Heimat ist nichts Unanständiges

Was die Schweiz ausmacht, sollten nicht jene definieren, die sich für sie genieren. Veganer haben schliesslich auch keine Ahnung, wie man Fleisch richtig zubereitet.

Schweiz vom Feinsten – Blick vom Fronalpstock auf den Vierwaldstättersee.

Schweiz vom Feinsten – Blick vom Fronalpstock auf den Vierwaldstättersee. Bild: Keystone

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Treffen sich vier Vegetarier zum Grillfest und diskutieren, ob das Rindsfilet à point gebraten werden soll oder leicht blutig. So etwa fühlt es sich an, wenn hierzulande vier Intellektuelle über Heimat reden. Das wird spätestens klar, als die Moderatorin des Podiums im Rahmen der BuchBasel, Barbara Bleisch, den berühmten Fragebogen von Max Frisch zitiert: «Hat Heimat für Sie eine Flagge?»

«Nein!» Heisst es da sowohl von Balthasar Glättli, dem Fraktionsvorsteher der Grünen im Nationalrat, als auch von der Philosophin Catherine Newmark, einer Deutsch-Engländerin. Nein auch von Katja Gentinetta, ehemals Geschäftsführerin des Thinktanks Avenir Suisse, jetzt unter anderem Moderatorin der «Sternstunden Philosophie» im Schweizer Fernsehen. Immerhin überlegt sie sich kurz, als Walliserin, ob vielleicht nicht doch das Walliser Wappen eine passende Antwort wäre.

«Heimat». So lautete die grosse thematische Klammer des Festivals BuchBasel am vergangenen Wochenende. Unter ganz unterschiedlichen Aspekten wurde darüber geredet, neben der bereits erwähnten philosophischen Runde gab es auch den politischen Blickwinkel, den literarischen und schliesslich den humorvollen.

Lieber die Aussensicht

Insgesamt waren es acht Podiumsveranstaltungen. Von den 23 Referentinnen und Referenten waren nur neun Schweizerinnen oder Schweizer. Das lässt schon mal erahnen, dass die Veranstalter bei der Frage nach dem Wesen der Heimat eher auf eine Aussensicht erpicht waren als auf eine Bestandesaufnahme im Innern. Heimat scheint immer dann besonders interessant zu sein, wenn Menschen berichten, die sie verloren haben. Solange man sie hat, ist sie offenbar etwas, für das man sich schämt. Was verbindet diese neun Schweizerinnen und Schweizer, die da zu Gewährspersonen wurden? Was verbindet Barbara Bleisch, Katja Gentinetta und Balthasar Glättli mit dem Basler Historiker Georg Kreis, dem Schriftsteller Jonas Lüscher, der Bundesrätin Simonetta Sommaruga, den Historikern Brigitte Studer und Jakob Tanner sowie dem Kabarettisten Gabriel Vetter? Ein akademischer, urbaner Hintergrund.

Darf es also überraschen, dass sie der Heimat alle eher kritisch gegen­über­stehen? Heimat sei etwas für Zurückgebliebene, sagt Glättli. «Für alle, die Nestwärme suchen, Geborgenheit. Das Regressive.» Es sei die Suche nach Sicherheit, so Gentinetta. Heimat sei ein Begriff, der sehr stark «populistisch bedient werde», findet Moderatorin Barbara Bleisch.

Die Krankheit der Schweizer

Ganz direkt fragt Bleisch schliesslich Glättli: «Was ist Heimat für Sie?» – «Das habe ich mir noch nie überlegt. Dass alle Strassen Randsteine haben? Ich habe nicht die Krankheit der Schweizer, das Heimweh.» La maladie suisse nannte man früher das, worauf Glättli anspielt. Die Schweizer Söldner in fremden Diensten, die sich nach der Heimat sehnten. Damals muss es sie also noch gegeben haben.

Die Analyse von Bleisch, Gentinetta, Glättli und Newmark, vier Intellektuelle, die alle Philosophie studiert haben, gipfelt in der Behauptung, wer kein Selbstwertgefühl habe, der verstecke sich hinter dem Heimatgefühl.

Da wünscht man sich Widerworte, Proteste, Unmutsäusserungen im Publikum oder wenigstens einen Menschen auf dem Podium, der sich für die Schweiz, seine Heimat, einsetzt. Doch es herrscht nur selbstzufriedene Eintracht. Der einzige der 23 Köpfe, von denen hier die Rede ist, der seine Stimme über diesen Einklang hinaus hob, war ein gross gewachsener Schwabe, ausgerechnet. Harald Schmidt, der Fernsehstar, beschrieb die Stimmung an diesen Podien der BuchBasel präzise, obwohl er selber nur Zeuge eines einzigen war: «Das affirmative Klatschen, wenn man die eigene Meinung bestätigt erhält.»

Langeweile garantiert

Dabei ist diese Art Diskussion vom intellektuellen Gehalt her eines Buchfestivals unwürdig. Wenn sich von Anfang an alle einig sind – Migration ist gut, Heimat nur bei anderen beneidenswert, sonst etwas, für das man sich geniert – ist Langeweile garantiert. Aber es tut natürlich viel weniger weh, als auf einen sogenannten Populisten – von populus, das Volk – zu stossen, der eine abweichende Haltung hat, für den Heimat, ja Kruzifix und sapperlot, tatsächlich existiert.

