«Konsumentenschutz am Apparat…»

Die Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) inszeniert sich als grosse Kämpferin gegen Werbeanrufe. Dabei liess die Stiftung selber schon mit Telefonmarketing Spenden eintreiben.

Doppelmoral: SKS-Geschäftsleiterin Sara Stalder.

Doppelmoral: SKS-Geschäftsleiterin Sara Stalder. Bild: Keystone

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Vorgestern teilte die Swisscom mit, dass ihre Festnetzkunden ab Ende Monat mehr Nummern als bisher sperren können. So sollen unerwünschte Werbeanrufe verhindert werden.

Gleichentags bejubelte die Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) den Entscheid. In einer Medienmitteilung stellte sie den Vorgang so dar, dass Swisscom dieses Angebot wegen des Engagements des Konsumentenschutzes einführe. Die Lösung von Swisscom sei ein «Etappensieg» gegen unerwünschte Werbeanrufe. «Wir werden uns weiterhin dafür einsetzen, dass alle Anbieter für ihre Festnetz- und Mobilfunkkunden eine Lösung bereitstellen», liess sich SKS-Geschäftsleiterin Sara Stalder zitieren. In der abendlichen «Tagesschau» von SRF 1 durfte sie sich mit besorgter Miene als Kämpferin gegen Werbeanrufe darstellen. Die technische Lösung sei «ein wichtiger Schritt», müsse aber auch für Mobilkunden möglich werden.

Das Problem bei dieser Inszenierung ist, dass die Stiftung für Konsumentenschutz selber auch schon Telefonmarketing in Auftrag gegeben hat. Mindestens in den Jahren 2009 bis 2011. Da lief die Kampagne der Stiftung gegen unerwünschte Werbeanrufe schon einige Jahre und Sara Stalder war bereits Geschäftsleiterin. Präsidentin war die heutige SP-Bundesrätin Simonetta Sommaruga.

Telefonwerbung für Spenden …

Die SKS liess damals die Firma Spiritline in Bern rund 10 000 ehemalige Gönner und Spender der Stiftung anrufen und zu neuerlichen Geldüberweisungen überreden, wie die SKS auf Anfrage bestätigt. Insgesamt seien der Stiftung rund 30 000 Franken verrechnet worden. Das «Sternchen» im Telefonbuch, mit dem die Besitzer des Anschlusses eigentlich klar mitteilen, dass sie keine Werbeanrufe wünschen, sei nie ein Thema gewesen. Weder habe Spiritline auf solche Telefonnummern verzichtet, noch habe die Stiftung für Konsumentenschutz gefordert, dass dies respektiert werde. Das sagt Patrick Dütschler, der damals in der Geschäftsführung der Spiritline sass. Dütschler baut mit einem eigenen «Konsumentendienst» eine Konkurrenz zur Stiftung auf. Nach eigenen Angaben wollte er sich schon mehrfach mit der SKS zu einer Aussprache treffen, was aber jeweils abgelehnt worden sei.

… oder bloss Adressbereinigung

Die SKS teilt auf Anfrage mit, es habe sich beim damaligen Telefonmarketing bloss um eine Bereinigung der Adressdatenbank gehandelt. Dagegen habe die Stiftung für Konsumentenschutz nichts einzuwenden. Sie wehre sich bloss gegen «Kaltakquise», also gegen Werbung bei Personen, die noch nie etwas mit dem Absender der Werbung zu tun hatten. Dütschler erinnert sich allerdings, man sei von der SKS pro erfolgreiche Spende bezahlt worden. Das legt den Schluss nahe, dass Spenden­einnahmen wichtiger waren als das Bereinigen der Adressdatenbank.

Das Fundraising der SKS steht nicht zum ersten Mal in der Kritik, und zwar auch wegen «Kaltakquise». Vor einem Jahr verschickte die Stiftung Werbebriefe an teuer eingekaufte Adressen, die noch nie etwas mit der Stiftung zu tun hatten, und bot ihnen eine «Gönnermitgliedschaft» mit «Rechtsberatung» an. Beides entsprach nicht der ganzen Wirklichkeit: Mit der Gönnermitgliedschaft sind nämlich gar keine Mitbestimmungsrechte in einem Verein verbunden. Es gibt gar keinen Verein. Und die Rechtsberatung ist keine juristische Beratung wie beispielsweise bei einer Rechtsschutzversicherung, sondern wird von einer Nichtjuristin bereut.

Ebenfalls seit 2009 und noch unter Präsidentin Simonetta Sommaruga arbeitet die Stiftung zum Spendensammeln mit Corris zusammen. Das ist eine Agentur, die im Auftrag des Kunden auf der Strasse Standaktionen durchführt. Die Corris-Mitarbeiter geben sich dabei als Mitarbeiter der SKS aus. Sie sprechen Passanten an und versuchen, sie in ein Gespräch zu verwickeln, um am Ende eine Spende oder eben eine als Mitgliedschaft getarnte regelmässige Überweisung zu erhalten, möglichst im Lastschriftverfahren, um regelmässig vom Konto des Spenders Geld abheben zu können. Das Problem dabei: Das Geld der ersten zwei bis drei Spenden landet gar nicht bei der Organisation, also hier dem Konsumentenschutz, sondern bei Corris. Darüber werden aber die Passanten nicht informiert. Sie lässt man im Glauben, es mit einem Mitarbeiter des Konsumentenschutzes zu tun zu haben.

Kein Geld von der Wirtschaft

Auf Anfrage bestätigt die SKS, dass man jährlich eine Kampagne zur Gewinnung von Förderern durchführe: «Zwei bis drei Personen sind für rund sechs Wochen für die SKS auf der Strasse.» Die dafür getätigte Investition sei nach rund 18 Monaten amortisiert. «Die Spendensammler sind verpflichtet, über ihr Vertragsverhältnis zu uns transparent Auskunft zu geben», sagt Sprecher Alex von Hettlingen. Wie viel pro spendende Person denn abgeliefert werden muss – und damit gar nie beim Konsumentenschutz landet –, liess die SKS jedoch unbeantwortet.

Die Stiftung lebt wesentlich von Zahlungen von linken politischen Organisationen wie dem Schweizerischen Gewerkschaftsbund, dem Mieterverband oder dem Verkehrsclub. Das Jubiläum liess man sich von den Grossverteilern finanzieren. Trotzdem betonte gestern Sprecher von Hettlingen: «Die SKS nimmt keine Gelder aus der Wirtschaft und aus der Politik entgegen.»

Die Stiftung nimmt es mit den eigenen Regeln schon länger nicht so genau. Als die SKS 2013 einen Webshop eröffnete, entsprachen die Geschäftsbedingungen nicht einmal den von der SKS selber geforderten Minimalstandards zum Schutze der Konsumenten. (Basler Zeitung)

Erstellt: 17.11.2016, 09:33 Uhr

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