Einblicke in das Seelenleben eines Täters

Wie Psychiater und Anwälte versuchen, die Motive des Mörders von Rupperswil zu ergründen.

Auf den ersten Blick ganz normal. Thomas N. (M.) und seine Pflichtverteidigerin Renate Senn bei der Anhörung.

Auf den ersten Blick ganz normal. Thomas N. (M.) und seine Pflichtverteidigerin Renate Senn bei der Anhörung. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Gestern Morgen blicken hundert Köpfe gebannt auf eine Seitentür im Saal der Aargauer Kantonspolizei in Schafisheim bei Lenzburg. Medienvertreter, Zuschauer – sie warten darauf, dass er kommt. Sie warten auf Thomas N., den Vierfachmörder, der 2015 in Rupperswil eines der brutalsten Verbrechen der jüngeren Schweizer Kriminalgeschichte beging.

Er drang in ein Haus ein, zwang eine Mutter mit Gewalt, Geld vom Bankomaten abzuheben, missbrauchte ihren 13-jährigen Sohn sexuell, fesselte dessen Bruder und seine Freundin und schnitt am Ende allen die Kehle durch, bevor er Feuer legte.

Um zwölf Minuten nach acht geht die Tür auf. Ein Polizist schiebt Thomas N. in den Gerichtssaal. Der 34-Jährige ist gross, schlank, hat dunkle Haare, Dreitagebart, er trägt Jeans, ein graues Hemd.

Wie sieht es in seinem Innern aus?

Gerichtspräsident Daniel Aeschbach lässt um viertel nach acht den Holzhammer niedersausen, Auftakt zum ersten Tag des Prozesses, der am Freitag mit der Urteilsverkündung enden wird. Er hat zwei forensische Psychiater geladen: Elmar Habermeyer und Josef Sachs. Sie haben Gutachten über Thomas N. erstellt, sie haben versucht, in seinen Kopf zu leuchten, seine Seele zu ergründen.

«Autistische Züge»

Der Beschuldigte habe einen Intelligenzquotienten von 106, «also ein durchschnittliches intellektuelles Leistungsvermögen», sagt Habermeyer. «Es sind bei ihm keine hirnorganischen Schädigungen, keine psychische Erkrankung feststellbar». Es gebe «keine frühkindliche Entwicklungsverzögerung», «kein belastendes Familienumfeld». Weder habe er Gewalt in der Erziehung erlitten, noch sei er in der Schule je gemobbt worden.

Thomas N. – auf den ersten Blick ein ganz normaler Mensch, nicht vorbestraft, vor seiner Tat nie auffällig. Laut Habermeyer allerdings einer «mit manipulativem, betrügerischem Potenzial». Es liege eine «narzisstische Persönlichkeitsstörung» vor.

Thomas N., sagt Habermeyer, sei «wenig emotional», «kühl», «arrogant», «abweisend». Er attestiert ihm «Kernpädophilie». Eine «Minderung der Schuldfähigkeit» sehe er nicht.

Thomas N., den Blick gesenkt, reibt sich mit einer Hand die Augen, als staune er, was da über ihn erzählt wird. Habermeyer sagt, er habe sich in seiner Laufbahn mit rund 1000 Kriminalfällen beschäftigt; das Verbrechen von Thomas N. gehöre zu denjenigen zehn, die er in seinem ganzen Leben nie vergessen werde.

Josef Sachs kommt zum Schluss, Thomas N. sei «überdurchschnittlich intelligent». Er weise «autistische» und «narzisstische Züge» auf, zeige wenig Empathie für die Mitmenschen. Sachs sagt, Thomas N. sei «ein absoluter Perfektionist». Akribisch habe er ein Notizbuch geführt, in dem er Namen, Adressen, Koordinaten möglicher neuer Opfer seiner Pädophilie handschriftlich festhielt, fein säuberlich, «immer im gleichen Zeilenabstand».

«Es war wie automatisch»

Thomas N. sei stark rückfallgefährdet, aber im Prinzip therapierbar, auch wenn die Therapie viele Jahre dauern werde. Auch Habermeyer betont, der Täter sei keinesfalls «dauerhaft untherapierbar».