Vielleicht hat die Historikergeneration von Georg Kreis und Jakob Tanner ihren Teil zu diesem speziellen Heimatgefühl in der Schweiz wesentlich beigetragen. Wenn man mit aller Wucht sämtliche Mythen zu zerstören versucht, wenn man der tumben Bevölkerung beharrlich erklärt, dass es die Schweiz der traditionell überlieferten Geschichten gar nicht gegeben hat, keinen Tell, keinen Winkelried, nichts, worauf soll das Heimatgefühl fussen? Wer keine gemeinsamen Geschichten mehr teilt, hat sich auch nichts mehr zu sagen. So wirft sich halt niemand mehr in die Bresche – oder nur noch heimlich. Seit der Bergier-Kommission gilt dieses Bild der jüngeren Geschichte: Die Schweiz war im Zweiten Weltkrieg ein Land der Kriegsgewinnler, der Profiteure, der Gnomen. Heimatstiftend dies? – Eher nein.

Analysefähigkeit von erstaunlicher Schwäche

Dass sich solche wissenschaftlich erarbeiteten Meinungen nicht mit dem decken, was viele Schweizerinnen und Schweizer empfinden, ist den klugen Köpfen egal. Sie können und wollen es auch immer noch nicht begreifen, dass Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde. Ihr Empörungspotenzial ist enorm. Ihre Analysefähigkeit von erstaunlicher Schwäche.

«Brexit, Trump – wie schlimm kann es noch kommen?», fragte Matthias Daum, der Gesprächsleiter am Sonntagnachmittag auf dem Podium mit Harald Schmidt und Gabriel Vetter. «Dann müssen Sie halt nicht abstimmen lassen, wenn Sie das Ergebnis nicht akzeptieren können», konterte Schmidt cool.

Überraschend emotional hatte immerhin Bundesrätin Simonetta ­Sommaruga bei ihrem Auftritt in Basel argumentiert. Heimat sei für sie ein Geruch, der Geruch von Polenta. Da hat sie recht. Heimat ist vor allem auch etwas Sinnliches. Der Duft einer Alpenwiese im Juli, der Blick vom Fronalp­stock auf die Innerschweiz, das Geläut einer Kuhglocke. Wer am Flughafen Zürich mit dieser Untergrundbahn hinaus zum Terminal E fährt, sieht im Tunnel auf einer Dauerinstallation diese Bilderbuch-Schweiz, hört das Muhen der Kühe. Bei wie vielen taucht dort der Wunsch auf, gar nicht wegzugehen? Wie viele freuen sich bei der Ankunft, wenn es vom Terminal E wieder zurück zum Terminal A geht, daheim zu sein?

Warum kein Mundartdichter?

Heimat ist nicht zuletzt auch Sprache, gopferdelli, gerade dies hätte im Rahmen einer BuchBasel doch wiederholt unterstrichen werden müssen. Sich so ausdrücken zu dürfen, wie einem der Schnabel gewachsen ist, z Basel an mym Rhy. Warum liess man nicht Pedro Lenz zu Wort kommen, zum Beispiel, oder einen anderen, der in der Mundart dichtet?

Heimat ist vielleicht erst dann richtig tief drinnen zu spüren, wenn andere kommen und sie einem gewaltsam wegnehmen wollen. Vielleicht hätte man halt an der BuchBasel einen Mann fragen müssen, was Heimat ist, der im Krieg Aktivdienst leistete. Oder vielleicht jemanden in der langen Schlange, die sich am Sonntag kurz vor 17 Uhr vor der Elisabethenkirche bildete, weil dort das Appenzeller Konzert stattfand. Wetten, dass man eine ganz andere Meinung und Einstellung zu Heimat hätte erhören können? Vielleicht hätte man Bleisch, Gentinetta, Glättli, Kreis, Lüscher, Sommaruga, Studer, Tanner und Vetter auch nur fragen müssen, wo sie denn ihre letzte Stunde erleben, wo sie zur Ruhe gebettet werden wollen: Burundi, Bali, Belgien, beliebig? Oder doch lieber Basel, Belp, Blatten, Brissago?

Niemandem den Mund verbieten

Heimat ist, in einer Demokratie aufgewachsen zu sein, die einst an vielen Orten der Eidgenossenschaft im Offenen stattfand. Da stand man auf dem Landsgemeindeplatz nebeneinander, aber wenn der eine seine Hand erhob, um seine Stimme zu geben, akzeptierte er es, wenn der andere sie unten liess. Man mag gestritten haben, nachher in der Beiz bei einem Jass, einem Schnaps und einem Stumpen, aber es kam wohl keinem in den Sinn, dem oder der anderen den Mund zu verbieten oder ihr oder ihm nicht zuzuhören. (Basler Zeitung)

Erstellt: 16.11.2016, 09:23 Uhr

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