Eine seltsame Art von Kulturförderung

Die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft SRG bevorzugt und protegiert pflegeleichte Pop-Protagonisten.

Der «Swiss Music Award» wurde moderiert von Comedian Stefan Büsser und TV-Moderatorin Alexandra Maurer.

Der «Swiss Music Award» wurde moderiert von Comedian Stefan Büsser und TV-Moderatorin Alexandra Maurer. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«No Billag, no culture», schallerte es kürzlich durch die Schweizer Medienlandschaft, als 5000 um die Schweizer Demokratie besorgte «Kulturschaffende» auszogen, ihre Verbundenheit mit dem Medienmoloch SRG zu bezeugen.

Diese Solidaritätskundgebung brach sich jedoch nicht freiwillig Bahn. In der Sonntagszeitung hatten mehrere «Musik- und Unterhaltungsredaktoren» der SRG «hinter den Kulissen» ihrem Frust über das mangelnde Engagement der «oft befreundeten Musiker» Luft gemacht: «Wir haben ihnen allen durch unsere Sender eine Existenz als Musiker verschafft – und jetzt, wenn es um unsere Existenz geht, schweigen sie.» Erst nach dieser öffentlichen Schelte kamen die renitenten SRF-Günstlinge ihren Verpflichtungen nach. Hinter vorgehaltener Hand spricht man auch von «Druck» seitens der SRG.

Unter den noblen Kreuzrittern für den populärmusikalischen «Service public», die eben noch im Blick gejammert hatten, in SRF-Sendungen wie «Happy Day» oder «Jetzt oder nie» als «Staffage» missbraucht worden zu sein, finden sich die notorischen SRG-Profiteure wie Bligg, Marc Sway, Francine Jordi, Trauffer, Roman Camenzind, Adrian Stern, Baschi, Anna Rossinelli, Züri West, Stephanie Heizmann oder Sina. Sie hängen seit Jahren am Zwangsgebühren-Tropf und würden im freien Markt etwa so lange überleben wie die ebenfalls vertretenen Lo & Leduc bei ihren rappenden Homies in Southeast Los Angeles.

Knebelverträge

Das «No Billag, no culture»-Votum der Prix-Walo-Produzentin Monika Kälin offenbart, wie sehr diese Staatskünstler abhängig sind vom Wohlwollen der Medienmonopolistin SRG, die unter dem Vorwand der «Kulturförderung» eine illustre Handvoll Schweizer Pop-Interpreten mit Gebührengeldern durchfüttert: «Eine Schweiz ohne die SRG wäre absolut existenzgefährdend für viele Schweizer Musiker, Sänger, Komponisten, Schauspieler und Filmemacher, die dadurch eine der wichtigsten Plattformen für ihre Darbietungen verlieren würden», so Kälin. «Ohne die SRG-Kanäle könnten wahrscheinlich viele Künstlerinnen und Künstler ihren Beruf nicht mehr richtig ausüben.»

Abgesehen von der Frage, wie alle anderen Musiker, die nicht mit Entscheidungsträgern der SRG befreundet sind und deshalb keine gebührenfinanzierten «Plattformen» und «Kanäle» für ihre «Darbietungen» zur Verfügung gestellt bekommen, ihren Beruf «richtig ausüben», ist das etwa so, wie wenn korrupte italienische Politiker davor warnen würden, ihre Machenschaften ohne die Mafia nicht mehr fortführen zu können. Ruedi Matter, Capo di tutti i capi bei SRF: «Kulturförderung ist uns in Zeiten des Wandels besonders wichtig, die Schweizer Musik liegt uns seit je am Herzen. Wir wollen die lokalen Musikschaffenden fördern und unterstützen.»

Die SRG ist ihren Schützlingen mit Gefälligkeiten zu Diensten.

