Die Hausfrau als Feindbild und Rollenmodell

Die Debatte um die Familieninitiative wird stellenweise mit absurder Verbissenheit geführt. Wer den Text jener Initiative liest, fragt sich freilich: Warum diese Aufregung?

Helvetisches Idyll. Beim Streit um die Familieninitiative geht es vor allem um die Rolle der Frau und um das Wesen der Familie.

Helvetisches Idyll. Beim Streit um die Familieninitiative geht es vor allem um die Rolle der Frau und um das Wesen der Familie. Bild: Keystone

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Es scheint, als seien die schärfsten Worte gerade scharf genug, um auszudrücken, was auf dem Spiel steht: Von «Kulturkampf» ist verschiedentlich die Rede, selbst von «Krieg». Kein Zweifel, wir befinden uns auf ideologisch schwer vermintem Gelände: Die Frage, wie Kinder aufzuziehen seien, ist eine Glaubensfrage, und das nicht erst, seit die Emanzipation der Frau in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ihren eigentlichen Durchbruch erlebte: Wilhelm II., der deutsche Kaiser, soll es gewesen sein, der die Rede von den «drei K» prägte, worunter «Kinder, Küche und Kirche» zu verstehen waren, die kleine Welt also, in der sich das Leben einer Frau gemäss dem Willen des Herrschers abzuspielen hatte.

Vollends in schlechte Gesellschaft geriet das Familienbild, das heute gemeinhin als «das traditionelle» bezeichnet wird, dann im Dritten Reich: «Dem Führer ein Kind schenken», lautete nun ein offiziöses Motto, und ein Mutterkreuz wurde an Frauen vergeben, die mindestens vier Kinder geboren hatten, vorausgesetzt, diese waren «deutschblütig» und «erbtüchtig», wie es im Jargon des Regimes hiess.

Eine deutschsprachige Debatte

Derartige Reminiszenzen an dunkle Zeiten könnten erklären, warum die Debatte um das vermeintlich richtige Familienmodell vor allem im deutschen Sprachraum auf beiden Seiten der Barrikaden mit so viel Erregung geführt wird. Ein Brite oder Amerikaner würde wohl kaum verstehen, warum es Sache der Öffentlichkeit sein sollte, private Lebensmodelle zu diskutieren.

Hierzulande (wie auch in Deutschland und Österreich) sieht man dagegen entweder die Familie in Gefahr oder aber alle Errungenschaften der feministischen Revolution. «Die Verstaatlichung des kostbarsten Raumes von Privatheit, der zarten Intimität und Schutzbedürftigkeit der Familie ist ein weiteres Symptom dafür, mit welcher Härte dem Staat Sozialisationsmaterial zugeschoben werden soll», wütet etwa der konservative deutsche Feuilletonist Ulf Poschardt in der «Welt» – ganz so, als wären die Gesellschaften Westeuropas dabei, sich dem antiken Kriegerstaat Sparta anzugleichen, wo Eltern ihre Söhne im Alter von sieben Jahren zwangsweise der Obhut des Gemeinwesens überlassen mussten. Das andere, ebenso überdrehte Extrem finden wir in einem Communiqué der SP Schweiz: Klartext müsse gesprochen werden, heisst es dort markig und weiter: «Mit der SVP-Familieninitiative sollen die Frauen wieder zurück an den Herd!»

Wer den Text jener Initiative liest, fragt sich freilich: Warum diese Aufregung? «Eltern, die ihre Kinder selber betreuen, muss für die Kinderbetreuung mindestens ein gleich hoher Steuerabzug gewährt werden wie Eltern, die ihre Kinder fremd betreuen lassen», lauten die 25 Worte, um welche die Bundesverfassung ergänzt werden wird, sollte das Volk am 24. November denn zustimmen.

Das Ziel sei Wahlfreiheit, versichert SVP-Präsident Toni Brunner. Seine Partei habe nichts gegen Eltern, die ihre Kinder fremd betreuen liessen, beteuert er mit einer defensiven Zurückhaltung, die sich auffällig vom gewohnt rustikalen Stil der SVP abhebt.

Verbale Abrüstung

Durch verbale Abrüstung macht sich Brunner zum Teflon-Toni, der denen, die ein vermeintlich überkommenes Familienbild seiner Partei an die Wand malen, prophylaktisch den Wind aus den Segeln nimmt. Unangenehme Fragen könnte man der SVP dennoch stellen, vor allem die, ob es zu einer Partei, die ja sonst gerne dem ökonomischen Liberalismus das Wort redet, passt, mittels Steuerabzügen das Verhalten der Bürgerinnen und Bürger staatlich lenken zu wollen.

Doch solche Fragen bleiben vorderhand ordnungspolitischen Feinschmeckern vorbehalten. Lieber streitet man über die Hausfrau, die den einen als Feindbild erscheint, als Gespenst, das es zu bannen gilt, auf dass die Dämonen einer voremanzipatorischen Vergangenheit nicht aus den Ritzen kriechen. Dagegen steht die Hausfrau als Vorbild aus der vermeintlich guten alten Zeit, als Rollenmodell, das es so in der Realität nur in Ausnahmefällen gegeben hat, denn gar keiner Erwerbsarbeit nachzugehen war vor einigen Jahrzehnten noch ein Luxus, der Damen aus den höheren Ständen vorbehalten blieb. (Basler Zeitung)

Erstellt: 08.11.2013, 12:13 Uhr

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