Land der Revolutiönli

Wenig hat die Schweiz so geprägt wie der Konflikt zwischen Eliten und Basis. Heute noch.

Ein Wirt, den alle den «General» nannten. Heinrich Fischer führt die Formation Richtung Lenzburg an.

Ein Wirt, den alle den «General» nannten. Heinrich Fischer führt die Formation Richtung Lenzburg an.

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Es muss ein seltsamer Anblick gewesen sein: Gut 6000 junge Männer, bis an die Zähne bewaffnet, mit Uniformen ausgestattet oder auch nicht, aber in guter Formation, marschierten Richtung Lenzburg, angeführt von einem Wirt, den alle den «General» nannten, obwohl er bloss Hauptmann der Kavallerie war: Heinrich Fischer, der Schwanenwirt aus Merenschwand, sass auf seinem Pferd, trug Zivilkleider, aber einen Kavalleriesäbel und ein Abzeichen, das ihn als Grossrat des Kantons Aargau kennzeichnete, dabei neigte er sich auf alle Seiten, «mit entblösstem Haupt aufs freundlichste grüssend», wie es in den zeitgenössischen Quellen hiess.

Fischer zog in den Bürgerkrieg. Revolution in der Schweiz: Ein Haufen von Verrückten und Wilden, so dürfte es gewirkt haben, war an diesem Morgen des 6. Dezember 1830 im Freiamt aufgebrochen, um mit Gewalt die Regierung in Aarau, die ihnen unbeliebt erschien, zu stürzen. Der Kleine Rat, so hiess die Regierung, hatte zwar alles versprochen, was die Verrückten gefordert hatten, insbesondere eine neue Verfassung, aber auch bessere Bedingungen etwa für die Weinbauern oder eine tiefere Vermögenssteuer, doch die Aarauer Politiker waren zu langsam vorgegangen, hatten getrödelt und zu lange nachgedacht und debattiert: Nun fürchteten sie um ihr politisches Überleben, wenn nicht um ihr richtiges Leben.

Aufstand der Vergessenen

Wenn man verstehen will, warum die Schweiz eines der merkwürdigsten Länder der Welt geworden ist, dann bietet dieser Freiämtersturm, unter welchem Namen dieser Kriegszug nachher in die Geschichte eingehen sollte, bestes Anschauungsmaterial. So gut wie jedes Land ist ein Sonderfall, genauso wie sich sehr viele Länder in gewissen Dingen ähneln; was die Schweiz jedoch zu einem fast einzigartigen Sonderfall macht, ist in erster Linie die Politik, insbesondere das Verhältnis zwischen Eliten und Volk, oder wenn man diesen Begriff lieber mag: Basis. Weil wir derzeit im Westen nichts anderes beobachten als ein in sich laufend vertiefender Riss zwischen oben und unten, besser: zwischen politischer Elite und den «Vergessenen», wie sie der amerikanische Präsident Donald Trump genannt hat, also Wählern, die sich nicht mehr vertreten und gehört fühlen, und die sich deshalb neuen, unerprobten, «populistischen» Parteien zuwenden, lohnt es sich, die Schweiz zu studieren. Denn in keinem Land kommt es häufiger zu populistischen Revolten, und in keinem Land bricht eine solche auch rascher auf. Kleinigkeiten genügen. Vor allen Dingen gilt, dass in keinem Land die Eliten diesen Konflikt so häufig verlieren, und die Basis so oft sich durchsetzt. So geschah es auch 1830 im Aargau.

Kaum hatte die Regierung in Aarau von General Fischers Vorrücken vernommen, mobilisierte sie in Panik ihre Truppen. Weil es sich hierbei wie überall um Milizsoldaten handelte, die selber als Bürger sich eine Meinung von der Regierung gemacht hatten – und diese war ungünstig –, fiel es der Regierung sehr schwer, die Leute einzuberufen. Nach Bad Schinznach rückten selbst die Offiziere nicht vollzählig ein, und der Chef, ein Oberstleutnant Schwarz aus Mülligen, tauchte zu spät auf und dann erst noch in Zivil. Er stand im Verdacht, mit den Aufständischen zu sympathisieren. Die Abteilung aus Brugg hätte 65 Soldaten umfasst, doch 25 blieben weg, die einen hatten sich krank gemeldet, die andern als «ortsabwesend»; als man schliesslich den Befehl zum Abmarsch gab, kamen bloss acht mit. Manchmal rückten die Leute zwar ein, schlichen während der Nacht aber wieder ab. Ein Leutnant Sauerländer hatte 250 Mann in Frick aufgetrieben und in Küttigen Quartier bezogen, am nächsten Morgen waren nur noch 50 da. Die andern sassen wohl wieder zu Hause.

Die Regierung kapitulierte umgehend

Dass unter solchen Umständen eine Rebellion schwer abzuwehren war, versteht sich von selbst. Als es bei Lenzburg zur «Entscheidungsschlacht» kam, fielen zwar ein paar Schüsse, doch die Regierungstruppen gaben sogleich auf. Kein Wunder, man hatte ihnen verboten, auf Menschen zu zielen, und auch die Rebellen schossen bloss ins Leere. Immerhin, damit es nach Krieg aussah, liessen sich ein paar Offiziere gefangen nehmen, eine Kanone wurde abgeführt, und unbehelligt, als hätten sie nichts Böses im Schilde, zogen General Fischer und seine 6000 Rebellen aus dem Freiamt in Aarau ein. Triumph der Unverschämten: Die Regierung kapitulierte umgehend, versprach Reformen und rief einen Verfassungsrat ins Leben. General Fischer wurde dessen Präsident.