Und das versteht Matter unter «Kulturförderung»: Michael Schuler ist Leiter der 2010 geschaffenen «Fachredaktion Rock/Pop», wo er für die Musikprogrammierung von Radio SRF 1, SRF 3 und SRF Virus, die Specials und die musikpublizistischen Inhalte sowie die Liveproduktionen und Musiksendungen im Bereich Rock/Pop bei SRF verantwortlich ist. Schuler ist ein Mann ohne nennenswerte Qualifikationen, ausser dass er in leitenden Positionen bei den Plattenfirmen Universal und Sony tätig war.

Mit Schuler haben die Schwergewichte der Schweizer Musikindustrie, die sogenannten «Majors», mehr oder weniger diskret einen «V-Mann» bei SRF installiert, der seinen ehemaligen Arbeitgebern und sonstigen Amigos den Zugriff auf die begehrten Promokanäle bei SRF garantiert. Das führt dazu, dass SRF mit den über zehn Millionen Franken Billag-Geldern für «Voice of Switzerland» die Talentsuche von Universal finanzierte, die den jeweiligen Gewinner auch gleich mit einem an Sittenwidrigkeit grenzenden Knebelvertrag in Beugehaft nahm. Angesprochen auf das 69-seitige Machwerk rechtfertigte sich SRF, der Vertrag sei vom hauseigenen Rechtsdienst für «branchenüblich» befunden worden.

Auch die Suisa, die als Urheberrechtsorganisation eigentlich die Interessen der Interpreten zu wahren hätte, fand die Verträge «okay». Aber vermutlich würden der SRF-Rechtsdienst und die Suisa auch unbezahlte Kinderarbeit in Indien als «branchenüblich» und «okay» bezeichnen.

«Cover Me», eine Dauerwerbesendung für Roman Camenzinds «Hitmill Studio», ging ebenfalls zulasten des Gebührenzahlers. Dasselbe gilt für «Songmates» oder «Ich schänke Dir es Lied», wo regelmässig SRG-Protegés ihre Produkte bewerben.

Der Manipulationsverdacht

Auch die «Swiss Music Awards» (SMA), nach Aussagen des Gründers Oliver Rosa die «glaubwürdige und neutrale Plattform der Schweizer Musikbranche», werden seit 2011 auf Fernsehen SRF 2 zur besten Sendezeit ausgestrahlt.

Organisiert werden die SMA vom Branchenverband der Schweizer Phonoindustrie (IFPI), gegen den 2011 eine Untersuchung der Wettbewerbskommission (Weko) lief – unter anderem wegen Manipulationsverdacht der «offiziellen Schweizer Hitparade», die jeweils sonntags auf dem von Michael Schuler verantworteten Sender Radio SRF 3 ausgestrahlt wird und für deren Ausstrahlungsrechte die SRG der Media Control AG in Zürich, die im Auftrag der IFPI die «offizielle Schweizer Hitparade» erstellt, sehr viel Geld bezahlt. Noch vor der Klärung des Manipulationsvorwurfs ging die SRG mit der Ausstrahlung der SMA eine weitere Partnerschaft mit der IFPI ein, die auch nicht beendet wurde, als die IFPI 2012 wegen diverser Verstössen von der Weko mit 3,5 Millionen Franken gebüsst wurde. Ausserdem sprechen Brancheninsider von Absprachen zwischen Schweizer Open-Air-Veranstaltern und Radio SRF 3-Redaktoren. Alles verkaufsfördernde Massnahmen für einige auserwählte Nutzniesser und deren Plattenfirmen, camoufliert als «Service public», verklärt als «Musikvielfalt» und finanziert mit Zwangsgebühren.

Aufträge für den Lover

Doch die SRG ist ihren Schützlingen nicht nur mit gebührenfinanzierten Gefälligkeiten in Form von Gratiswerbung und Produktvermarktung über TV und Radio zu Diensten; es fliessen auch Gebührengelder in bar. Als frischgebackene Finalistin des European Song Contests stellte das Schweizer Fernsehen SRF Anna Rossinelli – ihr Manager ist SMA-Gründer Oliver Rosa – ein grosszügiges Startkapital von fast 30 000 Franken an Billag-Geldern zur Verfügung –plus 5000 Franken Gage für einen TV-Auftritt bei den «Swiss Awards». Das Video für Rossinellis Hit «In Love For A While» (Kosten: 14 000 Franken) wurde von Cristian Sulser gedreht, dem damaligen Lover von Sven Epiney, mit dem Sulser die Produktionsfirma «Second Unit Mediaproductions» führte, die von SRF regelmässig lukrative Aufträge zugeschanzt bekam. Nach dem Liebesschiffbruch mit Epiney blieben auch die SRF-Aufträge für Sulser aus. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

