Hillary aus dem Aargau

Plötzlich hat die grüne Neo-Nationalrätin Irène Kälin den Vorwurf des Sexismus näher, als ihr dies lieb sein dürfte.

Zur Sexismus-Debatte schrieb Irène Kälin, dass «grapschende Chefs und schmierige Aussagen von Kollegen» als «kriminelle Handlungen gewertet und verfolgt werden müssen».

Zur Sexismus-Debatte schrieb Irène Kälin, dass «grapschende Chefs und schmierige Aussagen von Kollegen» als «kriminelle Handlungen gewertet und verfolgt werden müssen». Bild: Keystone

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Dumm gelaufen ist das für die grüne Neo-Nationalrätin Irène Kälin aus dem Aargau. Ausgerechnet ihr Partner Werner de Schepper, Ex-Blick-Chefredaktor und heutiger Co-Chef der Schweizer Illustrierten, dem sie wesentlich ihre politische Karriere verdankt, ist mit dem Vorwurf konfrontiert, seine Stellung als Vorgesetzter für sexuelle Belästigungen ausgenutzt zu haben.

Er soll, so berichtete der Tages-Anzeiger, mit Worten und Taten, von anzüglichen Sprüchen bis zu «ungewollten Küssen», übergriffig geworden sein. Bewiesen ist auch in diesem Fall noch nichts, aber die Hinweise von einem Dutzend Betroffenen sind stark – und weder Feministinnen noch Blick-Chefs halten in der Regel viel von der eigentlich auch hier geltenden Unschuldsvermutung.

Eine links-grüne Krähe hackt der anderen links-grünen Krähe kein Auge aus.

Frau Kälin beantwortete gestern die konkreten Fragen der BaZ nicht. Was sie aber eigentlich über das Verhalten ihres Partners denken müsste – falls es den Tatsachen entspricht –, kann man auf ihrer Webseite lesen.

Da schrieb sie – die Sexismus-Debatte im Parlament war in vollem Gange –, dass «grapschende Chefs und schmierige Aussagen von Kollegen» als «kriminelle Handlungen gewertet und verfolgt werden müssen». Und weiter: «Ich wünsche uns den Mut, hinzustehen und sexuelle Gewalt vorbehaltlos zu melden und sexuelle Belästigung laut und deutlich zu benennen.» Sie werde «dem Sexismus den Kampf ansagen». Damals, Ende November, ging es noch um den CVP-Nationalrat Yannick Buttet – und es brauchte wenig Mut, um mit markigen Worten in den Kampf zu ziehen.

Me too, aber andersrum

Plötzlich hat Frau Kälin den Vorwurf des Sexismus näher, als ihr dies lieb sein dürfte. Ob sie tatsächlich noch der Meinung ist, die allfälligen Übergriffe ihres Partners müssten als «kriminelle Handlungen gewertet und verfolgt werden»? Und ob sie sich eine Anzeige gegen Werner de Schepper von einer der Frauen herbeisehnt – oder es gerade selber für sie erledigt? Und ob sie sich mit ihnen solidarisieren würde?

Die Fragen bleiben leider offen. Eine links-grüne Krähe hackt der anderen links-grünen Krähe kein Auge aus. Klar ist, dass Frau Kälin nie wieder glaubwürdig etwas zu sexueller Belästigung sagen kann – solange die Vorwürfe gegen ihren Partner nicht ausgeräumt oder sie sich von ihm distanziert hat. Das ist eigentlich schade. Es geht ihr dann wie Hillary Clinton, die Donald Trump auch nicht mehr glaubwürdig wegen dessen Anzüglichkeiten diffamieren konnte, weil sie ihrem Sexisten zu Hause alles durchgehen liess. (Basler Zeitung)

Erstellt: 22.12.2017, 09:40 Uhr

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