«Das bleibt ein Leben lang an ihm kleben»

Journalismus-Urgestein Peter Rothenbühler kritisiert Pierre Maudet scharf. Der eigentliche Skandal sei Maudets Lügengebäude.

Es wird zunehmend einsam um Pierre Maudet. An der gestrigen Medienkonferenz gab die Genfer Regierung bekannt, dass er nebst dem Präsidium auch die Führung von Polizei und Flughafen abgeben muss.

Es wird zunehmend einsam um Pierre Maudet. An der gestrigen Medienkonferenz gab die Genfer Regierung bekannt, dass er nebst dem Präsidium auch die Führung von Polizei und Flughafen abgeben muss. Bild: Keystone

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Pierre Maudet ist nicht mehr Genfer Regierungspräsident. Ihm wurden praktisch sämtliche Dossiers entzogen. Faktisch ist er ein Sicherheitsdirektor ohne Departement. Warum tritt er nicht zurück?
Das ist das grosse Rätsel, vor dem wir alle stehen. Vielleicht ist es Hybris, vielleicht hält er sich für etwas Besseres. Seine Partei hat sich gegen ihn gestellt, seine Kollegen in der Genfer Exekutive sprechen von massivem Vertrauensverlust, alle fühlen sich von ihm betrogen. Es gibt für Pierre Maudet keine andere Lösung als den Rücktritt. Ich gehe davon aus, dass er das in den nächsten zwei Wochen einsieht.

Maudet galt als politisches Ausnahmetalent; wenig hat gefehlt, und er wäre heute Bundesrat. Wie haben Sie seinen Aufstieg miterlebt?
Er war wie ein Pianisten-Wunderkind aus Russland oder China: virtuos, zugänglich, beliebt. Was er anpackte, schien mühelos zu gelingen. Als Sicherheitsdirektor hat er die undisziplinierte Genfer Polizei auf Vordermann gebracht, in der Drogenszene durchgegriffen. Mit seinem jugendlichen Auftreten kam er überall gut an. Letztlich wurde ihm seine Nähe zu einem ganz bestimmten Milieu zum Verhängnis.

Welches Milieu meinen Sie?
Maudet pflegte enge Kontakte zu den Reichen und Mächtigen aus der arabischen Welt, den Golfstaaten. Diese Leute sind in der Region Genf stark verankert. In den Privatspitälern werden ganze Etagen geräumt, wenn die Scheichs sich dort behandeln lassen. Arabische Geschäftsleute bauen ihre Paläste ans Seeufer. Mit dieser Klientel hat sich Maudet zu stark eingelassen, wie die Affäre, die nun über ihn hereingebrochen ist, zeigt.

Wie konnte das diesem Mann passieren?
Es ist völlig unverständlich. Das war politischer Selbstmord. Wer mit diesen Scheichs zu tun hat, der weiss, die laden sehr gerne ein. Sie stellten ihre Privatjets schon Sepp Blatter zur Verfügung. Das mag für Private gehen, für Geschäftspartner. Aber für einen Exekutivpolitiker ist es ein absolutes No-go. Das weiss Maudet, darum hat er es auch abgestritten. Vielleicht dachte er, es komme nie ans Licht, die Staatsanwaltschaft würde nie gegen ihn vorgehen.

«Es gibt für Pierre Maudet keine andere Lösung als den Rücktritt.»

Deutschschweizer Medien fordern praktisch einstimmig seinen Rücktritt. Wie gross ist der Druck in der Westschweizer Öffentlichkeit?
Die Stimmung ist gekippt. Jetzt schiessen alle aus allen Rohren. Es ist vorbei. Niemand nimmt ihn noch in Schutz. Aber die Medien haben sich zuvor lange zurückgehalten. Pierre Maudet hatte lange Zeit eine super Beziehung zu einigen Journalisten. Er liess grosse Nähe zu, lud sie zu seiner Geburtstagsfeier ein.

Hatte Genf einen blinden Fleck für Maudet?
Nicht ganz Genf. Die Geschichte mit den Geschenken war ja längst recherchiert, von guten Journalisten. Nur veröffentlicht wurde sie nicht. Das ist der eigentliche Skandal. Maudet stritt alles ab, und die Story war zwischenzeitlich tot. Trotzdem ist die ganze Affäre eine Katastrophe für Genf und für die Westschweiz. Dabei hat diese Sache mit der welschen Eigenheit gar nichts zu tun. Sondern einzig und allein mit der Sturheit des Pierre Maudet.

FDP-Präsidentin Petra Gössi forderte Maudet relativ deutlich dazu auf, den Hut zu nehmen. Wie beurteilen Sie das Verhalten der Partei im Umgang mit der Affäre?
Petra Gössi hat von Anfang an gesagt, das müsse die Genfer FDP selbst lösen, was richtig war. Sie muss sich an das Föderalismusprinzip halten. Dass sie sich jetzt so deutlich geäussert hat, liegt vermutlich daran, dass ihr gestern einige welsche FDP-Grössen dazu grünes Licht gegeben haben.

Schadet die Causa Maudet dem Freisinn im Hinblick auf das Wahljahr 2019?
Nein, das glaube ich nicht. Hier geht es um eine persönliche Sache.

Maudet sagt, er wolle um seine politische Zukunft kämpfen. Kann er diesen Kampf gewinnen?
Lügen ist kein strafrechtliches Delikt, aber die Lüge ist ein enormer Vertrauensbruch. Dagegen kann kein Politiker ankämpfen. Das bleibt ein Leben lang an ihm kleben. Wenn er die Sache zugegeben hätte, dann hätte er den Kopf vielleicht aus der Schlinge ziehen können. Aber lügen, das verzeiht dir niemand. Unmöglich.

Was kann er jetzt noch tun?
Rapportieren. Abtauchen. Und zwar schnell. Das müsste er eigentlich gelernt haben. Wenn man einem Skandal kein abruptes Ende setzt, dann geht er weiter. Endlos. Dann kommen immer mehr Sachen hoch. Maudet hat noch nicht alles gesagt über diese Reise. Was hat er dort unten genau gemacht? Was hat er dem Scheich versprochen? Welche Gegenleistungen hat er erhalten? Er soll alles auf den Tisch legen, dann zurücktreten. Er ist ja noch jung, in fünf Jahren könnte er es noch einmal versuchen. Aber vielleicht ist er eben doch nicht so talentiert, wie wir alle gedacht haben. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 14.09.2018, 18:50 Uhr

Peter Rothenbühler (70) gilt als prägende Figur des hiesigen People-Journalismus. Er war Chefredaktor verschiedener Publikationen in der West- und Deutschschweiz, führte unter anderem die «Schweizer Illustrierte» und «Le Matin» während vieler Jahre. (Bild: Keystone )

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