Will ein Gericht einen Täter nach der Verbüssung der Haft in eine lebenslange Verwahrung schicken, müssen zuvor zwei Psychiater zum Schluss kommen, er sei für immer therapieunfähig. Im Fall von Thomas N. ist jetzt schon klar: Eine lebenslängliche Verwahrung wird ihm nicht drohen, allenfalls eine «ordentliche Verwahrung», deren Gültigkeit periodisch überprüft wird.

Die Forensiker haben Thomas N.s Psyche seziert, die Gerichtszeichner haben zu Buntstiften und Aquarellfarben gegriffen, um der Öffentlichkeit ein Bild des Angeklagten zu vermitteln. Jetzt machen sich Gerichtspräsident Aeschbach und die Anwälte der Zivilkläger daran, hinter seine Fassade zu schauen. Sie löchern ihn mit Fragen.

«Wie geht es Ihnen gesundheitlich?»

«Den Umständen entsprechend.»

«Nehmen Sie Medikamente?»

«Nein.»

«Drogen?»

«Nie.»

«Was antworten Sie, wenn man Sie nach Ihrem Beruf fragt?»

«Arbeitslos.»

«Welches ist Ihre Bezugsperson?»

«Die Mutter.»

«Haben Sie Hobbys?»

«Ich habe mit Yoga begonnen. Dazu Joggen, etwas Krafttraining.»

«Ich bin pädophil»

Dann werden die Fragen intimer. «Wie ist Ihr Sexualleben?»

«Nicht vorhanden im Gefängnis.»

«Wie würden Sie Ihre sexuelle Orientierung beschreiben?»

«Ich bin pädophil. Es ist nicht angenehm, darüber zu reden.»

«Masturbieren Sie?»

«Selten.»

«Was denken Sie dabei?»

«Ich denke an einen schönen Moment. Aber ab und zu kommt halt noch immer ein Kind vor.»

«Sie haben 11 000 Franken erbeutet. Dafür mussten vier Menschen sterben. Gibt es ein Wort dafür?»

«Krank. Ein normaler Mensch macht so was nicht.»

«Warum haben Sie es trotzdem gemacht?»

«Kann ich nicht beantworten. Mehrere Gründe.»

«Welche?»

«Die damalige Lebenssituation, Pädophilie, viele kleine Dinge, dass ich nicht Hilfe holen konnte, dass ich zu arrogant war, mein Selbstbild.»

«Warum haben Sie mit Töten nicht aufgehört?»

«Es war einfach wie automatisch.»

«Weshalb hatten Sie sich für ein Messer als Tatwaffe entschieden?»

«Da war die Überlegung, dass es so wahrscheinlich am einfachsten und schmerzfreisten geht.»

«Wie erlebten Sie Ihre Verhaftung?»

«Als extreme Erleichterung.»

«Bereuen Sie, was Sie getan haben?»

«Absolut.»

«Was ist Ihre Einstellung zu Leben und Tod?»

«Leben ist etwas, das man achten muss, etwas Schönes.»

«Was ist Ihre persönliche Haltung zur Todesstrafe?»

«Dass es vielleicht gewisse Leute verdient hätten.»

«Gehören Sie zu denen?»

«Ja». (Basler Zeitung)

Erstellt: 14.03.2018, 07:01 Uhr

Artikel zum Thema

«Pädophile werden eher rückfällig»

Interview Der forensische Psychiater Steffen Lau ordnet das Urteil der beiden Gerichtsgutachter über Thomas N. ein. Mehr...

Thomas N. sprach vor Gericht über die Tat in Rupperswil

Im Rupperswil-Prozess kamen heute der Angeklagte und die Gutachter zu Wort. baz.ch/Newsnet berichtete live. Mehr...

Paid Post

Mit Swissôtel das SOS-Kinderdorf unterstützen

Mit jedem Kommentar und jedem «Share» dieses Artikels wird die Spende von Swissôtel im Namen der Mamablog-Community ans SOS-Kinderdorf erhöht. Helfen Sie mit!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...