Ruedi Matter und alle anderen, die ihre Sorge um die Schweizer Kultur im Brustton der Überzeugung und mit dem Duktus der alleinigen Deutungshoheit vor sich hertragen, sollten ihren Kulturbegriff gründlich überprüfen, denn mit Kultur im Verständnis des vom Bund vorgeschriebenen Bildungsauftrags der SRG haben diese Kommerzorgien nichts gemein. Für kommerzielle Musik am Radio und TV gelten eiserne Regeln, was gemäss den Vorgaben der Musikindustrie den Hörern an verkaufsträchtiger Massenware zuzumuten ist.

So sind ganz bestimmte melodische, harmonische und rhythmische Kriterien zu erfüllen, und die Songs dürfen nicht länger als vier Minuten sein, sonst werden sie nicht gespielt. Übertragen auf eine Kunstgalerie oder einen Buchverlag: Es werden nur noch Werke von zehn auf zehn Zentimeter Durchmesser und in Rot ausgestellt sowie Bücher mit maximal 50 Seiten publiziert. Würden heute die Doors mit ihren 15-minütigen Songs, Jimi Hendrix, Frank Zappa oder Janis Joplin in der Musikszene erscheinen und versuchen, bekannt zu werden – sie wären chancenlos.

SRF-Direktor Ruedi Matter solllte seinen Kulturbegriff gründlich überprüfen

Dabei würde sich das Publikum durchaus auch niveauvoll unterhalten lassen, wenn es dazu Gelegenheit bekäme. Der von mir hochverehrte Emmerich Smola hat dies nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Rundfunkorchester des Südwestfunks eindrücklich bewiesen. Der Entdecker des legendären Tenors Fritz Wunderlich und der Sopranistin Anneliese Rothenberger war von 1948 an Chefdirigent und Abteilungsleiter für Musik des unter der französischen Militärregierung neu gegründeten Funkorchesters Kaiserslautern, des späteren Rundfunkorchesters des Südwestfunks. Frei nach Kurt Weills Credo: «Es gibt keinen Unterschied zwischen Unterhaltungs- und ernster Musik, nur zwischen guter und schlechter Musik», spielte Smola am Radio nicht nur Kommerz, sondern liess das Publikum auch anspruchsvolle Musik entdecken.

Und siehe da, der deutsche Versicherungsvertreter erledigte seine Arbeit zu Bartók genauso gewissenhaft wie zu Volksmusik, und die deutsche Hausfrau bügelte zu Strawinsky ebenso enthusiastisch wie zu Peter Alexander. Über 18 000 von Smola eingespielten Aufnahmen, denen höchste künstlerische Qualität attestiert wird, zeugen von dieser kulturellen Blütezeit.

Kultur kaputtgespart

Ganz anders die SRG, die, indem sie sich vollständig den von der Musikindustrie diktierten Regeln unterwirft, ihren Bildungsauftrag bis zur Missachtung aushöhlt. 1931, anlässlich der Gründung der «Schweizerischen Rundspruchgesellschaft», der heutigen SRG, erhielten die drei Sprachregionen eigene, von der SRG finanzierte Orchester, die von Klassik über Volksmusik bis Jazz und Pop alle Geschmäcker bedienten und während Jahrzehnten im kulturellen Leben der Schweiz eine wichtige Rolle spielten. In den Neunzigerjahren begann die SRG, diese Kultur kaputtzusparen, die Orchester wurden aufgelöst oder fusionierten mit anderen Klangkörpern. Übrig blieb das Orchestra della Svizzera italiana, doch auch dort stiehlt sich die SRG sukzessive aus der Verantwortung und spart einmal mehr am falschen Ort.

