«Grönland schmilzt» – oder doch nicht

Bundespräsidentin Doris Leuthard fliegt für eine PR-Aktion ins grönländische Eis – SRF liefert die Begleitmusik.

«Es Stückli abechlättere»: Bundespräsidentin Doris Leuthard und ­Klimaforscher Konrad Steffen gestern in Ilulissat (Grönland).

«Es Stückli abechlättere»: Bundespräsidentin Doris Leuthard und ­Klimaforscher Konrad Steffen gestern in Ilulissat (Grönland). Bild: Twitter/@UVEK

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Dank der «Tagesschau» von SRF sind wir ganz nahe dabei. Wir dürfen zuschauen, wie Konrad Steffen, Klimaforscher an der bundeseigenen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft, für Doris Leuthard ein «Gstältli» kauft, einen Klettergurt, mit dem er die Bundespräsidentin bei ihrem Besuch im «Swiss Camp» in Grönland am Seil sichern will, falls sie im Eis von Grönland «es Stückli abechlättere» möchte.

Die Szene ist der Auftakt eines «Tagesschau»-Beitrags vom Montag über eine politische PR-Aktion. Schon bei der Anmoderation haben wir von Katja Stauber erfahren, dass Grönland das Gebiet sei, «in dem sich der Klimawandel in seinem ganzen erschütternden Ausmass zeigt». Damit ist der Rahmen vorgegeben, und er wird nicht mehr hinterfragt. Der Klimawandel ist schnell, gefährlich und ohne jeden Zweifel vom Menschen gemacht. Bundespräsidentin Leuthard schaut sich das nun an, um uns anschliessend zu sagen, was wir zu tun haben. Kritische Fragen zu Steffens Aussagen gehören nicht dazu. «Grönland schmilzt», kann der Klimaforscher deshalb sagen, ohne es belegen zu müssen.

In einer gleichentags auf Radio SRF ausgestrahlten Sendung weist Steffen noch darauf hin, dass durch das Abschmelzen der weltweite Meeres­spiegel bis zum Jahr 2100 um «bis zu einem Meter» ansteigen wird. Das wäre tatsächlich alarmierend. Steffen weiss vermutlich, dass diese Prognose kaum eintreffen wird. Darum schiebt er das «bis zu» vor den Meter. Die Prognose ist die schlimmstmögliche Berechnung im schlimmstmöglichen von Forschern beschriebenen Szenario. Es beruht auf unrealistischen Annahmen, nämlich einem rund dreimal höheren Anstieg des Meeresspiegels pro Jahr als Steffen selber angibt. Ein Meter ist immerhin deutlich weniger als die frei erfundenen sechs bis sieben Meter Meeresanstieg, die der frühere amerikanische Vizepräsident Al Gore behauptete. Das hindert Steffen und SRF nicht daran, Gores Besuch bei Steffen im Fernsehbeitrag zu erwähnen – um zu unterstreichen, wie wichtig Konrad Steffen und das «Swiss Camp» in Grönland seien.

Ein Zehntelpromille

Doch wie viel Eis schmilzt nun genau? Steffen beziffert das Abschmelzen im Radiobeitrag mit 365 Kubikkilometer Eis pro Jahr. Und weil sich darunter niemand etwas vorstellen kann, sagt er, das sei das sechsfache des Eisvolumens in den Alpen.

Der Vergleich mit den Alpen macht nur Sinn, um die Alarmstimmung aufrecht zu halten. Hätte Steffen das Schmelzen nämlich ins Verhältnis zum Eisvolumen von Grönland gestellt, immerhin fast drei Millionen Kubikkilometer, so hätte er zugeben müssen, dass die behauptete Schmelze nur gut ein Zehntel eines Promilles beträgt (0,12 Promille). Das heisst, dass es auch in mehreren Tausend Jahren noch Eis in Grönland geben dürfte und die Prognose von Steffen und den Moderatoren von SRF, dass Grönland «schmelze», noch sehr lange nicht eintrifft.

Es ist kompliziert

Eigentlich ist alles viel komplizierter. Klar ist nur, dass sich das Klima ändert, aber das ist nichts Neues. Es gibt Hinweise darauf, dass sich der Fluss des Eises in Grönland beschleunigt. Wie das jedoch genau passiert und wieso, ist noch nicht vollständig geklärt. Und es gibt Regionen, in denen das Eis tatsächlich schmilzt. Zum Beispiel dort, wo Steffens «Swiss Camp» steht. Aber genauso gibt es Regionen, in denen das Eis wächst. Ausgerechnet im letzten Jahr wuchs es fast überall. Wäre Steffen ein seriöser Wissenschaftler, hätte er auf die vielen offenen Fragen hingewiesen. Und ein seriöser Sender hätte ihn dazu befragt, statt seine Behauptungen ungeprüft zu übernehmen. «Gstältli» kaufen ist SRF offenbar wichtiger.

Veränderung des Grönlandeises 2017: Die Karte links zeigt die Zunahme in Millimeter des ­Grönlandeises, die Karte rechts die Veränderung zum Vorjahr. Quelle: Xavier Fettweis, Université of Liège, Belgium/MAR regional climate model (National Snow and Ice Data Center, NSIDC)

Darum darf Steffen auch unwidersprochen sagen, was er sich vom Besuch aus der Schweiz erwartet. Die Schweiz müsse «Vorbild in der Klimapolitik» werden und zwar mit «Gesetzen». Steffens Ziel ist offenbar nicht wissenschaftlich, sondern politisch. Aber selbst wenn er recht hat: Offen bleibt, ob der Klimawandel vom Menschen verursacht wird oder nicht. Sollte der Klimawandel natürlich sein, helfen alle Gesetze nichts. Aber der Klimaforscher (und SRF) stellt den Menschen als Verursacher als Tatsache in den Raum.

Bundespräsidentin Doris Leuthard ist übrigens gemäss ihrem Departement mit neun Begleitern (inklusive einem Journalisten der NZZ) mit dem Bundesrats-Jet via Kopenhagen nach Kangerlussuaq in Westgrönland gereist, von dort mit einem Linienflug nach Ilulissat und dann mit einem Helikopter ins «Swiss Camp» geflogen. Über die Kosten für die Steuerzahler und den Ausstoss an vermutlich klimaschädigendem Kohlen­dioxid gibt das Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation auf Anfrage keine Auskunft. Aufgrund früherer Reisen mit dem Bundesrats-Jet und öffentlich zugänglichen Berechnungen kommt man vorsichtig geschätzt auf knapp 100 000 Franken und 100 Tonnen CO2. (Basler Zeitung)

Erstellt: 09.08.2017, 09:23 Uhr

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