An’Nur-Moschee muss schliessen

Die Vermieter lassen den Vertrag mit dem umstrittenen Gotteshaus auslaufen. Der Islamverein findet keinen neuen Ort.

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In der Moschee des Lichts gehen die Lichter aus. Die Winterthurer An’Nur (Arabisch für «das Licht») muss voraussichtlich Ende Jahr schliessen. Der gleichnamige islamische Kulturverein gibt sein Gotteshaus in einem Industriegebäude beim Bahnhof Hegi nicht freiwillig auf. Er wird von den Vermietern dazu gezwungen: Die kleine Immobilien­firma weigert sich, den langjährigen Mietvertrag mit der Moschee zu erneuern. Dies bestätigt Atef Sahnoun vom An’Nur-Verein auf Anfrage.

Die Moscheebetreiber suchen ein neues Lokal – intensiv und bislang erfolglos. Nun hoffen sie, den auslaufenden Mietvertrag verlängern zu können. Dies wollen sie – so kündigen sie an – notfalls auch juristisch durchsetzen. Doch dafür besteht wenig Hoffnung. Vor wenigen Tagen wurden bereits die ­Hinweise auf An’Nur an der Eingangstür des Gebäudes entfernt, wie ein Augenschein vor Ort zeigt.

Die Vermieterin will sich nicht zum Mietverhältnis äussern, «aus Datenschutzgründen». Deutlich macht sie einzig, es sei ursprünglich nicht vorgesehen gewesen, dass an der Hofackerstrasse 17 eine Moschee betrieben werde.

Bis Ende 2014 blieb es ruhig

Atef Sahnoun macht für den faktischen Rausschmiss die Medien verantwortlich. «Die reisserische Berichterstattung ist schuld daran, dass unser Mietvertrag nicht verlängert wurde», sagt er. «Wir haben uns als Mieter immer korrekt verhalten und alle Rechnungen pünktlich bezahlt.» Im Industriegebäude in Winterthur-Hegi belegt An’Nur seit rund acht Jahren eine grosse Fläche im ersten Stock. Weiter sind Kleinbetriebe, meist Handwerker, eingemietet.

Jahrelang war es um An’Nur ruhig geblieben. Die Moschee tauchte nur vereinzelt in den Medien auf.

Dies sollte sich Ende 2014 schlagartig ändern: Kurz vor Weihnachten wurde bekannt, dass zwei minderjährige Geschwister aus Winterthur in den Irak und nach Syrien gezogen waren. Vor ihrer Reise verkehrten sie unter anderem in der An’Nur-Moschee. Das Mädchen und der junge Mann sind mittlerweile in die Schweiz zurückgekehrt. Gegen sie wurde ein Strafverfahren wegen Unterstützung des IS eröffnet.

Seit dem Verschwinden der Geschwister wird das Gotteshaus intensiv beobachtet, von der Polizei und von Journalisten. Mittlerweile verzeichnet die Schweizerische Mediendatenbank zur Winterthurer An’Nur über 400 Texte in Deutschschweizer Print- und Online-titeln. Kaum einer ist positiv.

Umstrittener Imam

Ein Name stand immer wieder im Zentrum der medialen Anschuldigungen: Abu Mohammed. Der erfahrene Imam der An’Nur-Moschee galt als treibende Kraft in der Radikalisierung Jugend­licher in Winterthur. Interpol führte ihn wegen möglicher früherer terroristischer Aktivitäten auf einer Liste, wie die «SonntagsZeitung» enthüllte.

Abu Mohammed und die Moscheebetreiber wiesen Radikalisierungsvorwürfe stets zurück. Fakt ist aber, dass Abu Mohammed früher Kontakte zum Iraker Wesam A. pflegte. Im Frühjahr 2016 hat das Bundesstrafgericht A. als IS-Unterstützer und Teil der Schaffhauser Terrorzelle zu dreieinhalb Jahren ­Gefängnis verurteilt. Bekannt wurde nach und nach auch, dass auch mehrere Erwachsene in der An’Nur-Moschee ­gebetet hatten und danach zur Terror­organisation IS nach Syrien gezogen waren. Etwa C. I. aus Winterthur-Wüflingen. Der schweizerisch-italienische ­Doppelbürger prahlte auf Facebook mit dem Kopf eines Hingerichteten.

Eine Rolle im Umfeld der An’Nur-Moschee spielte auch der Winterthurer S. V. Der 30-Jährige, der in den Medien als «Islamisten-Leitwolf» bezeichnet wurde, wohnte in unmittelbarer Nähe des ­Vereinslokals. Zurzeit befindet er sich in Untersuchungshaft. Es existieren Bilder von ihm als Schwerbewaffnetem in ­Syrien. S. V. bestreitet, für den IS aktiv gewesen zu sein.

Die Moschee stand auch im Zusammenhang mit dem Thaibox-Weltmeister Valdet Gashi. Der Süddeutsche führte 2014 in Winterthur Kampftrainings nach islamistischen Regeln durch. In dieser Zeit besuchte Gashi die An’Nur-Moschee. Kurze Zeit später zog er nach ­Syrien und schloss sich dem IS an. Er und der Italoschweizer C. I. wurden für tot erklärt.

Die fortlaufenden Negativmeldungen zogen in der An’Nur-Moschee personelle Konsequenzen nach sich. Im Januar 2016 warf Präsident Atef Sahnoun offiziell das Handtuch. Bis heute gibt er aber für den Verein Auskunft. Er tue dies als normales Mitglied, betont er.

«Fast nur noch Radikale»

Im Frühjahr 2016 trat Shaikh Wail die Nachfolge von Imam Abu Mohammed an. Die Schlagzeilen blieben negativ. Ein Undercoverjournalist machte kürzlich in der der «SonntagsZeitung» extremistische Passagen aus Predigten des neuen Vorbeters publik. Shaikh Wail wurde als Imam abgesetzt – gemäss den An’Nur-Verantwortlichen aus finanziellen Gründen.

Mit ihrem Verein wollen andere Moscheen aus der Region nichts mehr zu tun haben. Zuletzt hat An’Nur laut dem Winterthurer SP-Politiker Blerim Bunjaku auch Mitglieder verloren, vor allem gemässigte. «An’Nur kämpft ums Überleben», sagt Bunjaku, welcher sich seit Jahren gegen Extremismus einsetzt, «es verkehren dort fast nur noch radikale Islamisten».

Einige von ihnen haben bereits Erfahrung mit einem Rausschmiss durch Vermieter. 2008 musste die Arrahma­-Mosche, die als Vorgängerin der An’Nur gilt, schliessen. Zuvor hatte es eine Razzia im damaligen Gebetslokal im Winterthurer Stadtteil Veltheim gegeben.

Prediger in der Arrahma-Moschee war der umstrittene Abu Mohammed gewesen, der später in der An’Nur vorbetete. Die Polizei griff in der Arrahma-Moschee illegale Einwanderer auf. Gegen vier von ihnen wurde wegen Hehlerei ermittelt. Die Vermieterin, ebenfalls eine Immobilienfirma, begründete ihre Kündigung mit: «diverse Einschreiben, unbewilligte Untermieten wie Coiffeure, Fitness und Lager sowie jüngste Vorkommnisse mit Polizeieinsatz». Letzteres ist An’Nur erspart geblieben. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.10.2016, 07:04 Uhr

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