer

Die Reichspogromnacht jährt sich dieses Jahr zum 80. Mal. Im Gedenken daran werden die Schweizer Synagogen am 8. November speziell beleuchtet.

Spätestens seit der Reichspogromnacht konnte jeder in Deutschland sehen, dass Judenhass Staatsdoktrin geworden war. Foto: akg-images

Spätestens seit der Reichspogromnacht konnte jeder in Deutschland sehen, dass Judenhass Staatsdoktrin geworden war. Foto: akg-images

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Es war die Nacht, als in Nazideutschland erstmals flächendeckend Synagogen brannten: die Reichspogromnacht vom 9. November 1938, die früher unter dem verharmlosenden Namen «Kristallnacht» bekannt war. Organisierte Schlägertrupps setzten 1400 Synagogen sowie jüdische Versammlungsräume und Geschäfte in Brand. Über 400 Menschen verloren ihr Leben, gegen 30'000 Personen wurden verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt.

Spätestens an diesem Tag konnte jeder in Deutschland sehen, dass Judenhass Staatsdoktrin geworden war. Die Pogromnacht markiert denn auch den Anfang der systematischen Vernichtung der Juden.

Immer weniger Zeitzeugen

In der Schweiz brannten keine Synagogen, wohl aber im grenznahen Ausland. So hat der damals 10-jährige Werner Merzbacher in Konstanz erlebt, wie die dortige Synagoge in Flammen aufging – wenige Hundert Meter von der Schweizer Grenze entfernt. «Die Feuerwehr musste zuschauen und durfte nicht löschen», sagt Merzbacher, der 1939 mit einer Gruppe jüdischer Kinder in die Schweiz einreisen konnte und heute in Zürich lebt.

Merzbacher durfte nach der Pogromnacht nicht mehr zur Schule, sein Vater wurde einen Monat lang im KZ Dachau inhaftiert. «Es gab schon vorher antisemitische Vorfälle, aber die Pogromnacht war der Auftakt zu noch viel Schlimmerem», sagt Merzbacher. Im Gegensatz zu ihm und seinem Bruder gelang Merzbachers Eltern die Flucht nicht. Sie wurden 1943 im KZ Majdanek ermordet.

Im Gedenken an die Pogromnacht werden dieses Jahr die Synagogen in Bern, Basel, Genf, Lausanne und Zürich bei Nacht von aussen speziell beleuchtet. Zusätzlich lassen weitere Synagogen und jüdische Betlokale das Innere der Gebäude beleuchten. «Mit diesem sichtbaren Zeichen wollen wir an die schrecklichen Ereignisse erinnern», sagt Jonathan Kreutner, Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes.

Jede Generation neu gefordert

Kreutner betont, dass es immer weniger Überlebende und Zeugen der Pogromnacht gebe. Gerade deshalb sei es wichtig, dass die Erinnerung an die grösste Katastrophe des 20. Jahrhunderts aufrechterhalten bleibe. «Die Reichspogromnacht und die Schoah sind ein untrennbarer Teil der europäischen Geschichte und damit auch der Schweizer Geschichte», sagt Kreutner. Da der 9. November dieses Jahr auf einen Freitag fällt, auf den Beginn des Schabbats, finden die Gedenkanlässe bereits am 8. November statt.

Für den Basler Historiker Jacques Picard ist jede Generation neu gefordert, sich die Frage zu stellen, was der Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus für sie bedeute. Je länger der Abstand zur NS-Zeit sei, desto anspruchsvoller werde dies. Er begrüsse es, dass mit den beleuchteten Synagogen sichtbar an das Fanal von 1938 erinnert werde, sagt Picard, der Mitglied der unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg war.

Erinnerungskultur unter Druck

Dass die Erinnerungskultur unter Druck geraten kann, ist derzeit in diversen Ländern Europas festzustellen – nicht nur in Deutschland, wo AfD-Ex­ponent Björn Höcke letztes Jahr eine «erinnerungspolitische Wende um 180 Grad» gefordert hatte. Picard vertraut jedoch darauf, dass die Zivilgesellschaft genug stark sei, solchen Stimmen Einhalt zu gebieten.

Ein Defizit ortet der Historiker beim Gedenken an Schweizer Opfer des Nationalsozialismus. So seien mehrere Hundert Schweizer in den von Deutschland besetzten Gebieten dem ­Naziterror zum Opfer gefallen – wegen ihres jüdischen oder christlichen Glaubens oder weil sie das Regime kritisierten. «Das Schicksal dieser Menschen ist zu wenig bekannt», sagt Picard. ­Zusammen mit weiteren Historikern der früheren Expertenkommission hat er im September dem Bundesrat einen Brief geschrieben, in dem er eine ­öffentliche Anerkennung dieser Menschen als Opfer des Nationalsozialismus fordert. 

Infos zu den Gedenkanlässen vom 8. November: Swissjews.ch (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 18.10.2018, 06:22 Uhr

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