Denn Kultur im Sinne von Ciceros «Pflege des Geistes» fordert, ja überfordert das Publikum. Eine Überforderung, mit der das TV- und Radio-Publikum konsequent konfrontiert werden sollte, denn bei konstanter Unterforderung degeneriert das kulturelle Empfinden genauso wie ein Sixpack ohne die täglichen Rumpfbeugen. Da die SRG aufgrund der Milliarden an Zwangsgebühren von Quoten- und Marktdruck gänzlich befreit ist, sollte dieses Kulturangebot zur besten Sendezeit stattfinden, sodass sich das Publikum neue Hörgewohnheiten aneignen kann.

Kultur sollte mehr Geld erhalten, nicht weniger, wie der selbst ernannte Medienpapst Roger Schawinski postuliert, der ausgerechnet SRF 2 Kultur das Budget kürzen will. Kultur war und ist nicht selbsttragend: Strawinskys «Concerto in D» hätte ohne den Basler Mäzen Paul Sacher ebenso wenig das Licht der Welt erblickt wie Mozarts «Così fan tutte» ohne die Gulden des Kaisers Joseph II. Die SRG hat stattdessen alles, was nicht genügend Quote generiert, ins Niemandsland verbannt, wo der späte Abend der frühen Morgenstunde die Aufwartung macht. Die sogenannte Primetime wird von dumpfer, sprich «werberelevanter» Volksverdummung dominiert.

Statt ihrem Bildungsauftrag nachzukommen, nützt die SRG mit der willkürlichen Bevorzugung und Protektion einiger pflegeleichter Pop-Protagonisten ihre Vormachtstellung schamlos aus und betreibt eine Wettbewerbs- und Marktverzerrung, die längst die Weko hätte auf den Plan rufen sollen.

Unheilige Allianz

Das marktbeherrschende Medienhaus, das seine Existenzberechtigung darin sieht, die Schweiz zu vereinen, hat eine Kultur der Angst und des Neids geschaffen, welche die Musikwelt spaltet. Sich offen dagegen zu äussern, wagt kaum jemand.

Musiker und Managements, die immer noch dem trügerischen Traum des «Major-Deals» nachhängen, beissen nicht die Hand, die sie dereinst füttern könnte, und diejenigen, die seit jeher von den SRG-Honigtöpfen profitieren – dazu gehören auch die rund 50 Verbände, die «No Billag, no Culture» unterstützen, darunter Suisa, Swissperform, der Verband Musikschaffende Schweiz, RFV und andere – verpflichten sich, wohlwissend um die mafiösen Verbandelungen zwischen SRG und Musikindustrie, weiterhin der «Omertà».

Platon bezeichnete Musik als ein «moralisches Gesetz, das unserem Herzen eine Seele schenkt, den Gedanken Flügel verleiht, die Fantasie erblühen lässt und allem erst Leben schenkt». Es ist erschütternd, in welchem Ausmass unheilige Allianzen wie diejenige zwischen der Musikindustrie und der SRG das Votum des grossen griechischen Philosophen pervertiert haben. (Basler Zeitung)

Erstellt: 15.02.2018, 08:10 Uhr

Artikel zum Thema

Gegen-«Arena» mit Filippo Leutenegger

Der Gewerbeverband – Befürworter der No-Billag-Initiative – diskutierte in der eigenen Politdiskussion. Bemerkenswert war dabei die Leistung des Moderators. Mehr...

Regierung gegen No-Billag-Initiative

Baselland Die Baselbieter Regierung lehnt die No-Billag-Initiative aus medienpolitischen, arbeitsmarktlichen und bildungspolitischen Gründen ab. Das hält sie in Antworten auf Fragen eines SP-Landrats fest. Mehr...

«Das ist doch bloss noch pitoyabel»

Medienmacher Roger Schawinski über Billag, No Billag, Gos und No-Gos. Mehr...

Service

Agenda

Alle Events im Überblick.

Kommentare

Das Immobilien-Portal für Basel und die Region

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...