Vom völkerverbindenden Wert des Fondues

Donald Trump in Davos. Was die Schweizer Regierung nun tun muss. Ein Memo.

Die USA sind nach Deutschland unser zweitwichtigster Handelspartner, und angesichts des Trump-Booms nehmen sie in Zukunft wohl an Bedeutung zu.

Die USA sind nach Deutschland unser zweitwichtigster Handelspartner, und angesichts des Trump-Booms nehmen sie in Zukunft wohl an Bedeutung zu. Bild: Keystone

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Von den Israelis lernen. Als die Israelis bemerkten, wie die Saudis den amerikanischen Präsidenten Donald Trump mit allerhand mittelalterlichen Ehrenbezeugungen (Säbeltanz) und Beduinen-Klamauk, Wüsten-Food und folkloristischen Kostümen zu einem Staatsbesuch empfingen, stellten die Organisatoren in Jerusalem sofort um: aus einem eher nüchternen, anti-enthusiastischen Prozedere, das die Israelis sonst etwa den Westeuropäern vorführen würden, machten sie eine ansehnliche militärische Parade mit Musik und Pomp und Uniformen und etwas Glamour, sodass Trump sich sogleich angesprochen fühlte.

Der Mann des schnellen Tweets und des noch etwas grösseren Egos war gut im Judenstaat angekommen – was, wie wir inzwischen festgestellt haben, sich für die Israelis ausgezahlt hat. Jerusalem wurde kurz vor Weihnachten von der amerikanischen Regierung (zu Recht) als offizielle Hauptstadt Israels anerkannt. Auch wir Schweizer haben das eine oder andere Anliegen an die USA.

Wenn in wenigen Tagen also Donald Trump in die Schweiz kommt, um in Davos das World Economic Forum des genial-geschmeidigen Klaus Schwab zu besuchen, dann sollte sich die Schweiz an den Israelis ein Beispiel nehmen. Gefordert ist insbesondere Alain Berset, unser gegenwärtiger Bundespräsident, der, so Donald will, den Präsidenten der USA zu einem kurzen Gespräch treffen dürfte.

Wenn ein Land weiss, wie man seine Sturheit und konservative Skurrilität verkauft, dann die Schweiz.

Berset, ein kluger, etwas zu geschliffener Mann in sehr engen Anzügen, neigt zum postnationalen Beton-Chic, wie ihn die Sozialdemokraten mögen: einsame Le-Corbusier-Liege fröstelt in einem sonst leeren, hellen Raum, wo kein Staub sich zu setzen traut, an der Wand hängt abstrakte Kunst eines angeblich linken Künstlers, der sich als Freund herausstellt. Diese Schweiz sollte Berset Donald Trump nicht unbedingt zeigen, sondern wie die Israelis und Saudis sollte er das tun, was unsere Hoteliers und Bergführer im 19. Jahrhundert erfunden haben. Die Engländer kamen damals nicht in die Alpen, um das Gleiche zu sehen wie in London, sondern sie besuchten die knorrigen Bergler mit ihren knorrigen Sitten. Just splendid.

Also: Treichler auffahren, Alphörner blasen, Appenzeller Musik, Fondue, viele, viele schöne Fahnen, am besten alle Kantone, und wenn es geht, ein paar Schweizergardisten aus Rom einfliegen. Trump hat eine katholische, gläubige Frau (Melania), Trump würde es entzücken, einem reellen Schweizergardisten den militärischen Gruss zu erwidern. Und sollte der Papst Schwierigkeiten machen: Bärtige Eidgenossen in rotweissen Uniformen mit Hellebarden tun es auch.

Ich meine das alles nur halbironisch. Wenn ein Land weiss, wie man seine Geröllhalden, seine Sturheit und konservative Skurrilität verkauft, dann eigentlich die Schweiz – und wenn es einen Staatsgast gibt, der das schätzt, dann Donald Trump, oder besser: der das zugibt. Denn welcher Ausländer ist nicht hingerissen, wenn er das Schmettern des Jodlers und das Gewitter des Treichlers hört?

