Die Zahl der jüdischen Einwohner sinkt laufend

Massive Überalterung ist auch in der Schweiz deutlich spürbar.

Gemeinden kämpfen ums Überleben. In der jüdischen Gemeinschaft fehlt immer häufiger der Nachwuchs.

Gemeinden kämpfen ums Überleben. In der jüdischen Gemeinschaft fehlt immer häufiger der Nachwuchs. Bild: Keystone

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Zählte man vor der Shoa in Europa rund zehn Millionen Jüdinnen und Juden, waren nach 1945 nur noch 3,8 Millionen am Leben. 1960 kamen die Demografen noch auf 3,2 Millionen jüdische Europäer. Seither ist die Zahl dramatisch gesunken, auf zwei Millionen im Jahre 1991 und 1,4 Millionen 2010. Heute gibt es in Europa vielleicht noch 1,2 Millionen Juden.

Zum Vergleich: In den USA ist die jüdische Gemeinschaft mit 5,3 bis 5,7 Millionen Menschen seit Jahren stabil. Die Zahl der jüdischen Israeli hingegen ist zwischen 2007 und 2016 von 5,7 auf knapp 6,5 Millionen rasant angestiegen. Bald die Hälfte der Juden weltweit wohnt heute in Israel. Dabei ist die Bevölkerung dank hohen Geburtenraten sehr jung.

Überalterung wird zum Problem

Die jüdische Gemeinschaft Europas hingegen ist massiv überaltert. Immer weniger und immer ältere Mitglieder müssen daher Strukturen aufrechterhalten, die für viel mehr Menschen gedacht sind. In Deutschland zum Beispiel sind rund 45 Prozent der Mitglieder der jüdischen Gemeinden über 61 Jahre alt. Ein Drittel ist laut Angaben der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland von Sozialhilfe abhängig. Dank staatlich geförderter Einwanderung aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion und dank staatlich subventionierter Infrastruktur war die kleine deutsche jüdische Gemeinde seit der Wiedervereinigung 1990 rasant von 29 000 auf über 110 000 Personen gewachsen.

Um die Jahrtausendwende war daher von einer «jüdischen Renaissance», vom «drittem Standbein» des Judentums nach Israel und den USA die Rede. Doch der Hype ist vorbei: 2015 sank die Zahl der Mitglieder der deutsch-jüdischen Gemeinden wieder auf unter 100 000, dies trotz der Zuwanderung von künstlerisch tätigen Israeli in die Kulturmetropole Berlin.

Antisemitismus hat Folgen

Obwohl es eine Dunkelziffer gibt, die von den Gemeindestatistikern nicht erfasst wird, ist die demografische Bilanz eindeutig negativ. Währenddessen lösten Antisemitismus und Terror­attacken in Frankreich mit ihrer über 500 000 Seelen starken jüdischen Gemeinschaft eine massive Auswanderungswelle aus. Obwohl sich diese 2016 etwas abgeschwächt hat, ist die Emigration für viele eine Option. Dies gilt nicht nur für Frankreich: Laut einer Studie der EU-Agentur für Grundrechte von 2013 überlegten sich schon damals – noch vor Einsetzen der aktuellen Terrorwelle – rund 20 Prozent der europäischen Juden die Auswanderung.

Über zwei Drittel der 6000 Befragten in Ost- und Westeuropa fühlten sich unwohl, angesichts der konstatierten rasanten Zunahme des Antisemitismus in ihren Ländern, so etwa in Ungarn, aber auch in Grossbritannien. Das altneue Ressentiment kommt von allen Seiten: Linke, rechte und islamistische Judenfeindschaft und ein als Israelkritik kaschierter Delegitimierungsdiskurs stellen heute für die jüdische Gemeinschaft Europas eine echte Gefahr dar.

Situation in der Schweiz

Auch das Schweizer Judentum sieht sich mit einem Schrumpfungsprozess und mit Sicherheitsproblemen konfrontiert. Von den 16 Mitgliedsgemeinden des Schweizerisch Israelitischen Gemeindebundes haben nur noch drei über tausend Mitglieder. Neun sind zu Klein- oder gar Kleinstgemeinden geworden. In Basel verlor die 212 Jahre alte Israelitische Gemeinde (IGB) mehr als ein Drittel der Mitglieder.

Im Gegensatz zu den Austrittswellen aus den Landeskirchen sind im Falle der jüdischen Gemeinde die Menschen schlicht nicht mehr da. Die Gründe sind zur Haupt­sache Überalterung und Auswanderung. Die IGB, eine der ältesten kontinuierlich existierenden jüdischen Gemeinden Europas, fragt sich, wie es weitergehen soll. Die Weigerung des Bundes, für die durch die ständige Gefährdung massiv gestiegenen Sicherheitskosten eine Lösung zu finden, vergrössert die existenziellen Schwierigkeiten der altehrwürdigen Basler Gemeinde noch und stellt 150 Jahre nach der Emanzipation den Status der Schweizer Juden als gleichberechtigte, vom Staat zu schützende Bürger infrage.

Leben unter Bewachung

72 Jahre nach der Shoa ist in ganz Europa organisiertes jüdisches Leben fast nur noch unter ständiger Bewachung möglich. Bewaffnete vor den Gemeindezentren, befestigte Schulen und Kindergärten, Jugendzentren und Altersheime als Hochsicherheitstrakte: Das ist mittlerweile Alltag zwischen London, Paris, Stuttgart, Berlin, Rom, Budapest und Moskau, ohne dass dies die Öffentlichkeit oder die Politik gross kümmern würde, wie das Beispiel Schweiz in krasser Weise zeigt. Wie lange sich unter diesen Voraussetzungen jüdisches Leben in Europa noch halten kann, wird sich zeigen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 06.02.2017, 10:24 Uhr

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