Aus den Fugen

Wie der Bergsturz von Bondo für links-grüne Politik instrumentalisiert wird und wer dabei welche Rolle spielt.

Leuthards «Realität»: Die Bundespräsidentin bei ihrem Besuch in Bondo letzten Donnerstag.

Leuthards «Realität»: Die Bundespräsidentin bei ihrem Besuch in Bondo letzten Donnerstag. Bild: Keystone

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Sie hat es wieder getan. Diesmal nicht in Grönland, sondern bloss im Bergell. Einen Tag nach der Katastrophe von Bondo eilte Bundespräsidentin und Umweltministerin Doris Leuthard letzten Donnerstag ins bündnerische Bergdorf. Dort besichtigte sie im Helikopter die Schäden der Flut, die ein Steinschlag am Piz Cengalo ausgelöst hatte.

Gemäss Tagesschau von SRF vom gleichen Tag stellte sie dabei fest, was schon Geologen gemeldet hatten, nämlich dass die Gesteinsmassen immer noch in Bewegung seien.

Danach sehen wir sie neben Bondos Gemeindepräsidentin Anna Giacometti sitzen. Sie gibt ihrer Betroffenheit mit einer bühnenreifen Szene Ausdruck. «Natürlich, für die Frau Gemeindepräsidentin», sagt Leuthard, macht eine Pause, lächelt ebenso breit wie mitleidig zu Giacometti und streicht ihr fürsorglich über die Schultern, «das Wichtigste wird sein, wie kann man jetzt möglichst wieder zurück zur Normalität.»

Doch das muss an Betroffenheit reichen. Jetzt wechselt Leuthard in die Rolle der Politikerin. «Auf der anderen Seite», so hebt sie an, «Es wird weitergehen mit solchen Zwischenfällen.» Es sei ja nicht das erste Mal, dass sie vom Klimawandel rede. «Es ist halt eine Realität, auch wenn einige das immer noch nicht glauben.» Damit ist von höchster Stelle der direkte Zusammenhang hergestellt zwischen der Katastrophe im Bergell und dem Klimawandel. Leuthard gibt damit den Startschuss für eine einzigartige Medienkampagne.

Am Tag darauf schreibt Stefan Häne im Tages-Anzeiger prompt, die Ursache des Unglückes sei der Klimawandel. Und obwohl die Berge immer schon in Bewegung gewesen seien, «das Tempo, die Häufigkeit, das Ausmass» seien neu. In Bondo würden die «brachialen Folgen» des Klimawandels sichtbar. Häne hofft, was vermutlich auch Leuthard hofft, dass dies die Parlamentarier im Bundeshaus aufwecke.

Die sollen, so Häne, «bei der anstehenden Revision des CO2-Gesetzes die Schweiz klimapolitisch auf Kurs bringen». Die umstrittene Vorlage will die CO2-Abgabe, die schon heute ein Vielfaches höher ist als jene in unseren Nachbarländern, noch einmal mehr als verdoppeln.

«Tausende von Jahren»

In der NZZ versucht Christian Speicher einen Tag später, dem Geologen vom Amt für Wald und Naturgefahren des Kantons Graubünden mit Suggestivfragen zu entlocken, dass es der Klimawandel sei, der den Bergsturz ausgelöst habe und dass sich solche Ereignisse häufen werden. Doch Huwiler sagt, dass die Prozesse, die zu einem Bergsturz führen, «Tausende von Jahren» bräuchten. Vielleicht komme es zu einer leichten Zunahme solcher Katastrophen, aber er bezweifle, dass dies statistisch signifikant sein werde. Der Eindruck, solche Ereignisse würden sich häufen, hänge mit unserer Wahrnehmung zusammen. Neben dem Interview schreibt Speicher dann allerdings trotzdem von «wachsenden Naturgefahren». Immerhin gibt Speicher auch noch zu, dass es zu einfach sei, jeden Felssturz mit dem Klimawandel in Verbindung zu bringen.

Wenn Tamedia und NZZ in die gleiche Kerbe hauen, dann darf der Blick nicht fehlen, zumal es um die gute Beziehung zu Medienministerin Doris Leuthard geht. Marco Latzer schreibt am letzten Samstag auf Blick online unter dem Titel «Geologe warnt vor weiteren Katastrophen», dass sich die Politiker und Experten «einig» seien: «Mit den veränderten klimatischen Bedingungen und dem Abschmelzen unserer Gletscher werden diese Gefahren zunehmen.» Welche Politiker und Experten er befragt hat, sagt uns Latzer natürlich nicht.