Geschäftsleute unter sich

Sobald dieser Teil des Protokolls erfolgreich absolviert ist, sollten unsere Bundesräte, sofern sie ins Gespräch kommen, sofort zum Geschäftlichen übergehen, wie es ein Business Man wie Trump gewöhnt ist. Für diesen Teil sollte Berset, der wirtschaftsferne Politologe, sich zurücknehmen und dem ehemaligen Unternehmer Johann Schneider-Ammann den Vortritt überlassen, ebenso dem ehemaligen Volg-Filialleiter Ueli Maurer und dem ehemaligen Weinbauern Guy Parmelin, also alles Leute, die wissen, was ein Kunde ist, weil sie in ihrem Leben schon einmal auf einen Kunden angewiesen waren, dem sie etwas verkaufen wollten – was die meisten ihrer Kollegen in der Landesregierung noch nie erfahren haben.

Es gibt keine bessere Schule: Nirgendwo sonst erlernt man diese Mischung scheinbar gegensätzlicher Verhaltensweisen, wie sie das Geschäftsleben erfordert. Man muss weich, charmant und hart, egoistisch und altruistisch zugleich sein, man muss sich in den anderen hineinfühlen, damit man seine eigenen Interessen durchsetzen kann. Trump ist kein Kunde, sondern ein Präsident inzwischen, aber er bleibt ein Geschäftsmann, der diese Sprache versteht: Was ist mein Vorteil, was bieten Sie mir, was kann ich für Sie tun?

Der Riese

Um Donald Trump klarzumachen, was wir ihm bieten könnten, genügen zwei Zahlen: 2014 war die Schweiz der drittwichtigste ausländische Investor in den USA, nur die Niederlande und Japan übertrafen uns, wogegen Deutschland, Frankreich oder Grossbritannien hinter uns lagen, ja selbst Kanada investierte weniger in den USA als die Schweiz, obwohl das Land in der Nafta ist und somit ein gemeinsames Freihandelsgebiet mit den USA und Mexiko bildet.

Wenn wir zweitens den sogenannten Kapitalstock betrachten, ist das Gewicht unseres kleinen Landes genauso eindrücklich. Unter dem Kapitalstock versteht man alle Investitionen, die etwa Schweizer Unternehmen in der Vergangenheit bis ins Jahr 2014 vorgenommen haben, mit anderen Worten, wenn etwa Roche oder Nestlé vor Jahrzehnten in Amerika eine Fabrik errichtet haben, zählt das zu diesem über die Jahre angewachsenen Kapitalstock.

Ziehen wir diese Statistik in Betracht, liegt die Schweiz auf Rang sieben, hinter Grossbritannien, Japan, den Niederlanden, Kanada, Luxemburg, Deutschland – aber vor Frankreich und allen übrigen Ländern dieser Welt. Man stelle sich das einmal vor: bis 2014 hat die Schweiz in den USA insgesamt 224 Milliarden Dollar investiert, das ist praktisch gleich viel wie Deutschland, das ebenfalls gerundet etwas über 224 Milliarden Dollar in den USA ausgegeben hat. Deutschland ist zehn Mal so gross wie die Eidgenossenschaft.

Was wollen wir von Amerika?

Dass Luxemburg (und die Niederlande) im Übrigen so prominente Investoren sind, liegt auch an steuerlichen Gründen, manche, eigentlich amerikanische Firma hat in diesen Ländern einen Steuersitz; diese Möglichkeiten spielen bei den Schweizer Zahlen bestimmt auch eine Rolle, aber angesichts der Bedeutung der schweizerischen Industrie, insbesondere der Pharma, und der Banken und Versicherungen, dürften diese von weniger statistischem Einfluss sein.