Bald erhielt der Kanton Aargau eine der liberalsten und demokratischsten Verfassungen der damaligen Welt. Das Wahlrecht, um bloss ein Beispiel zu nennen, wurde allen Männern ab 24 Jahren zugestanden, was ausserhalb der Schweiz so gut wie nirgendwo vorkam. 6000 verärgerte, junge, tief katholische Männer aus dem Freiamt hatten mehr erreicht als im Ausland fast jede andere revolutionäre Bewegung. Die Ursachen dieses Erfolges sind hier nicht weiter zu vertiefen, natürlich fällt ein Vorzug der Schweiz auf: Die Regierungen hatten keine Berufsarmee zur Verfügung, sondern im Zweifelsfall waren die Bürger, allesamt seit Alters her selber bewaffnet, stärker als jedes Regime.

Die unkluge Elite

Heute sind solche Rebellionen in der Schweiz nicht mehr vonnöten, denn als Folge dieser vielen populistischen, durchaus gewaltbereiten Revolten in früheren Zeiten haben wir Institutionen erhalten, die direktdemokratisch sind und dem einfachen Bürger mehr Rechte und Möglichkeiten einräumen als sonstwo auf der Welt. Ohne Kampf, ohne Aufstände, das sei betont, wäre es aber nie so weit gekommen. Weil wir solche Institutionen besitzen, werden Konflikte zwischen Elite und Basis in der Schweiz nach wie vor rasch beigelegt, meistens immerhin, sofern sich die Eliten klug verhalten.

Gewaltiges Zerstörungswerk

Das ist derzeit nicht mehr der Fall. Zwei Entwicklungen müssen uns Sorgen bereiten: Zum einen beginnen sich die Eliten, also die Akademiker, die Reichen, die Studenten zusehends kulturell vom übrigen Volk abzuschotten. Ein Beispiel: Was als politisch korrekte Sprache, als ökologische Lebensweise oder vegane Ernährung in diesen privilegierten Kreisen gepflegt wird, bewirkt in Tat und Wahrheit oft nichts anderes als eine Art Segregation. Ob bewusst herbeigeführt oder nicht, spielt keine Rolle, auf das Ergebnis kommt es an, und dieses dient auch dem Bedürfnis nach sozialer Distanz. Zu Deutsch ausgedrückt: Wir leben besser, weil gesünder oder moralisch einwandfreier, als Ihr da unten oder da draussen auf dem Land. Politisch zeigt sich diese geradezu klassengesellschaftliche Abgrenzung bei Abstimmungen, wenn die Politologen etwa einen Stadt-Land-Graben diagnostizieren: Ohne Zweifel geht es auch um politische Gegensätze, oft genug sind diese aber längst kulturell überformt. Mit anderen Worten: Oberschicht, Mittelschicht und Unterschicht leben selbst in der einst egalitären, republikanischen Schweiz in je eigenen Welten. Wie unsere Oberschicht, besonders die junge in den rot-grünen Städten, lebt, denkt und spricht – bleibt für die übrigen Leute im Land oft ein Buch mit sieben Siegeln, unverständlich und unzugänglich.

Die zweite Entwicklung ist politischer Natur. Unter dem Druck der europäischen Integration suchen unsere Eliten immer mehr ihr Heil in der Anpassung an die EU, dabei nehmen sie in Kauf, dass jene direktdemokratischen Institutionen, die es der Schweiz ermöglicht haben, den Gegensatz zwischen Eliten und Basis meistens schöpferisch zu bewältigen, zugrunde gehen. Ein institutionelles Rahmenabkommen, wie es der Bundesrat anstrebt, das wichtige Bereiche unserer Gesetzgebung faktisch einem demokratischen Verfahren entzieht, ist Gift für unser Land. Die Nachfahren von Heinrich Fischers jungen Wilden lassen sich so leicht nicht mehr um ihre Rechte bringen. Dabei handelt es sich nicht um eine überkommene Vergottung des Souveräns, wie manchmal unterstellt wird, sondern es geht um den Kern dessen, was den Erfolg dieses Landes ausmacht: Bei uns haben populistische Revolten selten im Bürgerkrieg geendet, bei uns haben die Eliten stets verstanden, dass sie eine Basis brauchen, die sie trägt – und diese Basis selber war sich bewusst, dass es Eliten benötigt. Zurzeit wirkt es so – und nicht bloss in unserem Land –, dass beide Seiten meinen, unabhängig voneinander leben zu können – und getrennt unterzugehen.

Besonders in Europa lässt sich besichtigen, wohin das führt: Die Eliten bilden sich ein, auf die Zustimmung weiter Teile des Volkes verzichten zu können, und das Volk wählt Eliten, die nicht zu regieren verstehen. Das kommt selten gut. Es droht Sturm. (Basler Zeitung)

Erstellt: 17.03.2018, 07:50 Uhr

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