Klimaheldin Leuthard

Huwiler, der die Gefahrenstelle schon seit Untersuchungen 2011 genaustens kennt, dürfte es nicht sein. Auch Simon Löw, Leiter der Professur für Ingenieurgeologie an der ETH Zürich, kann es nicht sein, denn der sagt Blick auf Anfrage das Gegenteil von dem, was das Blatt erhofft: «Grosse Bergstürze stehen weniger in Verbindung mit dem Klimawandel.» Ähnliches sagt auch der Geologe Hans-Rudolf Keusen. Bondo sei ein «aussergewöhnliches Ereignis». Doch «einig» sind sich gemäss Blick die Experten trotzdem.

Erst einen Tag später hat Blick-online-Journalist Reza Rafi endlich einen «Experten» gefunden, der – wiederum auf eine Suggestivfrage – den Bezug zwischen der Katastrophe und dem Klimawandel doch noch herstellt. Es ist Christoph Graf von der vom Bund finanzierten Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL). Und er sagt, was Doris Leuthard sicher freut. Die Schweiz müsse sich klimapolitisch «deutlich stärker engagieren». Graf macht dabei, was eigentlich kein seriöser Klimaforscher tut: Er verweist auf die «Stürme der letzten Tage und Wochen», die ebenfalls auf den Klimawandel zurückzuführen seien. Er bringt also Wetterphänomene direkt mit Klima in Verbindung. Damit nicht genug: Gleichentags wird auf Blick online die Regierung und ihre derzeit oberste Repräsentantin gefeiert: «Das tut Leuthard gegen den Klimawandel» steht da und wir erfahren, dass sich eines von 31 Projekten des Bundes der «Vorbereitung der Milchviehbetriebe auf den Klimawandel» widmet. Dieser Artikel wird dann im Sonntagsblick zweitverwertet. Diese Woche geht die Alarmstimmung auf Blick.ch unvermindert weiter: «Wir müssen uns wappnen – So hart trifft der Klimawandel die Schweiz». Darunter befindet sich ein Filmchen der teilweise durch Bundesgeld finanzierten Schweizerischen Depeschenagentur (SDA), bei der ein Apfelbauer Larven in seinen Früchten zeigt, die von «Schädlingen aus Südeuropa» stammen sollen.

Die SDA ist es auch, die übers Wochenende die Forderung des Direktors des Bundesamtes für Umwelt und Direktunterstellten von Doris Leuthard, Marc Chardonnens, verbreitet, die Schweiz müsse sich an den Klimawandel anpassen. Auch er betont, solche Ereignisse würden zunehmen. Und auch SRF legt nach: 10vor10 bringt am Montag wieder Wetterphänomene direkt mit dem Klimawandel in Verbindung, «Die Welt scheint aus den Fugen», sagt die Stimme bedrohlich aus dem Hintergrund. Und «Waldbrände wüten in ganz Südeuropa». SRF-Moderator Arthur Honegger konfrontiert den anwesenden Klimaforscher natürlich nicht mit den Aussagen der Kenner der Verhältnisse in Bondo und auch nicht mit der Vermischung von Wetter und Klima. Doch damit nicht genug: Gestern wurde im «Club» diskutiert, was wir gegen «immer mehr» solcher Ereignisse denn tun müssten.

Die entscheidende Frage fehlt

Sind es tatsächlich «immer mehr»? Es ist komplizierter, als es uns dargestellt wird. Dass sich das Klima ändert, ist unbestritten. Aber ob das tatsächlich zum Bergsturz von Bondo geführt hat, bezweifeln selbst ausgewiesene Fachleute. In der Schweiz gibt es eine gute Datenbasis über derartige Ereignisse. Eine Auswertung dieser Daten hielt schon 2009 fest, dass es keinen Trend zu immer mehr Katastrophen gebe. Ähnliches zeigt eine Auswertung von 2016. Weder Tages-Anzeiger noch NZZ, Blick oder SRF haben zudem die entscheidende politische Frage gestellt: Nämlich ob die Erwärmung tatsächlich etwas mit dem Menschen zu tun hat. Nur dann macht das CO2-Gesetz Sinn. Wenn der Klimawandel nur zu einem Teil oder gar nicht vom Menschen gemacht wäre, müssten wir uns ihm zwar anpassen, aber wir könnten nichts dagegen tun. Die Frage kommt nirgends vor, und wer sie stellt, auch nicht.

Die Medien-Karawane zieht derweilen weiter. Kaum zufällig berichteten Blick, Tages-Anzeiger und SRF am Montag gleichzeitig, dass sich Schweizer Städte auf dem Balkan nach neuen Baumarten für ihre Pärke umschauen würden. Wegen dem Klimawandel. (Basler Zeitung)

Erstellt: 30.08.2017, 07:53 Uhr

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