Mit anderen Worten: Wenn es darum geht, einem amerikanischen Präsidenten den Reiz der Schweiz zu erklären, einem Präsidenten notabene, dem nichts mehr am Herzen zu liegen scheint als der Erfolg der amerikanischen Wirtschaft, dann haben unsere Maschinenbauer, Detailhändler und Weinbauern im Bundesrat hervorragende Argumente. Was wollen wir von Amerika?

Eine Wunschliste

Zum Beispiel sollte Wirtschaftsminister Schneider-Ammann auf jeden Fall die Idee eines Freihandelsabkommens zwischen der Schweiz und den USA auffrischen. Vor einigen Jahren, so wurde es dargestellt, scheiterte dieses Projekt, unter anderem am Widerstand der hiesigen Landwirtschaft. Womöglich ist es einfacher, Trump von gewissen Ausnahmen in diesem Bereich zu überzeugen, zumal Protektionismus ihm nicht ganz fremd ist. Ausserdem, seien wir ehrlich, der schweizerische Agrarmarkt ist winzig, die Amerikaner hatten die EU im Visier, sie können ohne Fleischexport in die Schweiz leben.

Zweitens wäre es klug, wenn Finanzminister Ueli Maurer gewisse gegenseitige Marktöffnungen im Bereich der Finanzdienstleistungen zur Diskussion stellte – auch hier lägen gemeinsame Interessen vor. Schliesslich hätte Parmelin einige sozusagen hochfliegende Überlegungen einzubringen, falls es nötig würde, die Amerikaner, insbesondere Donald Trump, zu Konzessionen zu bewegen: Unsere weltbeste Armee, die sich in Davos hoffentlich von ihrer weltbesten Seite zeigt, benötigt dringend neue Kampfflugzeuge, und es gibt in den USA manch eine Firma, die sehr gern und gut liefern würde. Warum ein schwedisches, französisches oder europäisches Flugzeug, wenn wir mit einer Bestellung in Amerika andere, politische und wirtschaftliche Vorteile uns einhandeln können?

Viertens wäre es für unsere Hochschulen attraktiv, die Beziehungen zu den amerikanischen Universitäten zu vertiefen. Was brauchen wir Horizon und Erasmus, was es unseren Forschern und unseren Studenten erlaubt, mit allenfalls drittklassigen europäischen Universitäten zusammenzuarbeiten? Die ETH Zürich und die EPFL in Lausanne sind die besten Hochschulen des europäischen Kontinents: Sicher hätten sie den weltbesten Universitäten in Amerika etwas zu bieten – und umgekehrt.

Die USA sind nach Deutschland unser zweitwichtigster Handelspartner.

Last but not least: Warum überlegen wir uns nicht ein spezielles Einwanderungsregime für gefragte Amerikaner? Und im Gegenzug gäbe es für Schweizer Staatsbürger einen erleichterten Zugang zum amerikanischen Arbeitsmarkt. Keine Personenfreizügigkeit, natürlich nicht, die USA haben mehr als 300 Millionen Einwohner, während wir ein demografischer Zwerg sind, aber warum nicht ein begrenztes Liberalisierungsprogramm für eine begrenzte Anzahl von Schweizern und Amerikanern? Es würde beiden Seiten viel bringen.

Die USA sind nach Deutschland unser zweitwichtigster Handelspartner, und angesichts des Trump-Booms nehmen sie in Zukunft wohl an Bedeutung zu: Kurz, Alain Berset, es liegt eine würdige Aufgabe vor Ihnen. Bestellen Sie Fahnen und organisieren Sie ein paar gute Treichler. Ob der Kanton Fribourg solche anzubieten hat, entzieht sich meinen heimatkundlichen Kenntnissen, sicher aber haben Sie sehr gutes Fondue. Warum kein Moitié-Moitié? Es würde Trump und sein Gefolge für einige lange Stunden an unser Land fesseln. (Basler Zeitung)

Erstellt: 13.01.2018, 08:23 Uhr

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