Hassprediger, bitte melden!

Es wäre an den muslimischen Verbänden, Scharfmacher in Schweizer Moscheen aufzuspüren. Wieso tun sie es nicht? Eine Analyse.

Vorgehen gegen «Heisssporne»: Polizei-Razzia in der An'Nur-Moschee in Winterthur.

Vorgehen gegen «Heisssporne»: Polizei-Razzia in der An'Nur-Moschee in Winterthur. Bild: Keystone

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Der Vorfall liegt 16 Jahre zurück, und er wäre nicht der Rede wert, wenn sich nicht erstaunliche Parallelen zu heute auftun würden. Im Februar 2000 recherchierte ich zum Thema Hassprediger in Schweizer Moscheen. Im Fokus hatte ich in erster Linie Imame, die Juden verunglimpften und Musliminnen, die mit einem Christen verheiratet waren. In mehreren Zürcher Moscheen, so machten Informanten glaubhaft, wirkten derartige Imame.

Doch wie beurteilte die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus (EKR) diese Frage? Ich traf mich mit Samia Osman, der damaligen Vizepräsidentin der EKR, sowie mit Präsident Georg Kreis. Während Osman noch nie von antisemitischen Hetzpredigten gehört haben wollte, herrschte mich Professor Kreis an: «Woher wissen Sie das?» Meine Antwort, dass ich über gute Quellen verfügen würde, vermochte den Ärger von Kreis nicht zu dämpfen. Es kam zu einem unerfreulichen Ausgang des Gesprächs; später ergab sich eine Schlichtung durch Vermittlung des damaligen Inlandschefs der Basler Zeitung.

Toxische Botschaften

Diese alte Geschichte ist aus drei Gründen von Belang. Zum Ersten sind offensichtlich viele muslimische Verbände – etwa der Verband islamischer Organisationen Zürich (Vioz) – nicht in der Lage, radikale Prediger in ihren Reihen ausfindig zu machen und sie aus dem Verkehr zu ziehen. Sie scheinen die Dimension des Problems bis heute nicht erkannt zu haben. Zweitens gibt es zahlreiche muslimische Verbandsvertreter, welche die Radikalisierung und andere Probleme herunterspielen. Zu ihnen gehört etwa Farhad Afshar, Präsident der Koordination Islamischer Organisationen Schweiz, der seit mehr als zwanzig Jahren allen kritischen Fragen ausweicht. Und drittens gibt es zahlreiche Politiker und andere Persönlichkeiten, welche die Tragweite der gegenwärtigen Probleme bis heute nicht erkannt haben. Den Muslimen in der Schweiz leisten sie damit einen Bärendienst.

«Woher wissen Sie das?» Diese Frage würde heute so wohl nicht mehr gestellt. Heute ist es – dank journalistischer Recherchen – aktenkundig geworden, dass an einzelnen Schweizer Moscheen radikale Prediger verkehren. Doch es sind wohl nur wenige «Heisssporne», die so weit gehen wie jüngst der äthiopische Prediger in Winterthur. Denn solche Imame müssen damit rechnen, mit der Schweizer Justiz in Konflikt zu geraten.

Moderat nur gegen aussen

Leider ist aber zu vermuten, dass es sehr viele Prediger und Verantwortliche in Moscheen gibt, die auf subtilere Weise eine ebenso toxische Botschaft verbreiten. Diese lautet: Die westliche Gesellschaft ist dekadent, sie kann für gläubige Muslime keine wirkliche Heimat sein, und diese müssen sich deshalb so stark wie möglich abschotten. Auch in zahlreichen als gemässigt bekannten Moscheen, so die Einschätzung des Basler Juristen und interreligiösen Mediators, Kader Tizeroual, gibt es zudem eine «klammheimliche» Sympathie für radikale Strömungen und ein doppelbödiges Auftreten gegenüber Behörden und den eigenen Leuten. Kurz: Moderat gegen aussen, fundamentalistisch nach innen.

Dies zu belegen, ist sehr schwierig, da solche Äusserungen in den meisten Fällen ausserhalb der Reichweite von Mikrofonen stattfinden. Doch mittlerweile gibt es zahlreiche Hinweise auf eine solche doppelbödige Haltung.

Doppelbödige Strategien

Die Gründe dafür sind sehr komplex. Zwei wichtige Faktoren seien hier erwähnt. Zum einen ist der Mehrheitsislam in den meisten arabischen Ländern schon längst von islamistischem und salafistischem Gedankengut infiziert worden. Der vor Kurzem verstorbene tunesische Autor Abdelwahhab Meddeb («Die Krankheit des Islam») wies als einer der Ersten darauf hin. Zum andern legen selbst weltbekannte Prediger wie Yussuf al-Qaradawi, der den Muslimbrüdern nahesteht und trotz seinem hohen Alter bis heute über enormen Einfluss verfügt, ihre Karten nicht wirklich auf den Tisch. Laut dem französischen Islamismus-Experten Gilles Kepel hat al-Qaradawi mehrfach die Hoffnung geäussert, es werde in den kommenden Jahren gelingen, was bereits zweimal gescheitert war: nämlich Europa zu islamisieren. Diese Aussagen machte der greise Prediger allerdings stets nur auf Arabisch, um nicht unnötig schlafende Hunde zu wecken. Kategorisch lehnte al-Qaradawi schliesslich die Trennung von Religion und Staat ab; für Muslime könne dies keine Option sein.

Solche doppelbödige Strategien und die Zurückhaltung extremistischen Imamen gegenüber zerstören das Vertrauen. Muslimische Verbände in der Schweiz täten gut daran, nicht nur radikale Kräfte in ihren Reihen zu identifizieren, sondern sich auch unmissverständlich von derartigen islamistischen Projekten zu distanzieren. Tun sie dies nicht, wird die Beziehung zwischen Muslimen und der Mehrheitsgesellschaft auch weiterhin angespannt bleiben. (Basler Zeitung)

Erstellt: 07.11.2016, 10:26 Uhr

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