Der Geländewagen, das gepanzerte Selbst

Der Bund will breitere Strassen, weil immer mehr Geländewagen unterwegs sind. Das stösst auf Kritik – und wirft die Frage auf: Wieso sind diese Autos so beliebt?

Grösser, schwerer, kraftvoller: Fahrzeughalter leisten sich heute eher den SUV als das kleine Stadtauto.

Grösser, schwerer, kraftvoller: Fahrzeughalter leisten sich heute eher den SUV als das kleine Stadtauto. Bild: Keystone

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Auf den Strassen steht zunehmend weniger Platz zur Verfügung: Neuwagen sind in der Tendenz massiger als früher, Geländelimousinen – sogenannte SUV – werden immer beliebter. Mit diesem Platzproblem befasst sich nun das Bundesamt für Strassen (Astra). Dessen Direktor Jörg Röthlisberger betont in der aktuellen «SonntagsZeitung»: «Viele Strassen sind heute zu schmal, um den Bedürfnissen aller Verkehrsteilnehmer gerecht zu werden.» Laut Röthlisberger können breitere Strassen einen wichtigen Beitrag für ein «sicheres Miteinander» gewährleisten. Das Astra denkt an 10 bis 50 Zentimeter Verbreiterung pro Fahrbahn.

Das Unterfangen ist allerdings bereits ins Stocken geraten. Einerseits stellen sich Kantone quer – die Zürcher Volkswirtschaftsdirektion etwa fragt sich, ob Strassenbreiten dem Trend der Automobilindustrie folgen müssten. Andererseits äusserte die Beratungsstelle für Unfallverhütung heftige Kritik: Breitere Fahrbahnen führten zu schnellerem Fahren. Das Unfallrisiko sinke nicht, es steige an.

Jedes dritte neue Auto ein SUV

2016 war laut dem Zeitungsbericht bereits jedes dritte neu in Verkehr gesetzte Auto ein SUV. Auch Zahlen der Autoverkäufer zeigen eine klare Tendenz: Die Fahrzeughalter leisten sich heute eher einen grossen Neuwagen als ein kleines Stadtauto. Es gilt die Devise: grösser, schwerer, kraftvoller.

Der Wirtschaftspsychologe Rüdiger Hossiep von der Ruhr-Universität Bochum hat jüngst in einem Interview folgenden Erklärungsversuch für die Zunahme schwerer Fahrzeuge geliefert: «Man kann das Auto als gepanzertes Selbst verstehen.» SUV erzeugten ein Überlegenheitsgefühl. «Man sitzt höher und ist vermeintlich für jede Lage gut gerüstet.» Der Luzerner Grünen-Nationalrat Michael Töngi drückt es drastischer aus: «Diese Karren sind nach wie vor ein Statussymbol.» Von einem Umdenken sei man leider weit entfernt. «Im städtischen Bereich ist das Auto passé – und trotzdem kaufen die Leute massenhaft SUV», so Töngi weiter. Das sei nicht zu erklären und frustrierend.

Sinkende Fahrzeugpreise

Für Andrea Auer, Mobilitätsexpertin beim Internetvergleichsdienst Comparis, haben die steigenden Verkaufszahlen viel mit der Finanzierung zu tun. Dank Leasing und sinkender Fahrzeugpreise seien SUV erschwinglicher geworden. Verkaufsargument Nummer 1 ist Auer zufolge das Sicherheitsbedürfnis der Kunden: «Grössere Fahrzeuge sind aus Sicherheits- und Komfortgründen beliebt.» Die erhöhte Sitzposition biete bessere Übersicht und vereinfache das Ein- und Aussteigen.

Übrig bleibt die Gretchenfrage: Sind die Strassen zu schmal oder die Wagen zu breit? Beantworten wird diese Frage wohl dereinst das Parlament. (Newsnet)

Erstellt: 20.08.2018, 20:09 Uhr

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